Unterwegs in Digitalien Tanz den Akkubohrer

Musik im öffentlichen Raum hat ihre Vorteile. Man kann sich hinter Kopfhörern unsichtbar machen und so sogar Akkubohrer-Attacken in der U-Bahn ausweichen - noch besser ist es allerdings, wenn man Angreifer einfach wegtanzen kann, wie die französischen "Tck"-Könige.

Von Helmut Merschmann


Musik ist eine tolle Sache, aber bitte nicht nachts um drei. Ich wohnte einmal über einem Musiker, der die liebenswerte Angewohnheit hatte, zu nachtschlafender Zeit sehr laute Musik zu hören. Sein Wohn- lag direkt unter meinem Schlafzimmer. Mindestens einmal pro Woche kam er spät nach Hause, brachte ein paar Kumpel mit, und gemeinsam lauschten sie den neuesten Rocksongs. Weil sie dabei fachsimpelten, musste die Musik entsprechend laut gedreht werden. Ich stand immer senkrecht im Bett und lauschte notgedrungen mit. Die Bässe! Der Spuk hörte erst auf, als ich mich mit sehr lauter Musik revanchierte. Morgens um acht. Zu einer Uhrzeit, zu der mein Nachbar gerne schlief. Seine Freundin schenkte ihm daraufhin einen Funkkopfhörer.

"Tck"-Tänzer Jey-Jey: Tanzen gegen Akkubohrer-Attacken?

"Tck"-Tänzer Jey-Jey: Tanzen gegen Akkubohrer-Attacken?

Ich besitze ebenfalls ein solches Gerät, benutze es aber kaum, weil mir Funkwellen dicht am Kopf nicht ganz geheuer sind. Außerdem werden unter den plüschigen Hörmuscheln die Ohren so heiß. Eines Tages setzte ich sie, wegen Baulärms im Hof, trotzdem auf. Bei der Frequenzsuche geriet ich dann offenbar in den Funkbereich meines Nachbarn. Er hörte gerade Heavy Metal, eine von mir nicht sonderlich geschätzte Musikrichtung. Ein paar Minuten hörte ich den Gitarrenkrach mit und kam mir wie ein Schnüffler vor. Dann verlor ich das Interesse an meinem kleinen Lauschangriff.

Kopfhörer sind eine Tarnkappe

Oft frage ich mich, was die Leute unter ihren Headphones und Kopfhörern hören, wenn sie mit dem Gehbier in der Hand durch die Straßen ziehen und von einer feinen akustischen Wand vom Rest der Welt abgeschirmt werden. Man kann da nur mutmaßen.

Manchmal sind die Dinger ja so laut gestellt, dass einige Musikfetzen zu hören sind. Das gelingt aber nur in äußerst ruhigen Umgebungen, etwa im ICE. Meistens muss man auf der Basis von Kleidung, Haarschnitt und Habitus komplexe Rückschlüsse über den Musikgeschmack der Headphone-Träger ziehen. Dies fällt umso schwerer, als die selbstgewählte Ohrstöpsel-Isolation die Leute quasi unsichtbar macht. Ja, ich möchte behaupten, dass Kopfhörer eine Art Tarnkappe sind.

Vor etwa einem Jahr stieg ich in Berlin-Kreuzberg am Schlesischen Tor in die U-Bahn der Linie 1. Ich nahm die mittlere Waggontür und blieb dort stehen, weil ich nur zwei Stationen fahren wollte. Durch die hintere Tür kam ein abgerissener Mann rein, schätzungsweise vierzig Jahre alt, der nur eine zerrissene Jacke trug, und Strümpfe an den Füßen. In der Hand hielt er einen Akkubohrer, der in unregelmäßigen Abständen bedenklich aufheulte. Schon ging die Fahrt los.

Erpressung mit dem Akkubohrer

Sorgsam durchkämmte der Mann den Wagen und bedrohte jeden Fahrgast mit dem gefährlichen Gerät. Ein junger Türke mit Pokerface gab ihm fünf Cent, was ich ziemlich cool fand.

Ich trug Ohrstöpsel und blieb von dem Spuk verschont. Als ob ich unsichtbar wäre, schlich der Kerl an mir vorbei, vermutlich in der Annahme, dass jemand unter seinen Headphones eh nicht mitbekommt, was um ihn herum gerade passiert. Seitdem lasse ich die Dinger manchmal einfach stecken, auch wenn ich keine Musik mehr höre, um nicht angesprochen zu werden. Auf Bahnfahrten beispielsweise.

Wie sehr die kleinen Ohrstöpsel die sozialen Beziehungen verändern, zeigt auch das Beispiel Frankreich. Dort ist unter Jugendlichen ein Tanzstil namens Tecktonic der letzte Schrei, eine Mischung aus Techno, Breakdance und Vogueing. Das französische Fernsehen spricht von einer neuen "Tendance". In einem Musikvideo sieht man zu "Find me in the Club" Leute auf offener Straße tanzen. Der junge Karmapa rockt ziemlich gekonnt in einem Hauseingang. Und wer genau hinschaut, entdeckt einen weißen iPod Shuffle in seiner Hand und zwei Kabel die zu seinen unter einer Russenmütze verborgenen Ohren führen. Zugegeben: Unsichtbar macht man sich auf diese Weise kaum.

Regelmäßig treffen sich gelenkige Franzosen auf öffentlichen Plätzen, etwa in Lyon auf der Place Bellecour, schwingen das Tanzbein und wirbeln mit den Armen. Jeder für sich und so gut er kann - entweder allein mit direkter In-Ear-Infusion oder in der Gruppe um einen Ghettoblaster herum. Den Durchbruch erlebte Tecktonic, kurz "Tck" genannt, mit einem Video auf YouTube. 6,5 Millionen Mal ist der Garagen-Clip mit Jey-Jeybislang abgerufen worden. Inzwischen ist der junge "Tckie" zum Werbeträger in einem Spot eines Mobilfunkanbieters aufgestiegen.

Wie vor zwanzig Jahren bei HipHop und Breakdance, werden auch bei Tecktonic regelrechte Wettkämpfe ausgefochten. Die Kontrahenten treffen sich auf öffentlichen Plätzen und legen los. Wer beim Zweikampf zwischen Killerbee und Funckt (siehe oben) jedoch der Bessere ist, könnte ich nicht entscheiden. Da müsste der Herr Lambi vom RTL-Tanzduell her. Ich jedenfalls begrüße die "Tendance" und hoffe, sie gelangt auch zu uns. Besser, als auf Rentner einzudreschen. Mit den ausufernden Armbewegungen ließe sich auch ein wild gewordener Akkubohrer auf Distanz halten.



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