"Second Life"-Tagebuch Wie Sponto im Sexshop landet

Eigentlich ist es nur ein Spiel, aber im "Second Life", der virtuellen Welt für Erwachsene, eröffnen Konzerne Filialen, Politiker geben Pressekonferenzen - und das alles inmitten von wüstem Cyber-Sex und kreativem Chaos. Ab heute erkundet der Avatar von SPIEGEL ONLINE für Sie die bizarre 3-D-Welt.

Sponto ist ein Mädchen. Zuerst war sie ein Junge – aber dann sah sie all die braungebrannten Schönlinge mit den Superhelden-Körpern, die tätowierten Cybermachos, die ihre neue Heimat bevölkerten. Und beschloss spontan eine Geschlechtsumwandlung. Die ist sowieso nicht permanent – wenn sie eines Tages die Nase voll hat vom Frausein, kann Sponto nach ein paar Klicks wieder ein Mann werden.

Sponto ist mein Avatar. Ich habe ihm/ihr heute ungefähr zwei Stunden meiner Lebenszeit geschenkt, um ihn zu einem hübschen Alter ego zu machen, einem originellen, der nicht gar so dämlich aussieht neben all den anderen Bewohnern von "Second Life". Man möchte ja nicht in Jeans und T-Shirt – die bekommt man bei der Geburt auf die Haut kodiert - neben einäugigen Aliens und vier Meter großen Mannequins herumstehen. Man kommt sich ohnehin schon absolut dämlich vor, wenn man ankommt im virtuellen Paradies.

Deshalb sieht Sponto ein bisschen so aus, wie ich mir Molly vorstelle, die Cyberpunk-Killerin mit den ausfahrbaren Stahlklauen und den verspiegelten Augen aus William Gibsons "Neuromancer". Dem Buch, das dieses ganze Zeug hier zumindest mitverursacht hat, auch wenn das etwa 20 Jahre gedauert hat. Ich habe ihre Nase modelliert, ihren Mund ein klein wenig schief gemacht, weil nur Asymmetrie wirklich schön ist. Ihre Augen habe ich mit einer Textur überzogen, die "Blue Plasma" heißt und vermutlich für irgendwelche Science-Fiction-Gebäude gedacht ist. Aber Textur ist Textur, man kann auch seine Frisur wie Sand und seine Hosen wie Haar aussehen lassen, wenn man möchte - im Rahmen der grafischen Möglichkeiten versteht sich.

"Das ist alles ziemlich verwirrend, was?", fragt eine Dame (?) deren Namen ich schon wieder vergessen habe, in der Eingangshalle, in der Sponto bei ihrer Geburt landet. "Definitiv", will ich eigentlich antworten, aber die Antwort hört/liest schon keiner mehr, weil ich das Chatfenster mit der Frage erst gesehen habe, als die Fragende längst wieder weg war. "Idiot", hat sie sich wahrscheinlich gedacht, oder "arrogante Zicke, mit ihrem dämlichen Irokesenschnitt, was läuft hier eigentlich für selbstverliebtes Pack herum".

Soziale Paranoia ist das erste Gefühl, das Second Life bei mir auslöst. Wenn man in Hamburg eine Straße entlanggeht, muss man sich nicht ständig beobachtet fühlen – in "Second Life" schon. Es ist, als ob man mit 17 zum ersten Mal an der Ausweiskontrolle vorbei in einen In-Club geschlüpft ist: Die Getränke sind wahnsinnig teurer, aber man hat ohnehin keine Ahnung, was man bestellen soll. Die Leute sind wahnsinnig cool, aber man hofft inständig, dass einen keiner anspricht. Das Ambiente ist umwerfend und völlig desorientierend. Nach zehn Minuten hat man keine Ahnung mehr, wo man ist. Wenigstens kann man sich schnell woandershin teleportieren, wenn's irgendwo zu peinlich wird, oder man nach Hause will.

Ein virtueller Club mit Sex in jeder Ecke

Und dann entdeckt man, dass in dem Club nicht nur auf dem Damenklo, sondern eigentlich überall Sex stattfindet. Oder zumindest Thema ist. Wenn man – das wird Anfängern bei der Erkundung empfohlen – die Liste mit "Events" aufklappt, also per Menü mal nachschaut, was im Moment so los ist (wenig, denn in den USA ist es mitten in der Nacht), dann hat man das Gefühl, man blättert durch seinen Spam-Ordner. "Schnell reich werden", "Machen sie in Minuten $$$!" auf der einen Seite, "Sexxxy Lapdance" und "Gruppensex-Animationen eingetroffen!!" auf der anderen. Sponto teleportiert sich als erstes zum einzigen unverfänglich wirkenden Angebot, von "Yard Sale" ist da die Rede, also einem Flohmarkt.

Dort sieht es ganz hübsch aus, die Häuser sind aus pixeligem Naturstein, irgendwo steht ein weißes Zelt herum, das an einen von diesen Mittelalter-Jahrmärkten erinnert. Es ist avatarleer, aber das ist mir, wie gesagt, gar nicht so unrecht. Beim Blick in die stets geöffneten Ladengeschäfte verliert das Idyll dann allerdings etwas an Unschuldigkeit.

Mit Kindern sollte man hier eher nicht zum virtuellen Spaziergang herkommen – aber dafür gibt es ja eine "Teen-Version" von "Second Life". Die Pixelshops verkaufen in erster Linie Avatar-Klamotten, die eindeutig animierende Funktionen erfüllen sollen. Als ich auf einen kleinen blauen Ball am Boden klicke, der mit "Play sexy" beschriftet ist, hockt Sponto plötzlich breitbeinig auf dem Boden und fummelt sich mit der Pixelhand zwischen den Beinen herum, als ob es juckt. Das gilt hier also als Flohmarkt.

Knappe Texte wie "mach's ihr" und "oooohh"

Dann doch lieber gleich zu den "Gruppensex-Animationen". Gut, dass Sponto ein cooles Mädchen ist, mit blauen Haaren, eckigem Kiefer und Irokesenschnitt, so eine kann auch ganz lässig durch einen virtuellen Sexshop schlendern, ohne dumm angemacht zu werden. Denke ich mir.

Vom Angebot bin ich dann aber doch fast ein bisschen schockiert. Was dieser Laden verkauft, sind auch wieder kleine farbige Bälle, die im leeren virtuellen Raum schweben, in einer in Rot gehaltenen, gewaltigen Auslage. Die Wände zieren Abbildungen Hardcore-pornografischer Natur - Fotos, keine Computergrafiken. Diagramme mit gezeichneten Mannequins (blau für männliche, pink für weibliche Avatare) sollen deutlich machen, was diese Bällchen mit dem eigenen Avatar machen, wenn man sie anklickt.

Ausprobieren ist umsonst. Zahlen muss man, wenn man eine Animation mit in sein virtuelles Haus nehmen will. Oder in ein virtuelles Bordell, als Attraktion für die Kundschaft. Von denen soll es hier eine Menge geben. Ich habe ein bisschen Spielgeld, ein paar "Linden Dollars", dank einer kostenpflichtigen "Premium-Mitgliedschaft". Aber die hebe ich mir lieber noch auf.

Die Bällchen sind mit knappen Texten wie "mach's ihr" und "ooohh" beschriftet, aber was sie wirklich tun, kann man nur herausfinden, wenn man sie mit einem Menübefehl zum Leben erweckt. Plötzlich schwebt Sponto vor dem Orgien-Diagramm in der Luft, den Kopf im Nacken, die Beine gespreizt, und zappelt. Allein, denn für richtige Gruppensex-Animationen braucht man natürlich mehrere Avatare. Jetzt bin ich doch ganz froh, dass außer Sponto keiner da ist.

In einer Ecke findet der Sexshopper diverse Utensilien für Freunde der härteren Gangart: Käfige, Ketten und solche Sachen. Am Ende der Reihe steht ein einsamer Stab, vier virtuelle Meter hoch, auf einem scheinbar gemauerten Stück Untergrund mit rötlichen Verfärbungen. Ich verstehe nicht, was der nun soll und aktiviere den Animationsball. Schwupps ist Sponto aufgespießt wie ein Schmetterling, den Stab durch die Brust gebohrt, wie ein Opfer von Vlaad dem Pfähler. Zu Tode animiert gewissermaßen.

Ich bemühe mich, mir die potentiellen Käufer dieses Produktes nicht allzu genau vorzustellen. Zum Glück muss man nur den "Aufstehen"-Button anklicken, um wieder auf den Boden zurückzukehren. Ich beschließe, dass Sponto für heute genug erlebt hat. Morgen gehe ich vielleicht wirklich mal einkaufen. Oder besorge mir ein Stück Land. Da stehen dann wenigstens keine Sexshops mit Mordwerkzeugen herum.