"Second Life"-Tagebuch Sex am Strand

Zehn Chat-Sätze: Genau so viel Konversation braucht es am Nacktbadestrand in "Second Life", bis sich zwei zum Cybersex zusammengefunden haben. "Ist ja nicht real!", glaubt das Mädel vom Lande, und schwupps, ist sie weg. SPIEGEL-ONLINE-Avatar Sponto hat gelauscht.

Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier.

Steffi ist noch nicht lang dabei, und offenbar noch ziemlich unschuldig. Sie sieht auch so ein bisschen nach Mädel vom Lande aus. Mit ihren Jeans und einem weißen T-Shirt unter dem Spaghettiträgertop wirkt Steffi zwischen den ganzen Turboschönheiten mit teurer Schamhaarfrisur und extra glitzerndem Schmuck an verschiedenen Stellen ein bisschen verloren.

Genau wie ich übrigens: Eine dürre, lange Cyberpunkdame mit blassem Teint und blauem Gewand ist an diesem Strand ein Alien – wird aber wenigstens in Ruhe gelassen. Vor allem, wenn sie wie ein erschöpfter Junkie auf einem Handtuch liegt. Sponto ist ein perfektes U-Boot für die feuchtwarmen Untiefen von "Second Life".

"Willst Du hier auch Sex haben?"

Steffi und Joel sitzen auf einer langsam rotierenden, runden Luftmatratze in der Brandung. Irgendein freundlicher Mensch hat sie hier am Strand ins Wasser kodiert, mit Animationskügelchen drauf, die den eigenen Avatar darauf sehr sommerlich hocken lassen. Das Meer rauscht meditativ. Sponto liegt am Strand und macht ein Nickerchen. Scheinbar. In Wahrheit sind die blassen Ohren des SPIEGEL-ONLINE-Avatars neugierig gespitzt, spätestens ab diesem Satz: "Und willst Du hier auch Sex haben?"

Joel hat Steffi eben erst kennengelernt, und er macht das, was sich in SL gehört: Er fragt nicht "und was machst Du sonst so?", wie man das im echten Leben täte, sondern "und was hast du hier so vor?". Joel sieht eigentlich ganz nett aus, er hat einen Vollbart, Jeans, ein blaues Hemd und einen ganz normalen Körperbau. Keiner von den tätowierten Bling-Bling-Typen, die hier ihre teuren Pixelsonnenbrillen zur Schau tragen.

Steffi ist etwas peinlich berührt von der Frage. "Ach so einer bist Du!", antwortet sie, garniert das aber mit einem getippten Smiley, allzu prüde will man ja dann nun wirklich nicht wirken, schließlich sind wir hier am FKK-Strand (wenn auch voll bekleidet). "Du, ich hab hier viele Freundinnen", rudert Joel leicht gekränkt zurück. "So war das gar nicht gemeint. Sorry". Dann sagt Steffi den Satz, der als Überschrift über dem ganzen losen Treiben hier stehen könnte: "Nicht so schlimm", sagt sie, "ist ja nicht real."

"Wie jetzt. Wir beide?"

"Die Menschen hier schon", antwortet Joel völlig korrekt. Ein genialer Schachzug, klingt ein kleines bisschen nach verletztem Gefühl und ein kleines bisschen nach dunklen Geheimnissen. Und schon ist Steffi gefesselt: "Mach mal…", sagt sie. "Ich meine Sex, würde gerne mal sehen, wie das aussieht." Der Traum eines jeden Tresen-Anquatschers.

Steffi hat vermutlich wirklich keine Ahnung, wie das alles geht mit den Animationsbällchen und den eigens anzulegenden Geschlechtsteilen. Schließlich ist sie erst zwei Tage alt, das kann man sehen, wenn man mit einem Rechtsklick auf ihren Körper einen Blick in ihr Profil wirft. Steffi ist ein Newbie aus Deutschland. Und Joel weiß das, aber jetzt ziert er sich erstmal ein bisschen: "Wie jetzt. Wir beide?" Nun wird Steffi kühn: "Ja na klar," sagt sie, "oder willst du jetzt nicht mehr?"

Ich lausche, beziehungsweise lese gebannt. Ein bisschen störend ist, dass gelegentlich fehlgesteurte Avatare auf Spontos mageren Körper treten. Und dass irgendeine der Strandschönheiten einen Audio-Loop eingeschaltet hat, der immer mal fleht "ich will, dass du auf meinen weichen Körper kommst!". Meeresrauschen allein wäre schöner.

"Ok", antwortet Joel, und obwohl es sich um getippten Text in einem Chatfenster handelt, wirkt das irgendwie gepresst. Nichts passiert. "Und nu?", fragt Steffi, und Joel erklärt, dass man sich jetzt auf eins der entsprechend ausgestatteten Handtücher legen und dort "Kuscheln" könnte (entsprechende Animationsbällchen stellen die Strandbesitzer, wer immer das ist, freundlicherweise zur Verfügung).

Automatische vor-und-zurück-Animationen

"Oder wir gehen woanders hin …". Ich frage mich, was Joel vorhat. Ob er zu Hause ein Sex-Bett für ein paar Tausend Linden-Dollar stehen hat? Oder ob er sie jetzt in einen öffentlichen Sexshop bringen will, wo solche Dinger herumstehen? Oder nimmt er sie in einen öffentlichen Orgien-Raum mit? Das sind bizarre Orte, Sponto hat schon einen besucht, sich aber angesichts der ganzen erigierten Pixelpenisse und der wegen Überfüllung auf Zeitlupentempo gebremsten Chatgespräche schnell wieder verdrückt.

Joel verschwindet von der Luftmatratze. Verpufft, als sei er nie dagewesen. Sekunden später ist auch Steffi weg. Vermutlich ist sie seiner Teleportations-Einladung gefolgt. Auch ein Aufreißer-Traum. Seit dem Beginn des Gesprächs sind keine fünf Minuten vergangen.

Zu gerne wäre ich hinterhergereist und hätte, vielleicht als Fliege an der Wand (hier ginge das ja!) belauscht, was Steffi von den kümmerlichen, automatischen vor-und-zurück-Animationen hält, die hier dafür sorgen, dass die Cybergeschlechtspartner die Hände frei haben. Ob sie sich nach zwei Minuten verwirrt und irgendwie verletzt wegteleportiert hat. Oder ob sie jetzt auch eine von Joels vielen Freundinnen ist. Steffi, falls du das hier liest: Schick Sponto mal eine Nachricht.

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