Nintendo-Chef Iwata "Wir verstehen, dass die Leute enttäuscht sind"

Nintendo hat mit den Konsolen DS und Wii erstmals Spiele außerhalb der Kernzielgruppe plaziert. Doch die alten Fans, die Hardcore-Gamer werden langsam unruhig. Ein Interview mit Konzernchef Satoru Iwata über die Angst vor dem Scheitern und den Spagat zwischen "core" und "casual".

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen fünf Jahren, seit Sie Präsident von Nintendo sind, hat sich der Spielemarkt fundamental verändert. Leute, denen Videospiele egal waren, kaufen jetzt Konsolen ...

Satoru Iwata: Ich habe immer daran geglaubt, dass mehr Leute Videospiele spielen würden, wenn die Hürde zwischen ihnen und dem Spiel niedriger würde als sie war und vielfach heute noch ist. In meinem ersten Jahr als Nintendo-Präsident trafen meine Ideen auf Skepsis, auch innerhalb des Unternehmens. Mein Vorgänger, Herr Yamauchi, hatte immer gesagt, dass man in der Unterhaltungsbranche nach Veränderung streben soll, das Unerwartete tun muss, um in einem schrumpfenden Markt zu überleben. Ich war damals sicher, dass wir einen langsamen Tod sterben würden, wenn wir so weitermachen. Zu diesem Zeitpunkt war der Markt sechs Jahre in Folge geschrumpft. Nicht nur für Nintendo, sondern für die gesamte Spielebranche in Japan. Also mussten wir etwas verändern, neue Kunden gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie denn sicher, dass das klappen würde?

Iwata: Ich hatte Glück, dass es so schnell funktioniert hat. Lange Zeit war ich nicht sicher, was zuerst passieren würde: dass wir mit der neuen Konsole Erfolg haben, oder dass ich gefeuert werde.

SPIEGEL ONLINE: Nach all den Innovationen, die Sie bei der Spielemesse E3 im Jahr 2007 präsentiert haben, waren 2008 viele von Ihren Ankündigungen enttäuscht ...

Iwata: Wir verstehen, dass die Leute enttäuscht waren. Man muss bedenken, dass die E3 immer ein guter Ort ist, um neues Publikum, um ein Massenpublikum zu erreichen, weil das Medieninteresse so groß ist. Also haben wir uns auf die Spiele konzentriert, die wir mit neuen Kunden im Hinterkopf entwickelt haben. Wir wollten zeigen, was wir dieses Jahr und Anfang 2009 auf den Markt bringen werden. Wir haben unsere Spiele für den harten Kern der Gamer nie vernachlässigt und es arbeiten immer noch Teams an solchen Spielen. Aber es dauert einfach länger, sie fertigzustellen, zwei bis drei Jahre. Anfang 2009 werden wir keines bringen, also konnten wir bei der E3 keines zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Nintendo seinen Biss verloren?

Iwata: Vor nur zwei Jahren haben wir ein revolutionäres Produkt präsentiert, die Wii. Die funktioniert seitdem sehr effektiv, und wir haben den Kreis der Menschen, die Videospiele spielen, erweitert.

SPIEGEL ONLINE: Und die Hardcore-Spieler haben Sie vergessen?

Iwata: Nein, wir haben nur nicht so viele Spiele für sie gezeigt. Es dauert Jahre, Spiele wie "Mario" oder "Zelda" zu machen. Wir können nicht jedes Jahr ein neues ankündigen, aber natürlich arbeiten wir an neuen Spielen. Core-Gamer sind für uns sehr wichtig, weil sie Begeisterung für Spiele mitbringen und andere ermutigen, auch zu spielen.

SPIEGEL ONLINE: "Wii Music", einer der groß präsentierten Titel, scheint in die Fußstapfen von Titeln wie "Rockband" oder "Guitar Hero" zu treten. Folgen Sie den Trends jetzt, anstatt selbst welche zu setzen?

Iwata: "Wii Music" ist schon lange in der Entwicklung. Sie erinnern sich vielleicht, dass wir den Titel bei der E3 vor zwei Jahren gezeigt haben. Insofern: Nein, wir folgen keinen Trends. Das ist einfach ein unterhaltsames Spiel, das wir entwickelt haben, und das sich unserer Meinung nach deutlich von den anderen unterscheidet und viel einfacher zu spielen ist. Gut für Familien, die zusammenspielen.

Spielkonsolen: Die aktuelle Generation

SPIEGEL ONLINE: Microsoft und Sony haben Pläne angekündigt, ihr Online-Geschäft zu stärken. Beide verkaufen Filme über ihre Konsolen. Ist Nintendo da hinterher?

Iwata: Nein, wir planen nicht, Filme oder Ähnliches online zu verkaufen, das ist nicht unser Geschäft. Wir sind ein Videospielunternehmen, wir haben nicht die Infrastruktur, einen riesigen Online-Dienst aufzusetzen. Das wäre außerdem zu teuer. Es gibt Online-Elemente in unseren Spielen, aber nur dann, wenn das das Spielerlebnis selbst intensiver macht. Dann verkauft es mehr Spiele und mehr Konsolen, weil die Kunden zufrieden sind.

SPIEGEL ONLINE: Nintendo-Konsolen haben den Ruf, für externe Spiele-Publisher problematisch zu sein, und dass die einzige Software, die dafür verkauft ist, Nintendos eigene ist ...

Iwata: Das stimmt nicht mehr. "Guitar Hero" zum Beispiel hat sich für die Wii häufiger verkauft als für jede andere Plattform. Wenn man sich die Marktzahlen von NPD ansieht, werden für die Wii mehr Spiele von Drittanbietern verkauft als für jede andere Plattform. Die Publisher arbeiten jetzt gerne für unsere Konsolen. Sie waren anfangs ein bisschen vorsichtig, als die Wii auf den Markt kam. Natürlich kennen wir das Image von Nintendo-Plattformen und wir müssen natürlich daran arbeiten. Aber dieses Image stimmt nicht mehr.

Die Fragen stellte Carsten Görig

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