"Second Life"-Tagebuch Sponto gerät in den Picassogenerator

"Second Life" kann eine ganz schön brutale Welt sein. Beim Besuch einer Ausstellung wurde Sponto selbst zum Opfer: Warhols berühmte Tomatensuppe attackierte die Dame, es war als habe jemand Drogen in den virtuellen Prosecco gerührt.

Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier

Mit Beuys könnte man sagen: In "Second Life" ist jeder ein Künstler. Den eigenen Avatar gestalten, mit anderen in Kontakt treten, sich selbst oder genauer die selbstgewählte Repräsentation des Selbst in bizarre Kontexte stellen – das alles heißt Teilnehmen am merkwürdigen Gesamtkunstwerk SL.

Jeder ein Künstler, jeder ein Kunstwerk. Dabei wäre es in Zeiten, in denen das Warhol-Diktum mit den 15 Minuten Ruhm selbst Kindergartenkindern flüssig über die Lippen geht, doch eigentlich ganz schön, wenn mal wieder Künstler Künstler wären und nicht ständig irgendwelche Amateure.

Auch das gibt es hier: Viele, die im realen Leben echte Kunstwerke schaffen, nutzen SL als Ausstellungsraum mit globalem Publikum – oder als Testgelände für ganz neue Formen. Viele Ausstellungen sind allerdings ziemlich langweilig: Virtuelle Versionen echter Galerieverkäufe, mit digitalisierten Versionen herkömmlicher Malerei oder Fotografie an der Wand.

Echte SL-Kunst dagegen setzt sich oft mit der Frage auseinander, was eine virtualisierte Gesellschaft ausmacht - und was einen Lebensraum mit digitalen Körpern vom "Meatspace" da draußen vor den Rechnern unterscheidet.

Auf der Künstler-Insel "Odyssey" gibt es bis Ende Mai eine Ausstellung zu sehen, die das Avatar-Sein selbst thematisiert. Odyssey ist Künstlerkollektiv, Ausstellungsraum und Atelier zugleich. Betrieben wird die Insel von zwei Mäzenen, die die Grundsteuer bezahlen und schöpferischen Bewohnern so Raum für Kreativität zur Verfügung stellen.

Gazira Babeli hat dort ein paar verblüffende Werke geschaffen, die einerseits Verbindungen zu einigen der großen Strömungen des 20. Jahrhunderts herstellen – Pop, Dada, Abstraktion, Performance – und andererseits darüber hinausweisen. Denn Avatar-Kunst kann etwas, das reale Werke nicht können: Den Betrachter nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich verändern, ihn vom Subjekt zum Objekt zu machen. Für mich war diese Erkenntnis mit einem ziemlich demütigenden Gefühl von Kontrollverlust verbunden – ich war am Ende sehr froh, ganz alleine im Austellungsraum zu sein.

An den Wänden des "Odyssey"-Austellungsraumes hingen zum Zeitpunkt meines Besuchs ein paar Leinwände mit virtuellen Ölgemälden. An den großformatigen Bildern waren digitale Versionen billiger Wartezimmerstühle angebracht. Auf einer kleinen Tafel an der Wand stand "Avatar on canvas" – Avatar auf Leinwand. Nun würde man sich in einem realen Museum hüten, sich in ein Kunstwerk hineinzusetzen (Erinnerungen an die Beuys'sche Fettecke und ihr abruptes Ende durch den Lappen einer übereifrigen Reinigungskraft werden da wach).

In SL jedoch ist jeder Stuhl mit einem "setz' dich"-Skript versehen, und wenn sich die Möglichkeit nun mal bietet, dann setzt man sich eben ins Bild – was kann schon passieren?

Lesen Sie im 2. Teil: So einiges kann passieren - zum Beispiel, dass der eigene Avatar plötzlich ganz anders aussieht - oder dass einen wildgewordene Suppendosen anfallen ...

Also nahm ich Platz, um ein Foto zu schießen und kein Spielverderber zu sein. Während ich noch mit der Kamera hantierte, um mich selbst möglichst gut zu treffen auf meinem Leinwand-Hochsitz, geschah etwas sehr Beunruhigendes: Plötzlich war Spontos Kopf verschwunden. Präzise gesagt, stellte ich dann fest, er war nicht weg, sondern steckte in Spontos Bauch, mit dem Gesicht nach hinten. Zwischen den Schultern ragte stattdessen ein Arm senkrecht nach oben.

Während ich mich noch über die Deformation wunderte, verschwand plötzlich mein anderer Arm und tauchte dann seitlich an einem Kniegelenk wieder auf, allerdings etwa dreimal so lang wie vorher. Inzwischen saß mein Kopf wieder auf meinem Hals, nur dass der nun geschätzte 1,5 Meter lang war und der blaue Irokesenschnitt nach unten statt nach oben zeigte, während meine Füße samt Schuhen sich irgendwie an meinen Schultern festgesetzt hatten.

Der durchgedrehte Picassogenerator

Es war, als sei Sponto in einen durchgedrehten Picassogenerator geraten: Einmal von den "Demoiselles d’Avignon" über die "Weinende Frau" bis "Guernica" und wieder zurück im Schnelldurchlauf. Zyklisch erlitt mein digitaler Damenkörper eine groteske Deformation nach der anderen.

In SL kann ein Künstler eben nicht nur mittelbar, sondern unmittelbar den Betrachter verändern. Zuerst war ich von der Idee begeistert. Alles sehr amüsant. Dann stellte ich fest, dass die Körper-dekonstruktivistische Wirkung des Bildes nicht nachließ, als ich wieder von dem Leinwandsitz aufgestanden war. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Rest der Ausstellung als belebte Skulptur von Babelis Gnaden zu durchwandern. Gern wäre ich bei der Eröffnung dabei gewesen und hätte mir all die kunstbeflissenen, vom sektschlürfenden Subjekt zum willenlosen Kunstobjekt mutierten Avatare angesehen.

Ein paar Schritte weiter wurde die in diesem Moment mit einem Teleskoparm am Ohr ausgestattete Sponto von einer überdimensionalen Dose Campell’s Tomato Soup attackiert. Eine ganze Batterie von Warhols berühmten Schnellfraß-Porträts stand herum, annonciert mit einer Tafel mit der Aufschrift "Sie lieben Pop Art, aber Pop Art hasst Sie". Die fiese Dose packte meine ja ohnehin schon ziemlich mitgenommene Avatarin und sprang mit ihr wild im Raum herum.

"Du sollst doch nicht 'neue Medien' sagen!"

Nach ein paar Augenblicken gab sie mich glücklicherweise wieder frei. Der erlebte Kontrollverlust war zwar virtuell, aber emotional ganz echt: Als hätte einem jemand Halluzinogene in den Vernissage-Prosecco gerührt. Gut, dass man in SL mit einem Menübefehl aus dem Trip aussteigen kann. Ein anderes Werk transportierte die deformierte Sponto dann mit einem Klick in eine weite, leere Wüstenei mit ein paar schiefen Säulen – plötzlich war ich das einzige Wesen in einer surrealistischen Landschaft, die bis zum Horizont reichte, ein fühlendes Objekt in einer Landschaft von Ives Tanguy. Zum Glück brachte mich ein Klick auf einen Regenschirm (aus dem es ununterbrochen regnete) am Kapitell einer Säule wieder zurück in den Ausstellungsraum.

Da stellte ich dann fest, dass sich unter meinen Fußsohlen am Boden eine der kleinen Erklär-Tafeln befand. "Don’t say new media", stand darauf drohend, und eine per Klick eingesammelte Texttafel erklärte, dass die Künstlerin es gar nicht möge, wenn man ihre Werke als Kunst mit neuen Medien bezeichne. Spaßeshalber tippte ich "new media" ins Chatfenster – ein Fehler. Ich wurde von einem gewaltigen Wirbelsturm gepackt und in dem kleinen Austellungsraum im Kreis herumgeschleudert.

"Du solltest doch nicht ‚neue Medien’ sagen, Sponto Apparatchik!" schalt ein Textfenster in der linken unteren Bildschirmecke. Nach einer Weile des wehrlosen Herumgeschleudertwerdens – ich dachte schon darüber nach, mich auszuloggen, um dem Zorn des Kunstwerks (oder des Künstlers?) zu entkommen – forderte das Textfenster eine Entschuldigung von mir: "Sag ‚sorry’, Sponto Apparatchik." Also tippte ich ‚sorry’ – und wurde wieder sanft am Boden abgesetzt.

Kuratoren und Künstler auf der guten alten Erde, da habe ich keinen Zweifel, träumen heimlich davon, Ausstellungs-Schwadroneuren mit genau solchen Methoden beizukommen. In SL ist alles ein bisschen brutaler – auch die Kunst.