"Second Life"-Tagebuch Sponto fällt unter die Ratten
Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier.
Amy hat finstere Pläne. Sie ist genervt von den ganzen Liegestuhlgammlern in "Second Life", deren Avatare aussehen, wie "eine Mischung zwischen Sonnenstudio und Straßenstrich". Amy will Schweiß, Blut und Tränen. Deshalb baut Sie gerade eine Dampfmaschine. Ihre Freundin Slikerone baut Ratten. Die beiden sind obdachlos: Sie haben sich kein Heim gebaut, sondern verfolgen in SL lieber subversive Projekte.
Amy hat mich eingeladen, ihr in ihrer geborgten, halboffenen Fabrikhalle einen Besuch abzustatten, um mir zu erklären, wie sie im zweiten Leben die industrielle Revolution nachholen möchte. Die Faulheit der SL-Bewohner ist ihr ein Dorn im Auge und zwar die sichtbare Trägheit der Avatare ebenso wie die mentale der Avatar-Jockeys vor den Monitoren da draußen. Dass so viele nur in Liegestühlen herumhingen sei ein Symptom, sagt Amy, die übrigens den Vor- und Nachnamen einer Figur aus dem brillanten Roman "Cryptonomicon" von Neil "Snow Crash" Stephenson trägt.
Fensterputzen ist sexy - und bringt Geld
Wer in den richtigen Stühlen sitzt, bekommt in SL Geld. Wenig Geld, ein paar Linden Dollar für eine Viertelstunde. Aber genug, um die Leute dazu zu bringen, dort herumzuhängen. Fürs Sitzen bezahlt werden, das klingt geradezu paradiesisch. "Campen" heißt diese Nicht-Tätigkeit im SL-Jargon, und es gibt sie in verschiedenen Formen: Manche Avatare campen auf Leitern und putzen dabei virtuelle Fenster (was natürlich bei den oft wie sündteure Luxushuren hergemachten Spielfiguren fetischhaft sexy aussieht), andere sitzen auf schwebenden Kissen und meditieren, tanzen oder hängen einfach in Loungesesseln herum.
Ab und zu blinkt auf solchen Campingplätzen eine Botschaft wie "Kalle Hubrich hat gerade 7 Dollar verdient" auf, damit die anderen Camper auch schön vor Ort bleiben. Warum aber bezahlt jemand fürs Herumhängen Geld? Immerhin sind Linden Dollars ja in echte konvertierbar, auch wenn sich die Camping-Verdienste nur in Hundertstel Cent messen lassen.
Die Antwort ist einfach: Es geht, wie überall sonst im Netz, um Aufmerksamkeit. Für MySpace knipsen junge Mädchen von oben ihr Dekolleté, Bannerwerbung blinkt und ruckelt, YouTube-Videos haben vorzugsweise Titel, die mit Ausrufezeichen enden. Aufmerksamkeit ist gleich Traffic ist gleich Selbstwertsteigerung oder wenigstens bares Geld im Internet.
Genauso ist es in "Second Life" auch nur, dass sich Aufmerksamkeit hier nicht über Klickzahlen messen lässt, sondern per Anwesenheitsliste.
Wer auf die Karte sieht (jeder Avatar ein grünes Pünktchen), oder im Menü nach den "Most popular places" schaut, der sieht, wo viel los ist. Und geht vielleicht selbst dorthin, das ist das Kalkül der Campingstuhl-Aufsteller. Wer will, dass sein Werbeplakat/sein virtueller Puff/sein Schuhladen auch ein paar Augäpfel abbekommt, wie die Internet-Werber das nennen, der muss am besten dafür sorgen, dass dort schon ein paar Newbies herumhängen. Der faule SL-Bewohner ist ein Herdentier, er geht dahin, wo die anderen sind. Nicht jeder schätzt die majestätische Einsamkeit vollkommen verlassener Pixelinseln so wie Sponto.
Die wahren Schöpfer dieser Welt hassen Campingstühle
Viele derjenigen, die SL zu dem machen, was es ist, nämlich einem Ort voller bizarrer, wunderlicher Dinge, "hassen die Campingstühle", sagt Amy. Die wirklich interessanten Orte, das sei die Gefahr der Billiglohnfallen, "veröden und werden dann schließlich mangels Interesse eingestellt".
Campen ist gewissermaßen destruktive, begrenzt lukrative Untätigkeit. Ungefähr das, was in den regelmäßig aufflammenden Faulenzerdebatten hier drüben im echten Leben gern mal Sozialhilfeempfängern vorgeworfen wird nur dass die faulen Avatare alle so aussehen wie Multimillionäre.
Jedenfalls wollen Amy und ihre Freundin Slikerone nun etwas unternehmen gegen das virtuelle Dahindämmern auf Bezahlsitzen. Die eine kann programmieren, die andere kennt sich mit 3-D-Modellen aus. Gemeinsam haben sie eine historische deutsche Dampfmaschine nachgebaut und mit der soll jetzt endlich die industrielle Revolution eingeleitet werden in "Second Life".
Reale Knochenjobs soll es endlich geben im Pixelparadies: "Kohle schleppen, schaufeln und an den Geräten stehen, schwitzen und stinken, mit riesigen Zahnrädern und Dampf, Öl und Schweiß." Natürlich, sagt Amy, werde alles so sein, "wie es sich für ungebremsten Kapitalismus gehört": "Ich werde es so machen, dass jeder den Job kriegen kann, der für weniger Geld bereit ist, dieselbe Arbeit zu machen."
Kohle schippen statt Campen also, das sorgt zumindest für originellere Zeitverschwendung als die ewigen Liegestühle. Selbstverständlich ist das vollkommen absurd in einer Welt, die ja aus nichts als Strom besteht eine virtuelle Dampfmaschine erzeugt nur virtuelle Energie, verbraucht aber reale. Das Unterfangen ist paradox. Genauso wie sich in eine virtuelle Welt zu begeben, um sich dort in einen virtuellen Stuhl zu setzen, der einem dafür virtuelles Geld bezahlt, das nicht mal die Kosten für den Stromverbrauch der eigenen Anwesenheit deckt.
Amy und Slikerone wollen "Second Life" aber nicht zugrunde richten nur ein bisschen dreckiger machen. Deshalb entwirft Slikerone gerade hübsche kleine Ratten. Amy wiederum hat die Macht der Selbst-Replikation entdeckt bislang hat sie Lemminge aus dem gleichnamigen Computerspiel im Programm, die sich auf Kommando vermehren, rückwärts zählen und dann explodieren.
Von-Neumann-Maschinen heißen Apparate, die sich selbst nachbauen, nach dem Mathematiker John von Neumann, der in den späten Vierzigern ein theoretisches Modell dafür vorgestellt hat. SL besteht aus Software, also aus Code-Maschinchen, Amy schreibt also von-Neumann-Code. Mit dem man allerdings vorsichtig sein muss: Zu viel Selbstreplikation kann einen SL-Server leicht zum Absturz bringen. Und weil man den Urheber jedes Objektes hier mit zwei Klicks identifizieren kann, droht Server-Killern im schlimmsten Fall der Ausschluss aus der virtuellen Welt. SL ist schließlich eine Diktatur mit gottgleich mächtigen Herrschern.
Amy und Slikerone schwebt deshalb ein hübsche kleine, eine kontrollierte Rattenplage vor, irgendwo in einem glamourösen Kaufhaus vielleicht. Da, muss ich zugeben, wäre ich gern dabei: Kreischende Avatarinnen, die in ihren Miniröcken verzweifelt Richtung Ausgang stöckeln, weil sich plötzlich eine graue, wuselnde Flut auf dem simulierten Marmorboden ausbreitet. Selbstreplizierende, gewaltlose Konsumkritik. Vielleicht zeigt mir Amy sogar irgendwann, wie ich mir eine eigene Ratte baue.