Videospiel-Pionier Nolan Bushnell Daddy Daddel verabscheut "Grand Theft Auto"

Vor 35 Jahren stellte Nolan Bushnell den ersten "Pong"-Automaten auf - für viele die Geburtsstunde der Spieleindustrie. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Pionier über Joints in der Fertigungshalle, verriet, warum er 1977 Atari verkaufte - und was sein Angestellter Steve Jobs so trieb.


SPIEGEL ONLINE: Wann waren sie zum letzten Mal bekifft?

Bushnell: Oh je… das war vermutlich 1977. Ich war ohnehin nie ein großer Konsument, nur bei Partys.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Legenden darüber, dass bei Atari in den Anfangsjahren, als die ersten Pong-Geräte produziert wurden, in den Fertigungshallen Joints kreisten - stimmt das?

Bushnell: Eigentlich nicht. Wir hatten Rockmusik in den Fertigungsbereichen. Aber wir haben nicht erlaubt, dass die Leute Drogen nehmen, während sie arbeiten. Wahrscheinlich haben sie sich nicht immer daran gehalten. Aber das war nicht Teil der Unternehmenskultur. Der Kodex von Atari war "hart arbeiten, heftig feiern - aber getrennt voneinander". Wir haben den Ruf einer Party-Firma entwickelt, weil wir sehr junge Angestellte hatten, Leute, denen eine gute Party lieber war als ein Bonus. Wenn sie ihre Quoten erfüllten, gab es Bier auf Betriebskosten.

SPIEGEL ONLINE: Wie steht es mit den Gerüchten über Vorstandstreffen auf LSD? Der Videospielhistoriker Steve Kent erwähnt das in seinem Buch "The Ultimate History of Video Games"…

Bushnell: Das stimmt nicht. Meines Wissens wurde bei Atari nie Acid konsumiert. Steve Kent ist ein toller Kerl. Aber er versucht alles, um Bücher zu verkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Heute ist die Videospielbranche ein Milliardengeschäft, das von Leuten in Anzügen gelenkt wird. Hat das Spiele-Machen in den letzten 35 Jahren etwas von seinem Charme verloren?

Bushnell: Viele Spiele sind heute sehr Konzern-haft, fast wie vom Fließband. Aber viele kleine Entwicklungsstudios mit nur 12 oder 20 Mann sind immer noch tolle Arbeitsplätze. Die großen Firmen - das ist, als ob man bei General Motors in der Fertigung arbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Sie verfolgen die Branche immer noch?

Bushnell: Ich stecke mittendrin! Aber ich versuche immer, etwas zu machen, was noch keiner gemacht hat. Das ist etwas ganz anderes, als wenn Electronic Arts "Madden Football 243" herausbringt.

SPIEGEL ONLINE: War die Geburt von Atari auch die Geburt der Gamesbranche?

Bushnell: Absolut.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit Ralph Baer, der mit der Magnavox Odyssey die erste Heimkonsole erfand, die vor dem ersten "Pong"-Automaten von Atari auf den Markt kam?

Bushnell: Atari war schon lange im Geschäft, als Magnavox dazukam. Wir haben "Computer Space" vor Magnavox gemacht. Atari marschierte von Erfolg zu Erfolg und Magnavox hatte ein einziges analoges Spiel, das nicht besonders gut ankam. Es hat einfach keinen Spaß gemacht. Ralph Baer glaubt, er hat "Pong" erfunden, aber er hat nur Magnavox erfunden, ein völlig anderes Spiel.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin, er hat vom US-Präsidenten einen Orden für "bahnbrechende Pionierarbeit bei der Erfindung, Entwicklung und Kommerzialisierung interaktiver Videospiele" bekommen. Aber Sie waren finanziell natürlich viel erfolgreicher. Als Baer vergangenes Jahr hier in Deutschland war, hat er berichtet, dass er immer noch jeden Tag in seine Kellerwerkstatt steigt und dort lötet und Spielzeug erfindet. Ist das bei Ihnen auch so?

Bushnell: Nein, ich bin ein anderer Typ. Ich denke in Unternehmen, in wirklich großen Projekten, die Technologie mit Unterhaltung verbinden. Das mache ich am liebsten. Und ich versuche immer, sicherzustellen, dass es auch ein funktionierendes Geschäftsmodell gibt.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie Atari 1977 verkauft, auf dem Gipfelpunkt des Erfolges?

Bushnell: Das Atari-Management hatte unter dem Mitbesitzer, den Warner Filmstudios, zunehmend erstickende Formen angenommen. Und ich hatte Chuck E. Cheese am Laufen und habe einfach entschieden, dass ich Unternehmer bin und kein Konzern-Typ. Atari hatte sich von einer vom Ingenieursgeist getriebenen in eine vom Marketinggeist getriebene Firma gewandelt. Die Innovation welkte und starb - und daran sind sie gescheitert.

SPIEGEL ONLINE: Chuck E. Cheese ist eine Restaurantkette, die Pizza mit Videospielen verbindet …

Bushnell: Ich habe da Unterhaltung geschaffen - der Pizzaladen war nur das Transportmittel. Den Restaurant-Teil haben meine Leute erledigt. Ich habe mich auf die Sachen konzentriert, die Spaß machen.

SPIEGEL ONLINE: Blicken Sie manchmal zurück und denken, Sie hätten in der Spieleindustrie bleiben sollen?

Bushnell: Ich bereue es definitiv, Atari verkauft zu haben. Ich dachte, Warner würde eine förderliche, keine destruktive Kraft für die Entwicklung der Videospiele sein. Ich habe mich geirrt.

SPIEGEL ONLINE: Warner, und Hollywood im Allgemeinen, waren theoretisch perfekt aufgestellt, um das Medium Videospiel voranzubringen - aber bis heute ist ihnen das nicht gelungen. Warum?

Bushnell: Weil die Studios nicht auf der Fähigkeit aufgebaut sind, Technologie zu verstehen und in vorderster Front zu bleiben. Sie basieren auf Bildern und dem Erzählen von Geschichten. Die Spielebranche verschiebt immer wieder technologische Grenzen. Das können die Studios nicht gut.

SPIEGEL ONLINE: Steve Jobs hat auch einmal für Atari gearbeitet …



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