Playstation 3 Sony macht auf "Second Life"

Sony will Konsoleros zu Avataren machen. Der Konzern hat ein neues Onlinekonzept für seine gebeutelte Playstation 3 vorgestellt. Der Kern: eine dreidimensionale Spielwelt, in der Konsolenbesitzer chatten, Musik hören und eigene Spiele basteln können.

Irgendetwas musste noch kommen. Sonys aktuelle Position im Konsolenmarkt ist zwar uneinholbar, was die letzte Generation angeht – die Playstation 2 ist dort Marktführer mit gewaltigem Vorsprung. Aber das Nachfolgemodell, die Playstation 3, hat bislang eher negative Schlagzeilen gemacht: Verspätung, Produktionsprobleme, unfreiwillig komische Pressekonferenzen, Verkaufszahlen, die hinter denen der japanischen Konkurrenz Nintendo zurückbleiben.Gestern bei der Game Developer's Conference in San Francisco sollte das Ruder herumgerissen werden. Sonys Konsolenchef Phil Harrison trat vor Entwickler und Fachpresse und verkündete, man wolle "das Spielen interaktiver und dynamischer gestalten, als jemals zuvor", berichtet "Eurogamer.de". Vertreter der Spieleseite hatten schon vorab Bilder von dem bekommen (siehe Fotostrecke), was Sony plant, und eine Präsentation im kleinen Kreis erlebt. "Zum ersten Mal seit langer Zeit macht Sony jetzt genügend Sachen richtig", so das Fazit.

Was genau Sony richtig macht, ist eine Mischung aus viel "Second Life" und viel von dem, was im Netz zurzeit für Furore sorgt. Außerdem hat man sich die cleversten Aspekte von Microsofts Onlineservice Xbox Live abgeschaut – und sie ein bisschen aufgebohrt. Im Augenblick ist das neue Konsolennetz mit dem Namen "Playstation Home" eine geschlossene Veranstaltung. Eine öffentliche Beta-Phase soll im April starten. Der globale Launch ist für den Herbst angekündigt. In Europa soll Sonys neue Konsole Ende März auf den Markt kommen.

Videos vom virtuellen Fernseher

Jeder Playstation-3-Besitzer soll künftig – wie bei "Second Life" – einen eigenen Avatar erbauen können, mit "millionenfachen Variationsmöglichkeiten". Wer keine PS3 hat, muss draußen bleiben, für PS3-Besitzer ist die Teilnahme kostenlos - ohne eine Breitbandverbindung wird es aber nicht gehen.

Jeder Teilnehmer bekommt ein virtuelles Häuschen samt Standard-Einrichtung, die dann modifiziert werden kann. Was auf der Festplatte der PS3 ist – die ja als eine Art Multimediacomputer angepriesen wird – kann auch zur Dekoration verwendet werden: Videos können auf dem virtuellen Fernseher angesehen, Fotos an die Wand gehängt, Musik von der virtuellen Stereoanlage abgespielt werden. Die Welt kann mit einem Interface, das aussieht wie eine Playstation Portable, verändert und bearbeitet werden. Ob die Modifizierbarkeit aber so groß sein wird wie bei "Second Life", ist noch unklar.

Der Avatar kann jedenfalls seine Avatarfreunde einladen und mit ihnen chatten – das ist bei Sony einfacher als bei Microsoft, weil man an eine PS3 jedes beliebige Bluetooth-Keyboard anschließen kann. Auch Voice-Chat über ein Headset soll möglich sein. Innerhalb der Konsolenwelt soll es auch öffentliche Orte geben, Spieler sollen sich zu Minispielen mit dem Avatar verabreden können – etwa Bowling oder Basketball-Freiwürfe – und gemeinsam sogar Sportveranstaltungen besuchen können.

E-Sport ist längst eine Publikumsveranstaltung - digitale Eishockeyturniere nun auch vor digitalen Zuschauern auszutragen, scheint nur folgerichtig. Sich echte Filme auf einem Fernseher im Fernseher oder in einem virtuellen Kinosaal anzusehen dagegen weniger.

Trophäenraum für Spiel-Triumphe

Bei Microsoft kann man vor seinen Netzgenossen mit einem "Gamerscore" prahlen, der von den eigenen Spiel-Erfolgen abhängt – bei Sony soll es statt der schlichten Punktzahl einen virtuellen Trophäenraum geben, in dem erspielte Objekte ausgestellt werden können. Man wolle "die Konvergenz der Technologien zu nutzen - von Breitband und Video-Chat bis zu Supercomputer-Prozessoren, um das Spielen interaktiver und dynamischer zu gestalten, als es jemals zuvor gewesen ist", sagte Harrison laut "Eurogamer" und sprach von "Game 3.0".

Interaktiv sollen auch die Spielinhalte selbst entstehen: Die Sony-Spitzentruppe präsentierte in San Francisco auch ein Spielkonzept namens "LittleBigPlanet", eigentlich eine Art dreidimensionalen, Avatar-gesteuerten Spiele-Editor. Kleine Spielfigürchen können darin aus virtuellem Holz, Stoff oder Metall selbst dreidimensionale Spiele basteln. Die Welt sieht auf den ersten Screenshots aus wie eine Art Puppenhäuschen-Siedlung, mit realistischen Oberflächenstrukturen und Bewohnern, die wirken wie selbstgebastelte Kinderspielzeuge.

"LittleBigPlanet" soll eine Art YouTube für Spiele werden – Spiele können getauscht, bewertet, besprochen werden. User Generated Content ist auch für Sony ein Zauberwort. Microsoft hat ein ähnliches Konzept vorgestellt, bei dem Spieler mit einem einfachen Editor kleine Games herstellen können – der sieht jedoch sehr viel mehr nach Software und eigentlich gar nicht nach Spiel aus.

Man wolle eine Spieleschöpfer-Community schaffen, so Harrisson, und zwar "durch die Integration von kreativen Werkzeugen in das Spielerlebnis, so dass sie noch nicht einmal merken, wenn sie etwas erschaffen und verändern". Man werde endlich "den Spielern die Macht zurückgeben", lobte er die eigenen Pläne.

Tatsächlich ist Sony seinem Hauptrivalen Microsoft mit dem dreidimensionalen Community-Angebot diesmal ein Stück voraus. Andererseits werden Communitys wie "Second Life" nicht in erster Linie von Hardcore-Spielefans frequentiert - ihre Bewohner interessieren sich mehr fürs Soziale, für Interaktion, Selbstdarstellung und Kreativität. Ob die Gamer-Zielgruppe, die bereit ist, für eine Konsole 600 Euro auszugeben, sich eine virtuelle Welt für die Zeit zwischen zwei Spielen wünscht, wird sich zeigen müssen.

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