"Second Life"-Tagebuch Sponto geht zum Gipfel

Obwohl "Second Life" selbst ein Hort des globalisierten Turbokapitalismus ist, tummeln sich dort auch die G8-Kritiker. Sie haben Heilgendamm nachgebaut - gleich zweimal. Und nebenan werden Kampfroboter verkauft.

Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier

Im Grunde ist es ja paradox. "Second Life" ist nun wirklich Turbo-Globalisierung - multinationale Unternehmen, kapitalismusbegeisterte Konsumenten aus aller G8-Herren Länder, Währungsspekulanten. Immobilienzaren können hier ihre Landschaftsarchitekten nach China outsourcen. Von Gewerkschaften, Kartellschutz oder gar Arbeitsrecht keine Spur. Ein Alptraum für Gipfelgegner, könnte man meinen.

Stimmt aber nicht. Auch der Protest hat ein Heim in SL, und zwar ein selbstgebautes, das genauso aussehen soll wie die Chefkapitalisten-Trutzburg in Heiligendamm. Die weiße Stadt steht gleich zweimal in SL: Einmal als "G8-Kritiker-Café" und einmal als Modell im nagelneuen "Politik-Land" der deutschen Initiative politik.de.

Dort stehen auch bislang weitgehend verwaiste virtuelle Zentralen für die Bundestagsparteien herum. Nur die SPD hat schon ein bisschen mit dem Einzug angefangen. Über dem Heiligendamm-Nachbau schweben zwei Monitore, auf denen bei meinem ersten Besuch Angela Merkels wöchentlicher Videocast in Endlosschleife lief. Es hatte etwas ungemein Beruhigendes, wie die Kanzlerin da vor blauem Himmel und weitem Meer schwebend über die Chancen der internationalen Zusammenarbeit sprach.

"Diskutieren ohne Zaun und Bannmeile"

Vor diesem ziemlich lebensecht aussehenden Heiligendamm bei politik.de fand gestern auch eine Podiumsdiskussion zum Thema statt. Der Untertitel lautete "diskutieren ohne Zaun und Bannmeile", und womöglich weil der deutschen Politik dieses Thema nicht ganz geheuer war, kam nur Hellmut Königshaus von der FDP, die übrigen Parteien hatten irgendwie keine Zeit -was schade war, denn das versammelte Publikum war tatsächlich an einer sachlichen Diskussion interessiert - es wurde mehr über Inhalte geredet, als man das in den letzten Wochen aus den Medien so gewöhnt ist. Steine hat auch niemand geworfen.

Sponto saß als Moderatorin mit auf dem Podium, deshalb soll hier jetzt nicht so viel über diese Veranstaltung stehen, nur so viel: Attac, auf dem Podium vertreten durch Felix Kolb, findet den Gipfel zwar nicht gut, ist dann eigentlich aber doch froh, dass es endlich mal wieder einen Anlass gibt, über eine Steuer für internationale Währungsspekulationen (Tobin-Steuer), über die Patente der Pharmaindustrie und die Aktivitäten der internationalen Agrarkonzerne zu reden. Er hoffe, dass "die Proteste das Versagen früherer Gipfel deutlich machen", sagte Kolb. Drachen, Pelztiere und eine Dame im Abendkleid mit riesigem Snoopy-Kopf im Publikum nickten beifällig (so kam es mir zumindest vor).

Beruf: Bunter Hund

Hellmut Königshaus war in der unangenehmen Situation, für die im Publikum versammelten Avatare, von denen einige "Gegen G8"-T-Shirts trugen, der einzige Vertreter der deutschen Politik und damit Ziel aller Kritik zu sein. Selten hat man einen Oppositionspolitiker die Regierung sich so vehement verteidigen sehen. Als dritter saß auf dem Podium Made Höld, von Beruf bunter Hund. Ein vierter Teilnehmer konnte nicht, wegen technischer Probleme.

Höld hat schon einmal für den Bundestag kandidiert, als unabhängiger Kandidat (ohne Erfolg), war aber auch mal "fotografischer und redaktioneller Begleiter von 'Deutschland sucht den Superstar'-Kandidat Philippe Bühler", wie man dem Lebenslauf auf seiner Webseite entnehmen kann. Heute ist Höld "Second Life"-Unternehmer - und einer der Erbauer des zweiten, nicht ganz so originalgetreu aussehenden Heiligendamm in SL. Nebenan steht ein ebenfalls von Höld betriebenes Business-Zentrum.

Bei meinem Besuch stand ein Avatar mit bunten Hosen und Zippelbart vor der Tür, der sehr globalisierungskritisch aussah und auch "G8-Gegner" über seinem Kopf stehen hatte. Ich sprach ihn an, in der Hoffnung auf eine lebhafte Diskussion über eine bessere Welt, aber er war recht einsilbig. Irgendwann gab er mir zu verstehen, dass er nur versehentlich mit einem Klick auf eines der herumstehenden Schilder dieser Gipfelgegner-Gruppe beigetreten war (so einfach geht das hier, man ist schneller Vereinsmitglied als in einer deutschen Kleinstadt).

Eine unruhige Nacht für George W. Bush?

Sonst war wieder mal keiner da - heute Abend soll aber eine Party mit DJ stattfinden, um "Bush eine unruhige Nacht zu bescheren" - wie das jetzt wieder gehen soll, ist mir allerdings unklar. Boxen am Zaun?

Ich nahm mir aus einer der herumstehenden Kisten mit kostenlosen Protest-Accesoires eine Gipfelgegner-Trillerpfeife (die in regelmäßigen Abständen tatsächlich Trillerpfeifengeräusche macht, so lange man sie im Mund hat - mehr als lästig), las mir ein paar Wandzeitungen durch (auf einer wurde aufgefordert, dem schnüffelbegeisterten Innenminister Schäuble doch "geeignete Kleidungsstücke und Socken" zu schicken), stellte erfreut fest, dass die bereitgestellten Links tatsächlich zu den Seiten der verschiedenen Gipfelkritiker-Organisationen führten und wunderte mich über einen großen Bildschirm an der Rückwand des etwas Lego-Burg-artig aussehenden Gebäudes, auf dem in großen Buchstaben "Scharch!" stand. Sind die Globalisierungskritiker schon müde? Jetzt, wo es gerade erst losgeht in Heiligendamm?

In unmittelbarer Nachbarschaft des Kritikercafés gibt es übrigens einen Showroom für mächtige Kampfroboter-Avatare mit einer Stahlklaue und einer Art Plasmakanone anstelle der Hände. Sebastian Edathy von der SPD, der im Widerspruch zum Polizeigesetz Mecklenburg-Vorpommerns Gummigeschosse gegen Randalierer einsetzen möchte, sollte da vielleicht mal vorbeischauen - ich vermute, er wäre begeistert.

Generell wäre es eine tolle Idee, Randalierer und Polizeiknüppel einfach komplett nach SL zu verlegen - da gibt es keine Platzwunden, keine blauen Flecken und Reizgas bringt einen nur zum Weinen, wenn man die entsprechende Animation aktiviert. Nach Herzenslust könnte der schwarze Block Steinsalven auf die ungerührt dastehenden Kampfroboter der Sicherheitskräfte werfen, die könnten vielleicht ab und zu ein Plasma-Gummigeschoss zurückschicken, damit es nicht zu langweilig wird. Und im wahren Leben könnten die echten Demonstranten an einem Ort demonstrieren, wo die Gemeinten sie auch sehen können.

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