25 Jahre "c't" Zentralorgan von Nerdistan

Sie ist die einflussreichste deutsche Computerzeitschrift: Die "c't" schreckt Hersteller mit erbarmungslosen Produkttests und IT-Manager mit gewagter Garderobe. Jetzt wird sie 25 - SPIEGEL ONLINE hat Deutschlands bösestes Fachblatt besucht. Eine Fotoreportage von der Technikfront.

Es gäbe Heldengeschichten über die "c't" zu erzählen, Deutschlands einflussreichste Computerzeitschrift. Der Anlass wäre gegeben, schließlich wird das ungewöhnliche Blatt 25 Jahre alt. Das Problem ist nur: Detlef Grell, zusammen mit Christian Persson Chefredakteur der Zeitschrift, ist niemand, der zu Heldengeschichten neigt. Dabei arbeiten hier lauter Helden, die McGyvers des Technikjournalismus gewissermaßen - im ständigen Kampf mit Kabelsträngen, Leuchtdioden, geheimnisvollen Apparaten, Platinen und Prozessoren. Und irgendwie auch mit der Branche, über die sie berichten.

"Wenn ich gewusst hätte, dass wir Besuch bekommen", sagt Grell leise, "hätte ich mich schick gemacht."

Das ist offensichtlich gelogen. Bei Heise, Deutschlands führendem IT-Verlag, macht niemand den Eindruck, als hätte er es nötig, sich für irgendetwas herauszuputzen. Jede Antwort Grells fällt knapp und sachlich aus. Er ist kein schnieker Verkäufer seines Blattes. Erst auf sanftes Drängen serviert er dann doch eine Anekdote aus der frühen "c't"-Historie.

Es ist die Story von den IBM-Managern, die vorbeikamen, weil irgendwas mit monströsen Mainframe-Rechnern zu klären war. Wir reden über eine Zeit, als IT noch EDV hieß, der Säbelzahntiger nächtens in der Heide brüllte und jeder IBM-Mensch noch aussah, als wolle er dem britischen Offizierskorps einen Benimmkurs erteilen. Finsterste IT-Steinzeit also, und das auch noch im Hochsommer.

"Die saßen dann da und schwitzten", erzählt Grell und grinst. Denn er schwitzte nicht: Er trug T-Shirt und kurze Hose.

Wenn es die Messtechnik nicht gibt, wird sie gebaut

Die Geschichte sagt eine Menge aus über die "c't". Sie gilt als seriöseste Computerzeitschrift im Lande, vielleicht in Europa. Zugleich ist sie kritisch wie keine andere, erbarmungslos pragmatisch, sachlich und völlig respektlos bis hinein in politische Berichte. Da werden dann beispielsweise die Überwachungsphantasien deutscher Politiker gnadenlos den Tatsachen gegenübergestellt.

Sie ist keine hitzige Rebellenpostille, sondern ein kühles Fachblatt, das von seinen Lesern eine Menge verlangt: Die "c't" liefert keinen Stoff für Einsteiger. Wenn nötig, nähert sie sich Problemen, indem sie das für den jeweiligen Zweck optimale Verfahren eigens entwickelt. Am Ende schwitzen dann ziemlich oft die anderen.

Soll heißen: die Vertreter der Industrie. Die müssen sich regelmäßig gefallen lassen, dass die "c't" ihre Waren testet - und bei kaum einer Zeitschrift deutscher Sprache ist dieses Wort so berechtigt wie hier in Hannover. Die Räume der "c't" sind mehr Labor als Redaktion. Die Redakteure verfügen über das nötige Know-how und hochpräzise Messtechnik - und wenn es die nicht gibt, wird sie selbst entwickelt.

Ordnung nur auf dem PC-Desktop

Entsprechend chaotisch sieht es dort aus: Ordnung ist etwas, das man allenfalls auf dem PC-Desktop findet. Ansonsten gilt, dass in manchen Labors so viel getestet und durchleuchtet wird, dass "man mit dem Aufräumen nicht mehr hinterherkommt", sagt Georg Schnurer, der Herr über die Testerscharen in den Labors. Schnurer, Zuschauern mancher dritter Programme auch aus TV-Sendungen des Verlages bekannt, ist ein alerter Nerd mit Biss.

Froh ist er über sein Equipment von schallarmem Raum bis Klimaschrank, vom Spektrometer bis zum selbstgebastelten Verbrauchsmessstand für Grafikkarten. Er macht aber zugleich klar, dass all das Werkzeuge sind, Mittel zum Zweck. Wenn es nötig ist, dann leistet sich die "c't" eben den Kauf eines Messgerätes, mit dem die Streuwinkel eines LCD-Monitors überprüft werden können. Auch dann, wenn das "so viel wie ein Einfamilienhaus" kostet. Stolz ist er darauf, dass er Testberichte vorlegen kann, die wirklich bis in den letzten Wert auf eigenen Messungen basieren.

Blattkritik: "Wie die Foren-Trolle"

Die Betonung liegt dabei auf "wirklich", denn entsprechende Tabellen finden sich in vielen Zeitschriften und Zeitungen. Der Haken ist nur, dass nicht alle diese Werte wirklich gemessen sein können. Schnurers Einfamilienhaus unter den Testgeräten etwa "gibt es nur zweimal in Europa".

Dass sich der Leser am Ende trotzdem stets ein eigenes Urteil bilden muss, gehört zum Konzept. Die "c't" testet und analysiert, sie nimmt dem Leser aber nicht das Denken ab. Den "Platz eins" gibt es nicht, erklärt Schnurer, weil ja auch jeder Leser andere Bedürfnisse und Erwartungen hat. Was für den einen richtig ist, ist für den anderen falsch.

Manchmal werden die Texte ziemlich technisch und trocken - für den, der den verborgenen Witz nicht versteht. Denn auch Textfeiler sind sie, die Nerds der "c't". Alles, sagt Schnurer, werde in der internen Kritik zerrissen. Wenn es darum geht, das Produkt zu optimieren, agierten die Redakteure "intern wie die Foren-Trolle".

Einst pries die "Süddeutsche Zeitung" die "c't" als "böseste unter Deutschlands Computerzeitschriften" mit "anzeigenunfreundlichem Umfeld und sehr unkooperativen Redakteuren". In der Welt der IT-Zeitschriften, in denen zu viele am Tropf der Industriewerbeabteilungen hängen, ist das der ultimative Ritterschlag. Besser kann man es kaum auf den Punkt bringen: herzlichen Glückwunsch, "c't".

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