Nintendo Wii im Test Digitale Utopie macht Muskelkater

In ganz Europa stehen heute Menschen Schlange für Nintendos Wii-Konsole. Sie verspricht eine digitale Familienzukunft, ein menschlicheres Spielerlebnis -und lockt mit echten Game-Kunstwerken. Mancher erzählt auch von Gefahr durch fliegende Controller. SPIEGEL ONLINE hat das weiße Spielmaschinchen auf Herz und Nieren getestet.

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Am ersten Morgen danach hatte ich tatsächlich Muskelkater. In der rechten Schulter, vom Aufschlagen, Slicen, von der immer noch nicht perfektionierten Rückhand. Und: Die eigentlich geradezu Videospiel-feindliche Dame meines Herzens hatte mich beim Konsolentennis verdammt alt aussehen lassen, voller Begeisterung versteht sich. Glatter Sieg in fünf Sätzen.

Nintendos neuestes Werk, der Quertreiber im Konsolenkrieg, kann Dinge, die die anderen nicht können, so viel ist klar. Und das, obwohl sie nicht halb so viel unter der Haube hat wie Microsofts Xbox 360 und Sonys in Deutschland immer noch nicht erhältliche Playstation 3.

Zum Test: die wichtigsten Spiele für Wii

Nintendo verkauft mit dem leuchtend weißen Gerät, das in etwa die Ausmaße eines fest gebundenen Romans hat, nicht nur ein Spielgerät - sondern eine Utopie. Deutlich wird das, wenn man in der Bedienungsanleitung blättert: Da wird etwa die "Wii-Pinnwand" erklärt, eine Art konsoleninterne Magnettafel, an der die Mitglieder der Wii-Familie Nachrichten und Bilder für die anderen Nutzer virtuell aufhängen sollen. Auf dem Bild im Anleitungsbuch hängt dort ein kleiner gelber Umschlag mit der Aufschrift "Oma" und dem Foto einer schlafenden Katze.

Alle fangen von Null an, Pech gehabt

Eine sanfte Technozukunft hat man sich da in Japan ausgedacht: Eine Welt, in der das Enkelchen der Oma ein hübsches Foto von Kater Maunz an die Konsolenpinnwand hängt, und dann später vielleicht mit ihr eine Runde Konsolengolf spielt. Eine glückliche Welt, in der der Fernseher zwar immer noch der Mittelpunkt der Familie ist, aber nicht mehr als Anästhetikum, sondern als Bewegungstherapeut, Kommunikationszentrale und Generationenbrücke.

Bislang ist es eher umgekehrt: Konsolen und Computer bauen eine digitale Mauer zwischen den Feinmotorik-Analphabeten über 40 und den digitalen Einheimischen unter 20. Der Wii-Controller, der keinen Joystick besitzt, aber dafür Bewegungs- und Lagesensoren, reißt diese Mauer nieder: Weil er die übertrainierten Präzisionsdaumen, die der junge Mann von heute in vielen Stunden mit einem Daddelknochen in der Hand geschult hat, kaltstellt. Weil das Schwingen, Kippen und Wedeln das Spielen leicht macht für die, die es noch nie getan haben - und schwer für die, die es eigentlich schon können. Alle fangen von Null an, Pech gehabt.

Das beiligende Sportspielpaket zeigt diese Demokratisierung der Daddel-Mittel besonders gut: Tennis wird gespielt, in dem der Fenbedienungscontroller geschwungen wird wie ein Tennisschläger, das gleiche gilt für Golf und Baseball. Der Ball-Aufprall ist zu spüren und zu hören - im Controller steckt eine Vibrations-Funktion und ein Lautsprecher. Das versteht jeder, sofort, die Eingewöhnungszeit beträgt nur Minuten. Natürlich werden die digitalen Einheimischen sich schnell wieder einen Vorsprung erarbeiten, weil sie einfach mehr trainieren. Aber für einen kurzen, eben utopischen Moment sind vor der Konsole wieder alle gleich.

Ganz ungefährlich ist das Ganze angeblich übrigens nicht: In den USA, in denen Schadenersatzklagen bekanntlich hohe Summen einbringen können, gibt es mehrere Beschwerden über fliegende Controller - obwohl Nintendo vor jedem Spielstart dazu mahnt, den beiliegenden Halteriemen fest anzuschnallen. Teils sehr getürkt aussehende Bilder von zerstörten Fernsehern und verbeulten Videorekordern geistern durchs Netz - Nintendo kündigte eine Untersuchung an.

Besser als die Holzlabyrinthe mit den Rädchen an den Seiten

Sicherer ist da vielleicht "Super Monkey Ball" von Sega. In der Klassiker-Serie musste in bisherigen Inkarnationen eine Riesenfläche per Joystick hin- und hergekippt werden, um einen kleinen Affen in einer Glaskugel über einen Parcours zu bugsieren. Nun wird der Wii-Controller selbst zur physischen Metapher für diese Fläche. Das Kippen und Bugsieren funktioniert noch besser als bei diesen Holzlabyrinthen mit zwei Rädchen rechts und links, die früher in allen Kinderzimmern standen.

Das unbedingte Kauf-Argument für Wii aber heißt, wie man das von Nintendo gewohnt ist, "Zelda". Spiele-Gott Shigeru Miyamoto hat wieder zugeschlagen und, wie sich das für einen Nintendo-Konsolenstart gehört, einen Meilenstein erschaffen, ein völlig einzigartiges Groß-Werk. Es hat die gleiche kindliche bis debile Musik, die gleichen Stummfilm-Dialoge und irgendwie Achtzigerjahre-haft klingenden "Ziel-erreicht"-Geräusche - und ist in der Summe doch ein Kunstwerk.

Wie verrückt mit der Hand fuchteln, wenn Gefahr droht

Zusätzlich setzt es, obwohl es ein Spiel für den Hardcore-Fan ist, den Wii-Controller auf ganz wunderbare Weise ein: Die Spielfigur wird ganz traditionell mit einem Joystick gesteuert, der in die "Nunchuck"-Erweiterung des Controllers eingebaut ist. Das Schwert, die Steinschleuder und der Bogen aber nutzen die Zeige- und Bewegungsmöglichkeiten der "Wiimote". Schöner als der Spielekritiker der "New York Times" kann man es kaum formulieren: "Es fühlt sich vollkommen natürlich an, jedesmal wie verrückt mit der Hand zu fuchteln, sobald sich Gefahr nähert."

Bei solch unscharfen Bewegungen funktioníert das System - Präzisionssportlern aber wird der Controller früher oder später nicht mehr reichen. Ein paar Autorennspiele zum Beispiel, für die man die weiße Fernbedienung in ein mitgeliefertes Plastiklenkrad einklemmt, funktionieren richtig schlecht. Da fühlt sich das Fahren an, als versuche man, einen Monstertruck mit Gewichtsverlagerung zu steuern. Lustig für ein paar Minuten, aber dann doch frustrierend und letztlich lästig. Auch das Zielen im Shooter "Red Steel" funktioniert nur mittelprächtig, weil die Zeige-Funktion etwas träge ist - außerdem tut einem irgendwann die Schulter weh, wenn man ständig den Bildschirm anvisieren muss.

Die Zusatzfeatures der Nintendo-Konsole sind im Moment teils überflüssig, teils nur für Spezialisten interessant. Fotos von einer SD-Karte in eine Spielkonsole zu stopfen und dann auf dem Fernseher anzusehen zum Beispiel ist im Zeitalter allgegenwärtiger PCs nicht mehr als hübsches Beiwerk. Die online-Anbindung, über die man auch Nintendo-Klassiker älteren Datums für die neue Konsole herunterladen kann, ist ein Bonbon für Retro-Freaks, die erwähnte Pinnwand eben doch eher utopisches Versprechen als wirklich nützliche Funktion.

Richtig ärgerlich ist, dass der Konsole nur ein Controller beiliegt - und wer sich "Wii Play" dazukauft, eine Art Gebrauchsanleitung zum Spielen, bekommt zwar einen zweiten dazu, aber nicht inklusive Nunchuck-Erweiterung. So wird das Gesamtpaket mit ein paar Spielen dann doch wieder deutlich teurer - wenn trotzdem noch günstiger als die Angebote der Konkurrenz.

Fazit - so sieht die Konsolenzukunft aus:

Wer wirklich Autorennen fahren, in Hochglanz-Umgebungen taktische Gefechte führen, wer mit den großen Jungs spielen will, der wird eine teure High-Definition-Konsole brauchen von Microsoft oder Sony. Eine, die für Präzisionsdaumen angemessene Herausforderungen und Belohnungen bereithält - und die grafische Pracht, die ein digitaler Einheimischer fordert.

Auch online wird wohl eher in den Netzen von Sony und Microsoft um virtuelle Medaillen gerungen werden - wer in "Need for Speed: Carbon" im globalen Netz über nächtliche Straßen rasen will, findet jenseits der Nintendo-Welt mehr Gleichgesinnte, mehr Präzision, schärfere Konturen.

Wer aber einfach Spaß am Spielen haben will mit der ganzen Familie, wer ein Loch in die digitale Mauer hauen will, ist mit der viel billigeren, ohne HD-Fernseher zu genießenden, flüsterleisen Wii viel besser bedient. Und wer ein echter Fan ist, wird auf Dauer zweigleisig fahren müssen - und sei es nur wegen "Zelda - the Twilight Princess".



insgesamt 170 Beiträge
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Seite 1
TheMat, 08.12.2006
1.
Soso, ein "Krieg" ist also im Gange. Wenn das mal keinen schlechten Einfluss auf unsere Jugendlichen hat. Gewinnen wird natürlich die Plattform, auf der die meisten Killerspiele veröffentlich werden, gelle? Weiter so, SPON!!!
Lecce23, 08.12.2006
2.
---Zitat von sysop--- Sony, Microsoft oder Nintendo - wer macht das beste Angebot? Welche Konsole interessiert Sie am meisten? ---Zitatende--- Also das beste Angebot macht meiner Meinung nach zur Zeit Microsoft. Sonys PS3 erscheint bei uns wahrscheinlich im März 2007 und ist wegen Blue Ray Laufwerk für mich zu teuer. 600 Euro für die bessere Version der PS3 ist schon happig. Der Wii von Nintendo ist zwar mit 250 Euro günstig, wenn man aber bedenkt, dass ein zweiter Controller (Wiimote und Nunchuk) 60€ kostet und die Konsole der PS3 und XBox360 technisch klar unterlegen ist, relativiert sich der anscheinend günstige Preis.
ebb, 08.12.2006
3.
---Zitat von Lecce23--- ..und die Konsole der PS3 und XBox360 technisch klar unterlegen ist, relativiert sich der anscheinend günstige Preis. ---Zitatende--- Das stimmt. Sicherlich, was Grafikleitung und Multimediafunktionen wie Filme abspielen anbelangt mögen die XBOX und PS3 überlegen sein. Was Innovationsfreudigkeit anbelangt ist Wii aber führend. Und das ist, was zählt. Konsolen mit Festplatten auszustatten n aktuelles Laufwerk und nen Grafikchip reinzuquetschen ist nicht gerade Zeichen von Innovationsfreude. Ich persönlich hoffe das sich innovative Ideen wie die von Ninendo langfristig am Markt etablieren, ansonsten seh ich wirklich keinen Grund mir ne Konsole zuzulegen, die letztlich ein auf Grafikleistung reduzierter PC ist..(ok etwas vereinfacht;) )
freqnasty, 08.12.2006
4.
ich denke der name playstation hat noch immer eine gewaltige zugkraft. microsoft hat mit der 360 ein starkes stück hardware erschaffen, und verfügt über die notwendigen ressourcen, um sich nicht mehr verdrängen zu lassen. nintendo geht einen eigenen weg, und dürfte damit ebenfalls erfolgreich werden. persönlich freue ich mich sehr auf die neue playstation3 mit integriertem blu-ray-player, aber der markt dürfte groß genug für 3 hersteller sein. denke, in 5 jahren wird sony wieder die meisten konsolen verkauft haben, auch wenn der vorsprung wohl schrumpfen wird.
jimKn0pfEnhanced, 08.12.2006
5.
---Zitat von sysop--- Sony, Microsoft oder Nintendo - wer macht das beste Angebot? Welche Konsole interessiert Sie am meisten? ---Zitatende--- Mich tangieren Konsolen nicht sonderlich, weil dies wahrscheinlich die letzte oder Vorletzte Generation von Konsolen sein wird, welche dem klassischen Konsolen Geschäft folgen werden. Führende Spiele Entwickler wie zB. John Carmack (Doom und Quake series) oder Bill Roper (Diablo series) halten Konsolen auch für eine aussterbende Art, weil Computer Systeme von Morgen - Konsolen bei Accessibility und Preis Leistung überrunden werden. Allerdings kann ich mir schon vorstellen eine Konsole zu erwerben um diese als Mp3 Station oder Server zu verwenden.
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