Virtuelle Kunstausstellung Gestern zerstört, heute wieder aufgebaut

Für eine Gruppe von englischen Studenten wurde der schlimmste virtuelle Alptraum wahr: Ihre aufwendige "Second Life"-Kunstausstellung wurde von einem Avatar gelöscht - und wieder zurückgezaubert. Ein bizarres Spiel mit Identitätsklau, Zeitreisen und virtueller Kunst.

Von Khuê Pham


Noch am Sonntag letzter Woche erzählten die Designstudenten des Londoner Goldsmiths College SPIEGEL ONLINE begeistert von ihrer bevorstehenden Abschlussausstellung "annotations" in "Second Life". Sie sahen sich als Kunst-Pioniere, die ihre Arbeiten - parallel zur echten Ausstellung im ganz realen Erstleben - durch die schöne neue virtuelle Welt einem breiten Publikum nahebringen würden: "Eine Abschlussausstellung auf SL hat es noch nie gegeben", erzählten sie stolz, "wir werden einen Meilenstein damit setzen."

Doch schon am Montag, zwei Tage vor der virtuellen Vernissage, löste sich die gesamte Schau buchstäblich in Nichts auf. Ein Fremder loggte sich unter dem Avatar der Kurssprecherin, Emily O’Dwyer, ein und zettelte einen Streit mit dem SL-Vermieter der Studenten an. Wutentbrannt löschte der noch am gleichen Tag Ausstellungsgebäude und Kunstwerke der Nachwuchsdesigner. Die monatelange Arbeit der Studenten war damit auf einen Schlag zunichte gemacht.

Zur Konfliktlösung kommunizierten O’Dwyer und der Vermieter erstmals telefonisch. Der Irrtum wurde aufgeklärt und der Streit geschlichtet. Die Flüchtigkeit der virtuellen Identität zeigte sich in diesem Prozess von ihrer schizophrensten Seite: Wenn Avatar mit Avatar kommuniziert, wer spricht da wirklich? Und ist es überhaupt realistisch, sich auf virtuelle Abmachungen zu verlassen? Die Studenten jedenfalls reagierten mit ganz postmoderner Logik: "Wir sind total geschockt, aber gleichzeitig macht es unsere Konzept sogar noch interessanter", so O’Dwyer, "es unterstreicht den virtuellen Charakter unserer Ausstellung."

Designobjekt als Zeugnis gescheiterter Liebe

Doch nur einen Tag später gab es für solch philosophische Abgeklärtheit keinen Anlass mehr: Das zerstörte Gebäude stand schon wieder an seinem alten Platz. Der reumütige Vermieter hatte sich mit Linden Lab in Verbindung gesetzt, die alle Objekte kurzerhand rekonstruierten, indem sie die Zeit des Grundstücks zurückdrehten - ein Stunt, wie in zuvor allenfalls Superman hinbekommen hätte. Die Erleichterung unter den Stundenten war verständlicherweise groß.

Emma Berry etwa thematisiert in ihrer Arbeit Gefühle, oder besser gesagt: Gefühlskälte. Sie hat eine Lampe entworfen, die an beiden Enden ein - und ausgeschaltet werden kann. Berry spielt damit auf die Bettrituale von Paaren an, die gerade in emotional abgekühlter Beziehung eine starke Dualität aufweisen: während der eine Partner oft schon schläft, liest der andere noch im Schein der Nachttischlampe. Das Designobjekt als Zeugnis einer gescheiterten Liebe - kann es das in der Welt der virtuellen Kreaturen überhaupt geben?

Real-virtuelles Rendezvous

Klar können Avatare sich verlieben, ist die These von Emily O’Dwyer, vor allem in Menschen. Die 24-jährige hat ein Restaurant eigens fürs weltenübergreifende Stelldichein entworfen: In ihrer Arbeit "Menu" können sich Menschen mit Avataren zum romantischen Abendessen treffen, um beim real-virtuellen Kunstlicht-Dinner miteinander anzubändeln.

Mit ihrem Restaurant will O’Dwyer SL und Realität besser miteinander vernetzen. Sie fürchtet, dass sich immer mehr Menschen in die virtuelle Welt flüchten und dabei ihr wirkliches Leben vernachlässigen. Schließlich sind gerade in SL die Möglichkeiten des Eskapismus gewaltig: Wer auf Konflikte keine Lust hat, fliegt einfach weg oder meldet sich ab; wer sein Aussehen blöd findet, wählt einen anderen Look oder gleich einen neuen Avatar. "Dieser Trend ist ziemlich gefährlich", warnt O’Dwyer, "meine Lösung ist daher eine Hybridisierung von SL und Realität."

Ihr Restaurant präsentiert sie in der Ausstellung mit einem Prototyp: ein weißer Einzeltisch mit integriertem Computer und Drucker, das Ganze sieht aus wie ein futuristischer Schreibtisch. Dort nimmt Mensch Platz und sitzt seiner Avatar-Verabredung, die per live-streaming auf dem Bildschirm zugeschaltet ist, gegenüber. Flirten findet ganz SL-konform per Text statt, als Souvenir kann man sich die Protokolle oder Fotos, auf denen die echten Personen zu sehen sind, ausdrucken.

Treffen mit dem Chef?

Auch andere Rendezvous-Rituale hat sie neu kontextualisiert, zum Beispiel das Beschwipstwerden. So verlieren beide Parteien im Laufe der Verabredung ihre Hemmungen, indem der Avatar mit jedem echt getrunkenen Weinglas ein Geheimnis von sich Preis gibt. Auch das flirttechnisch wichtige gemeinsame Verspeisen des Desserts findet bei "Menu" statt. Und zwar mit Barry Whites Song "Playing your game, baby", denn der ist laut O’ Dwyer "so cremig und sündig wie Mousse au Chocolat".

Nach der Ausstellung will O’Dwyer Linden-Lab-Chef Phillip Rosedale kontaktieren, um ihm ihre Restaurant-Idee vorzustellen. Sie hofft, ihr Projekt in der Zukunft realisieren zu können. Gut, dass ihre Idee auch partiell in der Wirklichkeit verankert ist - so kann es wenigstens nicht zu virtuellen Total-Löschungen kommen.



insgesamt 615 Beiträge
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Seite 1
Spiritogre, 24.01.2007
1.
Habe bisher nur davon gelesen und ein paar Screenshots gesehen. Die Grafik ist noch so gerade okay und als virtueller Chatraum macht die Sache sicher Spaß, weniger Spaß ist, dass man richtiges Geld loswird wenn man im Spiel Sachen kauft. Ich denke aber das Konzept ist Ausbaufähig, schon in richtigen Onlinespielen verbringen die Spieler viel Zeit mit gemeinsamer Kommunikation anstelle des Spielens und ein Second Life ist am Ende auch nichts anderes als eine virtuelle Puppenstube oder Playmobil, nur dass man mit ganz vielen Leuten zusammen spielen kann.
DJ Doena 24.01.2007
2.
Ich hab ein zweites Leben im Netz, ja. http://www.google.de/search?hl=de&q=%22DJ+Doena%22+OR+%22DJDoena%22&btnG=Google-Suche&meta= Ergebnisse 1 - 10 von ungefähr 10.600 für "DJ Doena" OR "DJDoena". (0,40 Sekunden) Dafür brauch ich aber kein komisches Spiele-Programm. Mir reichen die Webforen, die es im Netz zuhauf gibt.
Artax, 25.01.2007
3.
So interessant das ganze Konzept auch klingt - ich sehe hier wie auch in vielen anderen Teilen des Internets (World of Warcraft, Chats etc...) eine große Suchtgefahr für den Menschen. Leider wird das noch viel zu wenig diskutiert. Von einer reinen Verlagerung der Interessen von der realen in die virtuelle Freizeitgestaltung will Ich in dieser Form nicht sprechen. Da kommt auf unsere Gesellschaft noch ein dickes Problem zu (wenn Sie es nicht sogar schon hat). Interessanter Link : www.onlinesucht.de Artax
Alexander Wiggin, 25.01.2007
4. Artikel ist peinlich...
---Zitat von sysop--- Auch schon Erfahrungen gesammelt in "Second Life"? Wie gefällt es Ihnen in der virtuellen Welt? ---Zitatende--- Nach lesen des Artikels ""SECOND LIFE"-TAGEBUCH" über Sponto im Sexshop dachte ich mir: Typisch Medien. Der Artikel ist in etwa so, wie ein Artikel wäre, der eine Spaziergang durch das Rotlichtviertel von Hamburg beschreibt und zum Ausdruck bringt, dass wohl ganz Hamburg so aussieht. Aus Neugier hatte ich das 2nd Life auch mal ausprobiert - vor ein paar Tagen. Meine Erfahrungen: Der Besuch im "International Space Flight Museum" war sehr interessant. Ich habe mir einen Überblick über die Raumfahrt der letzten 50 Jahre gemacht. Die Mondlandekapsel und das Space Shuttel habe ich mir in Ruhe von innen angesehen. Dann noch eine halbe Stunde NASA-TV angeschaut. Über die Mailingliste (freiwillig) habe ich eine Einladung für Samstag zu einem Interviewtermin zu einem neuen Radioteleskop bekommen. Beim zweiten Besuch war ich im Planetarium und habe mir die Legende/Geschichte der Casiopaia angeschaut. Dann war noch der Besuch in der Ausstellung über Wahrnehmung. Dort habe ich etwas über Farbenblindheit gelernt und konnte sogar sehen, wie sich Farbenblindheit auswirkt. Weil ich auch einmal ein Auto probieren wollte war ich dann noch im grpßen Freebie Warenhaus und habe mir dort kostenlos ein Auto, ein Motorrad, ein Hubschrauber, eine Yacht, Flügel und neue Klamotten besorgt. Also ehrlich... mein Bericht ist weniger reißerisch, kommt dafür der Wahrheit wohl näher. Oder?
Axelino, 25.01.2007
5. Werbung für Second Life
Der x.-te Artikel in SPON zum Thema Second Life. Warum wird hier so massiv Werbung dafür betrieben? Die Grafik von SL scheint mir eher dürftig zu sein, und 3D-Communities gibts auch schon länger, wie z.B. von moove. Ich denke, wer ein zweites Leben braucht kommt irgendwie mit dem ersten nicht so recht klar.
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