"Second Life"-Tagebuch Sponto zuckt unkontrolliert

"Second Life" ist kein Spiel. Sagen die Betreiber, und findet auch der SPIEGEL-ONLINE-Avatar Sponto. Denn in einem Spiel lernt man im Normalfall, seine Spielfigur immer besser zu beherrschen. In "Second Life" lernt man, sich beherrschen zu lassen.

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Anmerkung für neue Leser dieses Tagebuchs: Die ersten Abenteuer des SPIEGEL-ONLINE-Avatars Sponto in der virtuellen Welt "Second Life" finden Sie hier und hier.

Im literarischen Vorbild von "Second Life", Neal Stephensons Roman "Snow Crash", gibt es eine Schlüsselszene, die deutlich macht, was eigentlich so toll sein könnte an einer virtuellen Welt. Der Held, ein junger Mann mit kurzen Dreadlocks und Spiegelbrille, trägt ein japanisches Samuraischwert bei sich. Gelegentlich fordert er in der Spielwelt jemanden zum Duell.

Und weil er auch im wirklichen Leben ein versierter Schwertkämpfer ist, gewinnt er immer. In der Schlüsselszene tut er das, indem er hüpft, tänzelt und pariert – und dann dem gegnerischen Avatar einfach beide Beine in Kniehöhe abtrennt. Womit der nun wirklich nicht rechnet, weil das für klassische Florettfechter nicht zum gängigen Bewegungsinventar gehört. Das ist gemein, aber nicht so schlimm: Es wird ja nur eine Projektion verstümmelt.

Computer- und Videospieler in aller Welt streben permanent nach solchen Erlebnissen, in denen sich Eleganz, totale Kontrolle und harmlose, weil nur simulierte Skrupellosigkeit vermischen. Die Vorbilder stammen aus Hollywood, von der säbelschwingenden Kronleuchter-Akrobatik eines Errol Flynn bis hin zu den Dauerfeuer-Zeitlupen-Flic-Flacs aus dem ersten Matrix-Film. In Videospielen kann man solche Kunststücke auch können – und zwar ohne jahrelanges Stunt-Training und unsichtbare Seilzüge.

John Woo lässt grüßen

Ich selbst bin auch gewohnt, als schwerbewaffneter Weltraum-Hase John-Woo-mäßig lässige Seitwärtssalti zu machen oder als orientalischer Prinz Wände hochzulaufen. Timing spielt dabei eine Rolle, und die Beherrschung von Tastenkombinationen – ein bisschen was muss man also können, aber nicht so viel, dass es nicht in ein paar Stunden garantiert verletzungsfrei erlernbar wäre (im Gegensatz zu echten einhändigen Flic Flacs, von denen ich Laien an dieser Stelle dringend abraten möchte).

In "Second Life" ist das anders. Sponto kann eigentlich alles – wenn man ihr das richtige Animationsbällchen kauft. Ich selbst kann mit Sponto aber fast gar nichts. Außer laufen und fliegen (zugegeben, auch das ist schon mehr, als mein Fleisch-Avatar im echten Leben beherrscht). Die Katana-Metzelei aus Neil Stephensons Metaverse-Roman könnte man sich in SL höchstens ansehen – spielen könnte man sie nicht. Für ausgefeiltere Bewegungen muss man die Kontrolle gewissermaßen an die Matrix abgeben. Weil "Second Life" eben kein Spiel im herkömmlichen Sinne ist, jedenfalls keines, in dem es um den Erwerb virtueller Geschicklichkeit geht. Sondern eine Wirtschafts- und Gesellschaftssimulation in 3-D. Da hat Hand-Auge-Koordination keinen Platz.

Ich werde immer gern animiert

Sponto hat bei ihrem letzten Ausflug zum Beispiel eine nicht mehr zu stoppende Tanz-Attacke erleben müssen. Irgendwo stand "darf XY sie animieren?", und ich klickte natürlich "ja", weil ich immer gern animiert werde, und zack, zuckte die Dame in Blau wie eine Mischung aus Schmidtchen Schleicher und Michael Jackson. Und hörte nicht mehr auf.

Das war zunächst ganz lustig, irgendwann aber nicht mehr so richtig. Weil man zum Beispiel schlecht durch Türen gehen oder schmale Wendeltreppen hochsteigen kann, wenn man dabei ständig Pirouetten dreht und seitliche Ausfallschritte macht. Im Endeffekt, nach diversen vergeblichen Such-Touren durch die zahlreichen Menü-Ebenen von SL, habe ich mich entnervt ausgeloggt. Beim erneuten Einloggen stand Sponto dann wieder so still und kühl da, wie ich das schätze und gewohnt bin.

Insgesamt ist SL also ein bisschen wie Windows: Es gibt Menüs, man kann Objekte kopieren, einfügen, editieren. Gelegentlich hängt das System – und wenn gar nichts mehr geht, macht man eben einen Neustart. Und wie bei Windows geht man als unbedarfter Nutzer natürlich davon aus, dass man im Zweifelsfall selbst schuld war. Nur, dass einem bei einem Betriebssystem-Crash in der Regel keine pelzigen Wesen und Frauen in bauchfreien Tops erstaunt zusehen.

Immerhin: Ich habe inzwischen selbst einen wunderschönen buschigen Schwanz und knuffige pelzige Pfoten - ganz umsonst! Aber dazu mehr beim nächsten Mal.



insgesamt 615 Beiträge
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Seite 1
Spiritogre, 24.01.2007
1.
Habe bisher nur davon gelesen und ein paar Screenshots gesehen. Die Grafik ist noch so gerade okay und als virtueller Chatraum macht die Sache sicher Spaß, weniger Spaß ist, dass man richtiges Geld loswird wenn man im Spiel Sachen kauft. Ich denke aber das Konzept ist Ausbaufähig, schon in richtigen Onlinespielen verbringen die Spieler viel Zeit mit gemeinsamer Kommunikation anstelle des Spielens und ein Second Life ist am Ende auch nichts anderes als eine virtuelle Puppenstube oder Playmobil, nur dass man mit ganz vielen Leuten zusammen spielen kann.
DJ Doena 24.01.2007
2.
Ich hab ein zweites Leben im Netz, ja. http://www.google.de/search?hl=de&q=%22DJ+Doena%22+OR+%22DJDoena%22&btnG=Google-Suche&meta= Ergebnisse 1 - 10 von ungefähr 10.600 für "DJ Doena" OR "DJDoena". (0,40 Sekunden) Dafür brauch ich aber kein komisches Spiele-Programm. Mir reichen die Webforen, die es im Netz zuhauf gibt.
Artax, 25.01.2007
3.
So interessant das ganze Konzept auch klingt - ich sehe hier wie auch in vielen anderen Teilen des Internets (World of Warcraft, Chats etc...) eine große Suchtgefahr für den Menschen. Leider wird das noch viel zu wenig diskutiert. Von einer reinen Verlagerung der Interessen von der realen in die virtuelle Freizeitgestaltung will Ich in dieser Form nicht sprechen. Da kommt auf unsere Gesellschaft noch ein dickes Problem zu (wenn Sie es nicht sogar schon hat). Interessanter Link : www.onlinesucht.de Artax
Alexander Wiggin, 25.01.2007
4. Artikel ist peinlich...
---Zitat von sysop--- Auch schon Erfahrungen gesammelt in "Second Life"? Wie gefällt es Ihnen in der virtuellen Welt? ---Zitatende--- Nach lesen des Artikels ""SECOND LIFE"-TAGEBUCH" über Sponto im Sexshop dachte ich mir: Typisch Medien. Der Artikel ist in etwa so, wie ein Artikel wäre, der eine Spaziergang durch das Rotlichtviertel von Hamburg beschreibt und zum Ausdruck bringt, dass wohl ganz Hamburg so aussieht. Aus Neugier hatte ich das 2nd Life auch mal ausprobiert - vor ein paar Tagen. Meine Erfahrungen: Der Besuch im "International Space Flight Museum" war sehr interessant. Ich habe mir einen Überblick über die Raumfahrt der letzten 50 Jahre gemacht. Die Mondlandekapsel und das Space Shuttel habe ich mir in Ruhe von innen angesehen. Dann noch eine halbe Stunde NASA-TV angeschaut. Über die Mailingliste (freiwillig) habe ich eine Einladung für Samstag zu einem Interviewtermin zu einem neuen Radioteleskop bekommen. Beim zweiten Besuch war ich im Planetarium und habe mir die Legende/Geschichte der Casiopaia angeschaut. Dann war noch der Besuch in der Ausstellung über Wahrnehmung. Dort habe ich etwas über Farbenblindheit gelernt und konnte sogar sehen, wie sich Farbenblindheit auswirkt. Weil ich auch einmal ein Auto probieren wollte war ich dann noch im grpßen Freebie Warenhaus und habe mir dort kostenlos ein Auto, ein Motorrad, ein Hubschrauber, eine Yacht, Flügel und neue Klamotten besorgt. Also ehrlich... mein Bericht ist weniger reißerisch, kommt dafür der Wahrheit wohl näher. Oder?
Axelino, 25.01.2007
5. Werbung für Second Life
Der x.-te Artikel in SPON zum Thema Second Life. Warum wird hier so massiv Werbung dafür betrieben? Die Grafik von SL scheint mir eher dürftig zu sein, und 3D-Communities gibts auch schon länger, wie z.B. von moove. Ich denke, wer ein zweites Leben braucht kommt irgendwie mit dem ersten nicht so recht klar.
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