Online-Spiel über Hudson-Notwasserung Anstößig - oder nur langweilig und doof?

Casual Games, kleine Internet-Spielchen für Zwischendurch, erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Jetzt gibt es eines über die "Helden vom Hudson", bei dem man selbst als Pilot einen Airbus Notwassern kann. Aus mehr als einem Grund stellt sich da die Frage, ob das wirklich sein muss.


Seit dem 15. Januar 2009 ist Chesley "Sully" Sullenberger ein amerikanischer Held: Die Bilder der erfolgreichen Notwasserung seines Airbus A320 auf dem New Yorker Hudson River gingen um die Welt. Der Pilot des Fluges 1549 wird als "Hero on the Hudson" gefeiert.

In den zwei Wochen seitdem ist für Sullenberger eine Menge passiert: New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg versprach ihm den Schlüssel zur Stadt, erst rief George W. Bush, dann Barack Obama, US-Kongress und Senat beschlossen Ehrungen für Pilot und Crew. Die Pilotenvereinigung und die Feuerwehr von Kalifornien verliehen ihm Medaillen, seine Heimatstadt Denville, Kalifornien, ehrte Sullenberger mit diversen Auszeichnungen und einem Ehrenoffiziersposten ihrer Polizei. Auch die Vereinigung der Wasserflugzeugpiloten ließ es sich nicht nehmen, Sullenberger zu einem Ehrenmitglied auf Lebenszeit zu ernennen.

Das alles und dass es sogar schon einen Sullenberger-Fanclub bei Facebook gebe, kann man auf der am 15. Januar 2009 entstandenen, ihm gewidmeten Wikipedia-Seite nachlesen, die seine Biografie in die Kapitel "Frühe Jahre", "Militärzeit", "Zivilpilot", "Akademisches Leben", "Privatleben" und natürlich "Flug 1549" unterteilt.

Was da noch nicht drinsteht, sind zwei Dinge: Erstens, dass Sullenberger und Crew am Sonntag, dem 1.2.2009, die ultimative amerikanische Ehrung erfahren werden - eine Würdigung durch die NFL bei der Eröffnung des Super Bowl. Und zweitens, dass es jetzt sogar eine Art Sullenberger-Spiel im Internet gibt.

An "Hudson River Landing", wie das Flash-Spielchen heißt, scheiden sich allerdings die Geister.

Erschienen ist das Ding unter anderem bei Tastygames ("geschmackvolle Spiele") und beim populären Portal Addicting Games, also "suchtbildende Spiele". Doch genau das ist es nicht: Weder geschmackvoll noch suchtbildend.

Das Flash-Spielchen reduziert Sullenbergers bisher unerreichte Pilotengroßtat auf die Funktionstasten Rechts und Links, mit denen man den abstürzenden Flug 1549 austariert. Wer den Flieger waagerecht hält, schwebt auch sacht und erfolgreich hinab, als sei ein Airbus in Wahrheit eine Art Helikopter. Den virtuellen Passagieren, die den Piloten vor dem Monitor daraufhin bejubeln, mag das Recht sein - vor allem aber ist es billig.

Denn siehe da: Die Notwasserung entpuppt sich als Kinderspiel, das man spätestens im zweiten Anlauf hinbekommt. Spaß macht das "suchtbildende Spiel" dann allenfalls noch ein, zwei Mal, wenn man versucht, den steifen Flieger bewusst steil abstürzen zu lassen, um zu sehen, was passiert.

Doch selbst dabei bleibt der Spaßfaktor virtuell und definitiv nicht messbar. Was okay ist, denn weder Flugzeugabstürze noch geglückte Notlandungen fallen nun mal in die Kategorie Freizeitspaß für Zwischendurch.

Am Wochenende berichteten so gut wie alle US-Medien über das Spielchen, und nicht wenige fragen, ob dieser Umgang mit den Helden vom Hudson nun anstößig sei - oder einfach nur doof?

Addicting Games, die Seite, über die das Spiel vor allem vertrieben wird, jedenfalls scheint ein ambivalentes Verhältnis zu dem Machwerk zu pflegen: Zum einen hat das dort seit Freitagnacht für rund 1,3 Millionen Abrufe gesorgt und der Game-Seite so einiges an Publicity eingebracht.

Zum anderen aber kommt das Hudson-Spiel selbst bei der zockenden Klientel nicht gerade gut an: Nachdem die Majorität der Besucher das Spiel als schlecht bewertete, zog Addicting Games die Konsequenzen - und ließ die Bewertungen samt dem sonst üblichen Bewertungstool verschwinden. Kurz darauf musst auch die Kommentarfunktion der Seite daran glauben. Denn dort hatte es eindeutige Urteile regelrecht gehagelt: Das reichte von "Zeitverschwendung" bis "einfach doof". Auch hier beschränkte sich die Debatte im Wesentlichen auf die Frage, ob das Spiel nur langweilig und dumm oder auch anstößig sei.

Alles nicht so gemeint

Die meisten Kommentatoren dort wie in der Presse meinen, dass es vor allem dämlich sei. Auf jeden Fall aber sei es gut gemeint gewesen, behaupten zumindest die Macher. Sie hätten ein Spiel mit positiver Botschaft anbieten wollen. Eines, bei dem man "ein Wunder, keine Tragödie" erleben könne. Deshalb hätten sie es auch ganz bewusst sehr einfach gemacht, die Notlandung hinzubekommen.

Das ist dem bisher einzigen Interview mit Andrej Scharanewitsch zu entnehmen, dem Chef der Spieleagentur Orb Games. Die hat der amerikanische Sender CNBC ausgerechnet in der Ukraine ausgemacht - und veröffentlichte das per E-Mail geführte Interview am Samstag. Wenige Tage nach der Notwasserung hätten die Programmierer nach nur zwei Tagen intensiver Arbeit das Spiel fertiggestellt. Jetzt sei es seit rund zehn Tagen veröffentlicht und dokumentiere, was die Firma Orb zu leisten vermöge.

Damit schwappte endlich der wohl erhoffte PR-Effekt des Spiele-Tieffliegers auch auf die Macher selbst und das von ihnen betriebene Spieleportal Tastygames über. Das allerdings wurde für Scharanewitsch und seine Crew nicht zum erhofften Erfolg - wahrscheinlich, weil das alles zu viel Aufmerksamkeit erregte: Die Firmenseite war genau wie Tastygames.com am Wochenende nicht mehr erreichbar. Augenscheinlich hat ihr der Service-Provider den Saft abgedreht.

pat

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