40 Jahre Kassette Ein Massenmedium wird abgewickelt

Ein Stück technisches Kulturgut wird am 28. August 40 Jahre alt. Auf der Kassette fanden Musik, Sprache, Computerdaten und die Gefühle ihrer Besitzer Platz. Kurz vor ihrem Aussterben gewinnt die bedrohte Art Kult-Status.

Von Helge Denker


"Musik zur Entspannung": Werbefoto für den ersten Taschen Recorder 3300 von Philips (1963)

"Musik zur Entspannung": Werbefoto für den ersten Taschen Recorder 3300 von Philips (1963)

Vor vierzig Jahren, im Sommer 1963, spricht in West-Berlin John F. Kennedy vor Bundeskanzler Konrad Adenauer und Berlins Erstem Bürgermeister Willy Brandt und Zehntausenden von Zuhörern seinen berühmten Satz "Ich bin ein Berliner". In Westberlin wird in diesem Sommer erstmals Jogurt in Plastik verpackt und angeboten - ein Knüller. Ende August liegt auf der Internationalen Funkausstellung IFA ein weiterer im Philips-Pavillon: der erste Kassettenrecorder der Welt.Der Kunststoffkasten misst kaum mehr als eine Zigarrenkiste und erinnert an einen silbernen Schuhkarton. Auf kleinen Kassetten mit 2 x 30 Minuten Spielzeit speichert er Musik oder Sprache und gibt sie wiedererkennbar über einen Lautsprecher aus.Mit dem ersten tragbaren Kassettenrecorder konnte man endlich die Lieblingsmusik aus dem Radio oder von LP aufzeichnen, mitnehmen und abspielen, wann immer man Zeit und Lust hatte. Eine technische Sensation.Der "Taschen-Recorder 3300", entwickelt von Mechanikern und Elektrotechnikern im Philips Forschungslabor "Natlab" in Holland, passte in eine geräumige Aktentasche oder in eine Halterung unter das Armaturenbrett eines Autos. Das knapp 300 Mark teure und 1,5 Kilogramm schwere Gerät bewarb Philips als "sprechendes Notizbuch". Es wurde mit Mikro, Tragetasche und einer Kassette geliefert. Die "Compact Cassette", ebenfalls eine Philips-Erfindung, enthält (bis heute) ein Band mit einer dünnen eisenhaltigen Oberfläche ("Ferro-Kassette"), das auf zwei kleine Spulen gewickelt ist. Für den Strom sorgten fünf Babyzellen-Batterien, die bis zu 20 Stunden Spielzeit möglich machten.

"Achtung! Diese Kassette ist löschbar": Erste Musikkassette von 1963 mit Titeln aus dem Philips-Mercury-Programm

"Achtung! Diese Kassette ist löschbar": Erste Musikkassette von 1963 mit Titeln aus dem Philips-Mercury-Programm

Fortschritt: Schöner, länger, besserDie Kassette wird zum VW Käfer der Tonindustrie: Sie läuft und läuft und läuft. In 40 Jahren erlebte das Medium dabei eine beachtliche Evolution: der muffig klingende Monoton wurde bald durch Stereo ersetzt. Die Spielzeit wuchs erst auf 90, dann auf 120 Minuten. Die Wiedergabe hoher Töne versuchte man mit Chromdioxid und Reineisen-Band zu verbessern. Das Rauschen unterdrückten Techniker der Dolby-Labors. Geschwindigkeitsschwankungen, schuld an jaulender Musik, unterband man mit leicht laufenden Kassetten und massiven Metallgehäusen. "Autoreverse"-Technik machte schließlich dem lästigen Umdrehen ein Ende.Die Musiklobby ging auf die BarrikadenFrüh regte sich in der Musikindustrie der Widerstand gegen das Musik-Mitschneiden. "Home taping is killing music" druckten britische Plattenfirmen erbost auf ihre LP-Hüllen. Darüber grüßte eine Kassette mit gekreuzten Knochen als Totenkopf-Symbol.Unterstützung fand der Kassettenkopierer dagegen im Osten: Eine Sendung im DDR-Radio spielte LPs komplett und ohne Unterbrechung. Der Moderator las zu Beginn, schön langsam zum Mitschreiben, die Titelliste vor. Der Klassenkampf fand auch am Kassettenrecorder statt. Balz per BandAus den USA stammte die Idee, gesprochene Grüße auf Kassette zu verschicken und sie mit Musik zu umrahmen. In Deutschland machte man mit selbst aufgenommenen Mix-Kassetten, die der Liebsten als Geschenk überreicht wurden, auf seinen Musikgeschmack, sich selbst und seinen aufkeimenden

Der Prototyp: "Taschen-Recorder 3300" von Philips

Der Prototyp: "Taschen-Recorder 3300" von Philips

Beziehungswunsch aufmerksam. Nicht wegzudenken war die Kassette auch im Auto: Endlose Urlaubsfahrten wurden erst durch einen ausreichenden Vorrat an Musik-Kassetten erträglich, quengelnde Kinder wurden mit Hörspiel- oder Märchenkassetten beruhigt. In den Fahrtpausen fummelte Papa dann mit dem Kugelschreiber das vom Recorder gefressene Band aus dem Schlitz, das dann später glitzend Bäume und Sträucher am Wegesrand "schmückte".Bei HiFi-Fans setzte sich das Tapedeck in den 70er Jahren gegen das fummelige und klobige Tonbandgerät durch. 1979 machte Sony mit dem Walkman die Musikkassette mobil. Der Soundtrack des Lebens kam in den 80ern aus dem Minikopfhörer. Der tragbare Kassettenspieler diente erfolgreich der akustischen Abgrenzung. Wurde dieser Generation ein allzu lässiger Umgang mit Anstand und Umgangsformen vorgehalten, fiel neben dem Stichwort "Turnschuhe" auch garantiert ein zweites: "Walkman".Kein Durchbruch: die DatasetteAls "Datasette" startete die Kassette ab 1981 eine zweite, sehr kurze Karriere: Ein 200 Mark teurer, blütenweißer Kassettenrecorder taucht an der Seite der Heimcomputer Commodore VC-20 und C-64 auf und strapaziert Nutzer-Nerven. Kaum ein Medium ist für die Datenaufzeichnung weniger geeignet als die Kassette. Legendär langsam: die Datenübertragung mit nur 300 Bytes pro Sekunde. Berüchtigt: die hohe Fehlerrate ("Load Error"). Die Datasette bleibt Irrweg und Episode.

Die ersten Musik-CDs wurden ab 1984 auf Kassette kopiert, doch die klanglichen Unterschiede waren zu groß. Mit sinkenden Preisen für CDs und CD-Player entfiel zu Beginn der 90er Jahre ein Pluspunkt der Tapes: ihr günstiger Preis. Als gegen Ende der 90er Mini-Discs, CD-Rs und MP3-Player den Markt der wiederbespielbaren Medien aufmischten, nahte das Ende. Der Kassetten-Marktanteil sackte von über 60 Prozent auf unter 5 Prozent ab. Der Kassettenrecorder, ein Auslaufmodell. Die kleine, digitale Schwester, das Digital Audio Tape (DAT), dreht in Tonstudios weiter ihre Runden, das technische Kulturgut Musik-Kassette jedoch landet im Museum. Über 5000 Besucher sahen zum Beginn des Sommers die Ausstellung "Kassetten Geschichten" in Hamburg, die selbst aufgenommene Musik-Mix-Kassetten zum Kultobjekt erklärt. Ende des Jahres soll sie in Frankfurt zu sehen sein. Nostalgisch, fast zärtlich klingt dann wieder: "Du, ich mach dir mal ein Tape". Klingt doch besser als "Du, ich brenn Dir mal nen Rohling".

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