20 Jahre Handy "Schneidet das Kabel ab"

1,2 Milliarden Menschen telefonieren heute mobil. Schon 1973 entwarf Rudy Krolopp den ersten Prototyp eines Handys, doch erst zehn Jahre später brachte Motorola das erste Gerät auf den Markt - und Krolopps Idee veränderte die Welt.

Von Helge Denker


Da hatte man noch was in der Hand: Rudi Krollop mit dem ersten serienreifen Handy, dem "DynaTAC 8000X"
Denker

Da hatte man noch was in der Hand: Rudi Krollop mit dem ersten serienreifen Handy, dem "DynaTAC 8000X"

Am 13. Juni 1983 brachte Motorola in den USA mit dem "DynaTAC 8000X" das erste mobile Telefon der Welt auf den Markt. 794 Gramm schwer, 33 Zentimeter hoch und 3995 US-Dollar teuer. Optisch erinnerte der Urvater aller tragbaren Telefone an ein zu groß geratenes Walkie-Talkie.

Mit dem unhandlichsten Handy der Welt konnte man bis zu eine Stunde sprechen und die Nummern aller seiner Freunde speichern, sofern es nicht mehr als 30 waren. Das zweizeilige Display reichte für die Darstellung von Name, Vorwahl und Rufnummer. Fiel der wuchtige Apparat einmal zu Boden, konnte man den Aufschlag noch zwei Stockwerke tiefer hören.

1973 entwickelte Chefdesigner Rudy Krolopp, 73, mit seinem Team das Design für das erste Handy der Welt, das er liebevoll "den Schuh" nennt. Für das Innenleben plünderten die Ingenieure von Motorola damals UKW-Radios und kombinierten diese mit einem leistungsfähigen Stromspeicher, dem Metall-Hydrid-Akku.

Der Schnellschuss nach nur sechs Wochen Entwicklungszeit sollte den amerikanischen Telcos AT&T und Bell zeigen, was Motorola kann und was sie, die "Telephone People" nicht hinbekommen würden: ein tragbares Telefon ohne Kabel. Eine technische Revolution!

Und mit 1,2 Milliarden verkauften Geräten ist das Grundkonzept bis heute immer noch ein kommerzieller Volltreffer. Doch nach der Entwicklung im Schweinsgalopp-Tempo dauerte es noch zehn Jahre, eine kleine Ewigkeit, bis es das erste Handy 1983 in den USA zu kaufen gab. Grund für die lange Verzögerung: der schleppende Aufbau der ersten Sendemasten, die für den mobilen Empfang sorgen und die krötenlahme Erteilung der nötigen Lizenzen und Genehmigungen, die die Behörden jenseits des Atlantik ebenso langsam ausspucken wie hier zu Lande.

In Deutschland dauerte es dann weitere neun Jahre, bis das erste Mobiltelefon, das Motorola "International 3200" im Sommer des Jahres 1992 für 3000 Mark auf den Markt kam. Technisch auf der gleichen Plattform wie das DynaTAC-Handy basierend, war der "Knochen" auf 500 Gramm Gewicht abgespeckt. Mit zwei Watt Sendeleistung auf dem Handy-Standard GSM und mit über zwei Stunden Sprechzeit setzte er neue Maßstäbe. "Die Leute standen Schlange dafür", erinnert sich Krolopp heute.

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Krolopps erster Handy-Anruf

Den ersten "echten" Anruf machte Krolopp 1983 in einem amerikanischen Hotelrestaurant - und bewies einmal mehr, wie profan die Anwendungen wirklich innovativer Erfindungen sein können. "Bringen Sie uns bitte Wasser", sagte er dem Manager am Telefon und freute sich dann diebisch, dass dieser tief beeindruckt war, dass ihn ein wartender Gast von der Terrasse seines Restaurants aus anrufen konnte.

Das Gerät hatte Krolopp, der sich selbst als "Komiker" und "Schauspieler" bezeichnet, in den unendlichen Weiten seines Trenchcoates versteckt. Dass heute fast überall mobil telefoniert wird, findet der Design-Vater des ersten Handys eher lästig. "Wenn ich auf dem Flughafen ein Privatgespräch mithören muss, denke ich schon manchmal: Mein Gott, was haben wir da getan?".

Mit dem Siegeszug des Handys quer durch alle Gesellschafts- und Altersschichten hat der silberhaarige Technik-Veteran mit der Brille, hinter denen die Augen eines großen Jungen leuchten, nicht gerechnet. Doch als ihm der damalige Motorola-Boss George Fisher erklärte, "Unser Kunde ist jeder, der ein Telefon benutzt", dämmerte es dem Chef-Designer, was für einen großen Wurf er da gestalten sollte.

"Okay, dann baut mir ein Scheißteil"

Sein Handy-Design von damals findet der 1930 in Chicago geborene Krolopp noch heute ganz akzeptabel: "Wir hatten nicht die beste Lösung, aber wir hatten ein Gerät, das funktionierte", erklärt er. Und fügt dann, angesichts des schweren Technik-Klotzes in seiner Hand lächelnd hinzu: "Es fehlen ihm eigentlich nur die Räder."

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Insgesamt 42 Jahre lang arbeitete er als Designer für Motorola. Auch der erste tragbare Fernseher stammt vom Zeichenbrett des Chefdesigners, der erst vor sechs Jahren in den Ruhestand ging. Technikgeschichte gibt Krolopp, der Entertainer, am liebsten in Form von partytauglichen Anekdoten zum Besten.

Die von der Entwicklung des Autotelefons geht so:

Eines Tages überredete er den Chef der Entwicklungsabteilung, ihm für seinen VW-Sportwagen Karmann Ghia ein Autotelefon zu basteln. "Alle haben mir erklärt, warum es nicht gut funktionieren kann. Dann sagte ich, okay, baut mir ein Scheißteil".

Der Ingenier gehorchte und baute. Fortan brauste Krolopp, den seine Kollegen "den Verrückten" nannten, mit seinem Karmann über die Highways und telefonierte. Doch seinem Boss gefiel das neue Teil nicht. "Es ist weiß", mäkelte er, "und es sieht nicht aus wie ein Telefon." Einige Jahre später verkaufte Motorola sein Designkonzept unter dem Namen "Super Head": ein blütenweißes Autotelefon mit kleinen Wähltasten auf der Rückseite des Hörers. Der Kunde freute sich lange Zeit über den kommerziellen Erfolg des "Autotelefons".

Auch die kommerziell erfolgreichen Nachfolgemodelle des ersten Handys, das aufklappbare Motorola MicroTAC 950 (1989) und das dem Communicator von StarTrek nachempfunde StarTAC (1996) entstanden am Computer von Krolopp.

Als er den Ingenieuren seine Idee mit der kleinen Klappe präsentierte, fielen sie über den Designer her: "Du hast uns gesagt, dass der Abstand zwischen Ohr und Mund wichtig ist", schimpften sie. Dabei hatte der Tüftler nur einen einfachen Trick erfunden, mit dem auch ein kleineres Gerät eine bessere Sprachqualität liefern konnte. Und endlich konnte man das Mobiltelefon mit seinen knapp 350 Gramm in jede Tasche stecken. Der weltweite Siegeszug des Handys als Massenprodukt begann.

Sein aktuelles Handy, ein silbern-blinkendes Aufklappmodell, ist Krolopp eher suspekt: "Die Bedienungsanleitung ist viermal so groß, wie das Gerät", witzelt er. "Ich lerne immer noch, wie ich alle die Funktionen bedienen soll". Ein Handy nur zum Telefonieren und Angerufen werden - wäre das nicht langsam mal wieder eine richtig gute Idee.

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