"Second Life"-Tagebuch In Sarkozy-Land darf geschubst werden

Der politische Diskurs scheint in "Second Life" noch auf dem Niveau von Sandkastenstreitigkeiten abzulaufen. Der französische Präsidentschaftskandidat Nicolas Sarkozy zum Beispiel eröffnete gestern eine Wahlkampf-Insel - nun wird dort gepöbelt und geschubst.

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Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier.

Nicolas Sarkozy, davon muss man ausgehen, ist ein Mann, der Wert auf gute Manieren legt. Recht und Ordnung sind schon lange Prinzipien, mit denen der französische Konservative hausieren geht, immerhin hat ihn das inzwischen bis zur Präsidentschaftskandidatur gebracht. Als jugendliche Einwanderer in Frankreichs Vororten im Jahr 2005 zu rebellieren begannen und allmorgendlich die aktuelle Zahl ausgebrannter Autos gemeldet wurde, empfahl Sarkozy, den "Abschaum" mit einem "Dampfreiniger" zu entfernen.

Ordnung muss sein, findet Sarkozy, und dasselbe gilt vermutlich auch für sein brandneues, virtuelles Wahlkampfhauptquartier in "Second Life". Ich musste mir das unbedingt ansehen, weil mich ja dann doch interessiert, wie sich so ein französischer Saubermann präsentiert zwischen erotisierten Stofftieren und animierten Nippelpiercings. Und siehe da: Auf der "Ile Sarkozy" geht es durchaus ruppig zu.

Die eigene Insel des Kandidaten ist in Wahrheit nur ein Inselchen, ein Schnipsel einer größeren Landmasse. Darauf stehen ein paar französische Wahlplakate mit sehr viel Text, eine Art Amphitheater, und ein Medienzentrum mit Bestuhlung für virtuelle Pressekonferenzen. Im Bühnenhintergrund hängt ein echtes Pressekonferenz-Foto mit Sarkozy und Journalisten, das komischerweise von weitem genauso aussieht wie die berühmten Krönungsbilder aus dem 19. Jahrhundert: Von links drängt das Volk heran, oder doch wenigstens seine Medienvertreter, rechts thront der neue Herrscher, in der Mitte ist es hell, an den Rändern dunkel, altmeisterliche Beleuchtung. Keine Ahnung, ob das Absicht ist.

Zombiehaft abwesende Politikinteressierte

Jedenfalls waren auf Sarkozy Island tatsächlich ein paar Franzosen unterwegs. Einige standen zombiehaft herum, und Schildchen über ihren Kopf erklärten sie für "nicht anwesend" - noch so eine Virtualitäts-Paradoxie. Andere gehörten offenkundig zum virtuellen Wahlkampfstab. Und einer war gekommen, um ein bisschen Zwietracht zu säen.

Adrien trug eine Sarkozy-Karikatur als Avatar, gehüllt in Kleidung aus "Stars and Stripes"-Stoff, angetan mit einem Uncle-Sam-Zylinder. Er selbst unterstütze den liberalen Zentrumskandidaten François Bayrou, verriet sein Profil. Adrien wolle "die Diktatur der Bilder" anprangern, sagte er, und eine "Scheinpolitik mit nordamerikanischem Beigeschmack". Das eigene Äußere als satirisch-politische Stellungnahme - "Second Life" bietet durchaus Ansätze für eine etwas andere Art der politischen Auseinandersetzung. Ich selbst sah eigentlich auch nicht wirklich Sarkozy-kompatibel aus mit meinem blauen Irokesenschnitt und einer von Amys Ratten auf der Schulter.

Den meisten der virtuellen Diskutanten in Sarkozyland war die Ironie von Adriens Aufzug allerdings zu hoch. "Du siehst ja aus wie Nicolas", sagte einer immer wieder staunend, "warum unterstützt du ihn dann nicht?" Ein anderer Avatar, dessen T-Shirt ein Foto von Sarkozys Gegenkandidatin zierte, samt der Aufschrift "verbannt Segolene Royal aus Second Life", war weniger begeistert von Adrien - auch Royal hat sich natürlich längst im "Second Life" gezeigt.

Er habe wohl vor, das "Ministerium für Blödheit" zu übernehmen, pöbelte der sich Musashi nennende Pixelmann Adrien an. Dann begann er, den friedlich vor sich hin schwebenden Sarkozy-Ballon zu schubsen, dass der meterweit durch die Luft über der Ile Sarkozy segelte.

Schubsen ist unhöflich, auch in "Second Life"

Schubsen wird auch in "Second Life" als durchaus unhöflich empfunden. Die Besitzer virtueller Grundstücke können verschiedene Dinge auf ihrem Land erlauben oder verbieten - das Ausführen von Skripten zum Beispiel (bei Sarkozy verboten), oder das Erzeugen von Gegenständen (bei Sarkozy verboten). Das hat seinen guten Grund: Andernfalls stünden vermutlich schon ein paar brennende Autowracks vor dem virtuellen Pressezentrum.

Auch das Schubsen lässt sich verbieten - und Verbote sind hier nicht leere Worte, sondern ehernes Gesetz: Was verboten ist, geht einfach nicht. Das Skriptverbot führte beispielsweise dazu, dass die SL-Übersetzungshilfe Babbler auf Sarkozys Insel nicht funktionierte - schade eigentlich, sonst wäre eine echte internationale politische Debatte möglich gewesen. Warum er Adrien dauernd schubse, habe ich Musashi gefragt. "Haha, nur zum Spaß", antwortete der. Und dass man politisch unterschiedlicher Meinung sei.

Frankreichs konservativer Spitzenkandidat schafft sich also einen Debattier- (oder Propaganda-) Platz in "Second Life", auf der Suche nach der Jugend. Und damit sich die Jugend, der es ja bekanntlich an Manieren mangelt, nicht langweilt, ist bei Nicolas Sarkozy in "Second Life" Schubsen erlaubt.



insgesamt 615 Beiträge
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Seite 1
Spiritogre, 24.01.2007
1.
Habe bisher nur davon gelesen und ein paar Screenshots gesehen. Die Grafik ist noch so gerade okay und als virtueller Chatraum macht die Sache sicher Spaß, weniger Spaß ist, dass man richtiges Geld loswird wenn man im Spiel Sachen kauft. Ich denke aber das Konzept ist Ausbaufähig, schon in richtigen Onlinespielen verbringen die Spieler viel Zeit mit gemeinsamer Kommunikation anstelle des Spielens und ein Second Life ist am Ende auch nichts anderes als eine virtuelle Puppenstube oder Playmobil, nur dass man mit ganz vielen Leuten zusammen spielen kann.
DJ Doena 24.01.2007
2.
Ich hab ein zweites Leben im Netz, ja. http://www.google.de/search?hl=de&q=%22DJ+Doena%22+OR+%22DJDoena%22&btnG=Google-Suche&meta= Ergebnisse 1 - 10 von ungefähr 10.600 für "DJ Doena" OR "DJDoena". (0,40 Sekunden) Dafür brauch ich aber kein komisches Spiele-Programm. Mir reichen die Webforen, die es im Netz zuhauf gibt.
Artax, 25.01.2007
3.
So interessant das ganze Konzept auch klingt - ich sehe hier wie auch in vielen anderen Teilen des Internets (World of Warcraft, Chats etc...) eine große Suchtgefahr für den Menschen. Leider wird das noch viel zu wenig diskutiert. Von einer reinen Verlagerung der Interessen von der realen in die virtuelle Freizeitgestaltung will Ich in dieser Form nicht sprechen. Da kommt auf unsere Gesellschaft noch ein dickes Problem zu (wenn Sie es nicht sogar schon hat). Interessanter Link : www.onlinesucht.de Artax
Alexander Wiggin, 25.01.2007
4. Artikel ist peinlich...
---Zitat von sysop--- Auch schon Erfahrungen gesammelt in "Second Life"? Wie gefällt es Ihnen in der virtuellen Welt? ---Zitatende--- Nach lesen des Artikels ""SECOND LIFE"-TAGEBUCH" über Sponto im Sexshop dachte ich mir: Typisch Medien. Der Artikel ist in etwa so, wie ein Artikel wäre, der eine Spaziergang durch das Rotlichtviertel von Hamburg beschreibt und zum Ausdruck bringt, dass wohl ganz Hamburg so aussieht. Aus Neugier hatte ich das 2nd Life auch mal ausprobiert - vor ein paar Tagen. Meine Erfahrungen: Der Besuch im "International Space Flight Museum" war sehr interessant. Ich habe mir einen Überblick über die Raumfahrt der letzten 50 Jahre gemacht. Die Mondlandekapsel und das Space Shuttel habe ich mir in Ruhe von innen angesehen. Dann noch eine halbe Stunde NASA-TV angeschaut. Über die Mailingliste (freiwillig) habe ich eine Einladung für Samstag zu einem Interviewtermin zu einem neuen Radioteleskop bekommen. Beim zweiten Besuch war ich im Planetarium und habe mir die Legende/Geschichte der Casiopaia angeschaut. Dann war noch der Besuch in der Ausstellung über Wahrnehmung. Dort habe ich etwas über Farbenblindheit gelernt und konnte sogar sehen, wie sich Farbenblindheit auswirkt. Weil ich auch einmal ein Auto probieren wollte war ich dann noch im grpßen Freebie Warenhaus und habe mir dort kostenlos ein Auto, ein Motorrad, ein Hubschrauber, eine Yacht, Flügel und neue Klamotten besorgt. Also ehrlich... mein Bericht ist weniger reißerisch, kommt dafür der Wahrheit wohl näher. Oder?
Axelino, 25.01.2007
5. Werbung für Second Life
Der x.-te Artikel in SPON zum Thema Second Life. Warum wird hier so massiv Werbung dafür betrieben? Die Grafik von SL scheint mir eher dürftig zu sein, und 3D-Communities gibts auch schon länger, wie z.B. von moove. Ich denke, wer ein zweites Leben braucht kommt irgendwie mit dem ersten nicht so recht klar.
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