My Personal TV Digital Fernsehen mal ganz persönlich

Eigene TV-Kanäle, ein intelligenter Programmberater und Hunderte Redakteure: Mit Millioneninvestitionen und einer grundlegend neuen Technik wollen der Springer-Verlag und ein Partner das Fernsehen revolutionieren. Genug Zeit dafür haben die Initiatoren des Projekts sich genommen.

Von


Eine Revolution braucht Zeit. Ein paar Jahre werde es schon dauern, dann aber werde man das Fernsehen nicht wiedererkennen, da sind sich die Manager des Philips Spin-Offs Aprico und von Axel Springer Digital TV Guide einig. Gemeinsam haben die beiden Unternehmen in Hamburg ein System vorgestellt, das TV-Nutzern helfen soll, aus dem ständig wachsenden Medienangebot die wirklich interessanten Filme und Videos herauszufiltern.

Was zunächst erscheint wie ein Festplattenrecorder mit aufgebohrter elektronischer Programmzeitschrift (EPG) entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ausgesprochen spannendes Konzept, TV und Web-Videos miteinander und vor allem mit zielgerichteter Werbung zu verweben.

Weshalb es dringend nötig sei, die Bedienung von Videorecordern zu vereinfachen, erklärte Aprico-Cheftechniker Adolf Proidl. Er zitierte aus einer Studie, der zufolge die vielen Videorecorder, die schon heute in den Haushalten stehen, kaum genutzt werden. Nur drei Prozent der Recorderbesitzer nähmen tatsächlich regelmäßig Sendungen auf, so Proidl. Das als My Personal TV Digital bezeichnete Angebot der Partnerfirmen soll das ändern. Live-TV würde damit zur Ausnahme, vollständig personalisiertes Fernsehen die Regel werden.

Das Funktionsprinzip ist denkbar simpel. Findet man in der Programmübersicht oder im laufenden Programm eine Sendung, die gefällt und die man regelmäßig sehen will, erstellt man für diese per Knopfdruck einen virtuellen TV-Kanal. Genau dieser Kanal wird dann künftig beispielsweise mit allen neuen Folgen der ausgewählten Fernsehserie gefüllt oder täglich mit aktuellen Nachrichten oder Reportagen gefüttert. Wer mag, kann die Sache auch anders angehen, sich ein spezielles Suchprofil anlegen. Etwa für Spielfilme mit Harrison Ford, an denen aber nicht Steven Spielberg beteiligt war.

Zusätzlich zu den Sendungen, die auf diese Weise aufgezeichnet werden, sucht die Software thematisch passende Sendungen anderer Sender zusammen, bietet diese ebenfalls zur Aufzeichnung an. Auf diese Weise entsteht sehr schnell ein personalisierter TV-Kanal, durch den man sich wie beim normalen Fernsehen hindurchzappen kann. Mit der üblichen Programmierung eines Videorecorders hat das nicht mehr viel zu tun. Mit der bisher gängigen Art fernzusehen, indem man sich vor die Glotze setzt und berieseln lässt, auch nicht. Stattdessen wählt man einen der selbstangelegten Kanäle und schaut, was frisch auf der Festplatte gelandet ist.

Hundert Redakteure schreiben für den EPG

Für die Programmdaten, nach denen die Software bestimmt, welche Sendungen zusammenpassen und welche nicht, werden von Springers TV-Redaktion zugeliefert. Die Informationen, die mit dem TV-Signal gesendet und von vielen TV-Geräten als EPG genutzt werden, reichen dafür nicht aus.

Stattdessen sind ausführliche Metadaten vonnöten, nach denen sich die Angebote kategorisieren lassen. Insgesamt hundert Redakteure, so Springers Verlagsleiter TV Digital und TV Guide, Stephan Zech, seien damit beschäftigt, die benötigten Daten zusammenzustellen. Dieser Aufwand zeigt allerdings auch, was sich Springer dieses Projekt kosten lässt. Eine deutlich siebenstellige Summe, so der Verlagsmanager, habe man bisher investiert.

Und das ist wohl auch dringend nötig. Aprico-Chef Jeroen Coppendijk geht davon aus, dass europäische Haushalte derzeit etwa 170 bis 180 digitale TV-Kanäle empfangen können, Tendenz steigend. Hinzu kommt eine wachsende Zahl von On-Demand-Angeboten aus dem Internet, die ebenfalls von My Personal TV Digital erfasst werden sollen. Denn auch solche Online-Videos soll man in die personalisierten TV-Kanäle einbinden können. Die Grenze zwischen Fernsehen und Web-TV verschwimmt damit zusehends, Anbietern von Internet-TV-Sendungen eröffnen sich vollkommen neue Zuschauergruppen. Nämlich nicht mehr nur die Freaks an ihren Heim-PCs, sondern auch die Couch-Kartoffeln, die sich einfach nur am Fernseher entspannen wollen.

Werbung, nur wenn man will

Entspannt kann man als Anwender auch das Erlösmodell des neuen TV-Dienstes betrachten. Anders als beispielsweise TiVo soll das komplette Angebot für die Nutzer kostenlos bleiben. Einnahmen sollen vornehmlich durch Werbung erzielt werden.

Werbetreibenden werden dafür unterschiedliche Werbeformen angeboten: Bannerwerbung auf der Benutzeroberfläche, Werbefilme, die in die persönlichen Kanäle eingebunden werden sowie Firmenkanäle, die Unternehmen mit ihren Promo-Filmchen bestücken könnten. Als Beispiel wurde das Angebot eines Autoherstellers gezeigt. Denkbar sind aber beispielsweise auch Kochsendungen von Lebensmittelherstellern und ähnliches.

Das besondere an den Werbefilmchen: Anders als Werbung, die im laufenden Programm als Unterbrechung eingeblendet wird, bestimmt man hier selbst, was man ansehen will und was nicht. Was nicht gefällt, klickt man einfach weg. Anders als normale Werbespots dürfen und sollen die Filme hier allerdings gerne länger als die in Werbepausen üblichen 30 Sekunden sein.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.