Playstation 3 in Europa Erstkontakt mit dem Kipp-Controller

Alles Wünschen half nichts. Zu Weihnachten gibt es in Europa keine PS3 auf dem Markt. Geheimtipp: Ganz Ungeduldige können in einem Londoner Museum Sonys neue Konsole besichtigen und anspielen - in einer Ausstellung über die Geschichte der Videospiele.

Aus London berichtet Stefan Schmitt


"I recommend you don't choose the motorbike, pal" - nimm' besser nicht das Motorrad! Der blasse Anfangzwanziger gibt den Controller an den Nächsten in der Reihe weiter - ebenfalls ein junger Mann, bereits ungeduldig vom Warten. Er konnte dem glücklosen Motorradpiloten über die Schulter schauen bei seinen zwei, drei Runden auf einem felsigen Parcours voller Abgründe, Rampen und Sprungschanzen.

Strandbuggys, Geländewagen und Cross-Zweiräder fliegen durch die Gegend, Blech verformt sich, digitaler Staub wirbelt auf. "Motorstorm" sieht super aus und lässt große Jungs in Südlondon Schlange stehen. Aber es könnte wohl auch jedes beliebige andere Spiel sein. Denn unter einer Plexiglashaube mit grob gebohrten Luftlöchern summt eine schwarze Kiste, oben abgerundet, und leuchtet bläulich: eine Playstation 3 - die erste für jedermann spielbare in Europa.

Weihnachten kann so garstig sein: Im März hatte Sony-Chef Ken Kutaragi angekündigt, die neue Playstation sollte im November in die Läden kommen, weltweit. Sie kam nach Japan, kam in die USA. Europäische Verbraucher hingegen wurden vor den Kopf gestoßen: Das erinnerte fatal an die Anlaufschwierigkeiten von Microsoft mit der ersten Xbox. Auch treue Sony-Jünger, die im Frühjahr eine PS3 vorbestellt hatten, stehen nun mit leeren Händen da. Viele europäische Videospieler können sich ihr lang herbeigesehntes Weihnachtsgeschenk erst im März kaufen. Dann soll sie auch hier in die Läden kommen, die PS3.

Entsprechend glücklich schätzen können sich Londoner Fans der Überkonsole. Im feinen Süden der englischen Hauptstadt, vis-à-vis des Victoria and Albert Museum und gleich neben dem berühmten Natural History Museum präsentiert des Science Museum normalerweise britische Ingenieurleistungen von der Dampfmaschine bis zum legendären Abfangjäger Spitfire. Im Obergeschoss des viktorianischen Baus aber lockt die Ausstellung "Game On" seit Ende Oktober vor allem jugendliche Besucher an. Ihr umfänglicher Gegenstand ist gemäß Selbstdefinition "die Geschichte und Kultur der Videospiele".

Erwachsene Menschen quieken, quietschen, zappeln

Seit Ende November gehört auch ein kleines, schwarzes Stückchen Zukunftsmusik dazu: Ganz am Ende der grell-opulenten Ausstellung voller historischer Spielautomaten und Videospielkonsolen steht Sonys Rechenmonster. Die Konsole läuft nicht nur unter Plexiglas-Verschluss, auch ein Absperrband trennt die PS3-Spieler vom Rest der Ausstellung ab. Draußen stehen die Gucker, drinnen die Schlange der Ausprobierer. Wer ein 8,50 Pfund (knapp 13 Euro) teures Ticket für "Game On" kauft, muss sich darüber hinaus eine Nummer für die Schlange vor dem PS3-Gehege geben lassen. Je nach Andrang winken den Wartenden fünf bis zehn Minuten Spiel. Glückliche kommen auch auf eine Viertelstunde.

"Großartig", fand Josh Sanders, 24-jähriger Student aus London, das kurze Vergnügen am Controller der PS3. "Der ist ganz schön empfindlich." Joshs gleichaltriger Kumpel Ryan Woodland sagt: "Das Kippen ist die große Neuigkeit." Das Kippen. Es ist dafür verantwortlich, dass (halbwegs) erwachsene Menschen vor dem Riesen-Sony-Flachbildschirm im Science Museum zu quieken, zu quietschen und zu zappeln anfangen. In den Steuerknüppeln der neuen Playstation steckt ein Neigungssensor. Gelenkt wird nicht mehr mit Knüppelchen, auch nicht mit Knöpfchen, sondern qua Kippbewegung.

Für den unglücklichen Motorradfahrer war diese feinmotorische Herausforderung eindeutig zu groß: Sein Crossbike konnte kaum die Spur halten, donnerte gegen jeden Felsen. An lang gestreckten Armen hantieren viele der Museumsbesucher mit dem "Playstation 3 Wireless Controller", als gelte es, darauf einen Tropfen flüssigen Quecksilbers heil über eine unebene Fläche zu balancieren.

Motocross einhändig, dafür mit Vollgas

Tatsächlich ist das bislang unveröffentlichte "Motorstorm" (in den USA soll es im März, in Europa bald darauf erscheinen) geschickt gewählt, um Nutzer mit dem Kippjoystick vertraut zu machen. Links, rechts, Gas, Bremse - subtilerer Befehle bedarf das brachiale Rempelrennen nicht. In der Praxis reicht auch Dauervollgas, also eine ständig gedrückte rechte Schultertaste (der Abzugsknopf auf der Stirnseite des Controllers). Wenigstens der gut gefederte Dünenbuggy lässt sich so nach kurzer Eingewöhnungszeit steuern: Am besten einhändig. Dann fällt es leichter, den sensiblen Plastikknochen nach geglücktem Lenkmanöver zurück in die Waagerechte zu bringen.

"Verzwickt, vielleicht ein bisschen zu empfindlich", findet Jon Kaddish das Gleichgewichtsgefühl des PS3-Controllers. Der 32-Jährige, gelbe Neonweste und breites Grinsen, arbeitet im Science Museum, derzeit als Ordner in "Game On" - und an der PS3-Warteschlange. Bevor die solitäre Sonykonsole für die Öffentlichkeit freigegeben wurde, erzählt Jon, durften die Angestellten ran. Am ersten Wochenende nach dem exklusiven Neuzugang spürten er und seine Kollegen dann, dass der Andrang deutlich größer war als zuvor.

Ob das ein gutes Omen für die späteste der Next-Generation-Konsolen ist? "Unglaubliche Grafik", lobt Museumsmitarbeiter Jon. Auch Besucher Josh fand "die hochauflösende Grafik superb". Doch will er sich nicht gleich im März in die Schlangen vor den Elektronikmärkten einreihen, "dafür braucht man erstmal einen schön großen Fernseher". Und Bewegungssensoren stecken ja auch in Nintendos Wii.



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