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16. August 2007, 09:00 Uhr

Schwebende Lichtobjekte

Ufos über Deutschland

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In der ganzen Republik richten seit Monaten Menschen erstaunte Blicke zum Abendhimmel. Seltsame Flugobjekte schweben durch die Nacht, in den vergangenen drei Monaten gab es mehr Ufo-Sichtungen als im ganzen Vorjahr. Parallel tauchen im Netz Ufo-Videos von nie gekannter Qualität auf.

Eine Welle rollt über das Land. Auch Angehörige der Redaktion von SPIEGEL ONLINE hat es schon erwischt: Am Sonntagabend beim Grillen mit Freunden, erstaunte Ausrufe, ungläubige Blicke zum Himmel. "Jetzt geht die Welt unter", habe ein weiblicher Grillpartygast gesagt, erinnert sich ein Redakteur, der nicht namentlich genannt werden will. Weil er selbst kurz geglaubt hat, was nicht sein kann: Dass Ufos durch eine deutsche Sommernacht gleiten. Eine ganze Staffel anmutig schwebender, strahlend leuchtender Kugeln stiegen am Horizont auf, zogen über die verblüfften Gäste hinweg und verloschen schließlich in der Ferne. Allein das Centrale Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene (Cenap) hat in den vergangenen drei Monaten mehr als 90 vemeintliche Ufo-Sichtungen verzeichnet - mehr als im gesamten Jahr 2006. "Das war noch nie da", erklärt Werner Walter, der am "Ufo-Phone" von Cenap die Anrufe besorgter Alien-Sichter entgegennimmt. Walter spricht von einer Ufo-Welle. Sie ist einerseits asiatischem Reispapier geschuldet. Andererseits schwappt eine digitale Version der Welle durchs Netz - und beide gemeinsam sind überzeugender als je zuvor.

"Das beste Ufo-Videomaterial, das es je gab"

Über die neuen Ufo-Videos, die über YouTube und andere Videoseiten derzeit eine neue Alien-Euphorie auslösen, ist Walter begeistert: "Das ist das beste Videomaterial über Ufos von Amateuren, das es je gab." Zwei Clips haben innerhalb der Netzgemeinde eine regelrechte Alien-Hysterie ausgelöst - allein der Clip mit dem Titel "UFO Haiti" wurde bereits etwa 1,5 Millionen Mal angesehen.

Der Clip zeigt zwei seltsame, sich schwebend fortbewegende Objekte, die in der Abendsonne über Palmen hinwegfliegen und dann in einem blauen Sommerhimmel verschwinden, in dem noch weitere Lichtpunkte zu schweben scheinen. Das Video ist augenscheinlich mit einer Handkamera gedreht, aus dem Off hört man einen erstaunten Ausruf. Der zweite, schon ein paar Tage ältere Clip zeigt verschiedene Flugobjekte, die über sehr ähnlich aussehende Palmen hinwegsegeln. Dessen Titel lautet allerdings "UFO Dominican Republic". Auch Aliens mögen es offenbar karibisch, betreiben aber Strand-Hopping.

In Webforen, Blogs und auf YouTube selbst tobt nun wieder einmal die Debatte. Die "ihr leichtgläubigen Idioten"-Fraktion beschimpft die "diesmal ist es echt!"-Fraktion, während die ernsthafteren unter den Ufo-Skeptikern mit Detailanalysen zu belegen versuchen, wie die Clips wohl hergestellt worden sind. Mehr als 460 Blog-Beiträge verweisen allein auf das Haiti-Filmchen.

Diskussionsgrundlagen liefert YouTube selbst - die Videoseite ist längst zu einem globalen Archiv historischer Alien-Sichtungen geworden. Ein paar berühmte Beispiele finden sich hier, hier und hier. Die berühmten Ufologen der Geschichte sind alle vertreten, vom Ufo-Fotografen George Adamski bis hin zu dem Guru-haft auftretenden Schweizer Eduard "Billy" Meier, der heute noch behauptet, mit gütigen Aliens im Kontakt zu stehen - die erstaunlicherweise eine enorm fremdenfeindliche Weltsicht vertreten.

Beweisführung mit Palme

Die Debatte über den jeweils neuesten angeblichen Beweis ist so alt wie der Ufo-Glaube selbst. Ein neuer Aspekt ist der Unterwanderung des Netzes durch Vermarkter geschuldet: An verschiedensten Stellen wird diskutiert, ob die Videos Teil einer viralen Werbekampagne sein könnten - im Gespräch sind verschiedene Filme und Computerspiele, auf die die Videos angeblich verweisen sollen.

Am ehesten profitiert von dem globalen Ufo-Hype derzeit aber das Softwareunternehmen e-on (das mit dem gleichnamigen Energieversorger nichts zu tun hat). Mit dessen Produkten zur Entwicklung von 3-D-Animationen könnte man solche Videos herstellen - und die Palmen im Alienurlaubsort Haiti/Dominikanische Republik sehen denen in einem Demonstrationsvideo von e-on zum Verwechseln ähnlich. Sogar ein Ufo kommt in dem Video vor. Verschiedene Foristen und Blogger führen den Palmen-Beweis in Screenshot-Montagen und eigens hergestellten Videos.

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE bestätigte ein e-on-Techniker, die Videos könnten mit der eigenen Software hergestellt worden sein. Sicher sei das aber nicht. Und woher die Clips kämen, wisse man auch nicht.

Woher die Ufos am deutschen Nachthimmel kommen

Außerirdische Luftfahrzeuge jedenfalls zeigen die Bilder aus der Karibik nicht, ist Ufo-Skeptiker Werner Walter sicher. Trotzdem sei beeindruckend, wie "gravierend und revolutionär" die Technik seit den frühen Tagen der gefälschten Alienvideos fortgeschritten sei. "Die zweideutigen, unscharfen Aufnahmen sind Vergangenheit", die hehre Tradition des Ufo-Filmchens jedoch werde gewahrt: "Auch die neuen sehen immer noch aus wie fliegende Untertassen." Er habe sich über die eindrucksvollen Bilder wirklich gefreut, sagt Walter, schließlich "bin ich ja auch ein Filmfreak". Aber: "Dann kommt natürlich die Frage, was sind jetzt wieder die Auswirkungen."

Fliegende Zylinder aus feuerfestem Papier

Die Auswirkungen der anderen Alien-Invasion erlebt der Ufo-Aufklärer fast täglich am Telefon: Von einer "Himmels-Seuche" spricht Walter, und meint die schwebenden Papierlaternen, die in diesem Sommer bei Hochzeiten und Gartenfesten en vogue sind. Ballons oder Zylinder aus feuerfestem Reispapier, die sich dank eines Brandplättchens unter einer Öffnung in Mini-Heißluftballons verwandeln und lyrisch leuchtend in den Abendhimmel schweben. Das Unternehmen von Patrick Christopher (Partyballon.de) verkauft solche Ballons schon seit 15 Jahren - heuer aber erleben die schwebenden Lampions einen Boom. Seitdem die fliegenden Papierlaternen in großem Stil bei den Gedenkfeiern für die Opfer des Tsunami in Südostasien im Dezember 2004 eingesetzt wurden, wächst ihre Popularität. Inzwischen verkaufen auch noch ein paar Wettbewerber Flugobjekte aus Papier.

"Wir können nicht klagen", sagt Christopher heiter, wenn man ihn fragt, wie das Geschäft läuft. Viele Kunden bestellten gleich 10 oder 20 der Leuchtkörper für eine Festivität. Die steigen maximal 100 bis 200 Meter hoch, an einem kühlen Sommerabend schweben sie in etwa 50 bis 60 Metern Höhe. Die Größe der Objekte sei dann schwer einzuschätzen, gibt Christopher zu bedenken, sie könnten "natürlich den Eindruck vermitteln", dass es sich um fremdartige Flugobjekte handele. Ansonsten aber seien die Fluglaternen völlig ungefährlich - nach etwa fünf bis zehn Minuten verlöscht der sogenannte Brennteller, kurz darauf beginnt der Ballon, je nach Außentemperatur, sanft zu Boden zu gleiten. Einzige Einschränkung: Näher als 50 Kilometer an einem Flughafen dürfen die Papierballons nicht aufsteigen.

Werner Walter ist sicher: Die Ufo-Welle wird noch mindestens den Rest des Sommers über anhalten, sein Telefon wird weiterklingeln. "Die Sommerzeit ist noch nicht um", sagt er mit einer gewissen Resignation, "die Party geht weiter."

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