Adobe Air Auch offline online

Die Informationsquellen und Anwendungen des Internet haben einen kleinen Schönheitsfehler: Man kann sie nur nutzen, wenn man online ist. Das will Adobe ändern. Flash-Desktop-Applikationen sollen Online-Anwendungen nutzbar halten. Microsofts Silverlight hinkt da noch hinterher.

"Es gibt viel Flash im Web, doch Flash ist nicht das Web", sagte kürzlich Mitchell Baker, Vorstandsvorsitzende von Mozilla, im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Recht hat sie, aber Flash ist schon eine mächtig große Nummer im Internet: Adobe wirbt damit, dass Flash die meistverbreitete Software im Web sei - vor dem Internet Explorer und anderen eben nicht ganz allgegenwärtigen Programmen. Gut möglich, dass das stimmt: Kaum eine Videoseite, die ihre multimedialen Angebote nicht via Flash-Player offeriert, kaum eine große Webseite, die für Präsentationen, Spielchen und diverse Gimmicks völlig auf Flash verzichten würde. Flash gehört zur Grundausstattung jedes Browsers.

Manche Unternehmenswebseite kommt sogar ganz und gar in Flash programmiert daher, was große Vor- wie Nachteile hat: Zum einen ermöglicht es ein professionelles, dynamisches Design, verhindert aber auch, dass die Inhalte beispielsweise über viele Suchmaschinen gefunden, indexiert und zugänglich gemacht werden.

Denn Flash zeigt anders als ein Browser keine indexierbaren Inhalte, sondern bindet Inhalte aus Flash-Bibliotheken in ein Präsentationsfenster ein. Ob das Grafik, Schrift, Video, Ton oder eine Funktion ist, ist dabei völlig irrelevant. Die Flash-Oberfläche stellt dabei über den Browser eine betriebssystemübergreifende Plattform zur Verfügung. Da liegt der Gedanke eigentlich nahe, Flash vom Browser zu lösen und auch den Weg auf den Desktop zu suchen.

Air: Ein Widget für alle

Genau das hat Adobe mit der "Air"-Plattform nun vor. Der Grundgedanke dahinter: Flash respektive Air soll es ermöglichen, Informationen und Applikationen auf dem Desktop weiter nutzbar zu halten, auch wenn das Gerät, auf dem man arbeitet, gar nicht online ist. Ob dieser Desktop dabei der eines PCs, eines Laptops oder eines Smartphones ist, ist ebenfalls irrelevant - Flash läuft überall.

Über das Web verbreitete Applikationen und kleine Programme sind in sich weder neu noch originell. Der Charme von Mac OS X wie auch der von Windows Vista beruht nicht zuletzt auf der Möglichkeit, aus einer Fülle von Widgets (bei Microsoft: Gadgets) auswählen zu können, die man direkt auf dem Desktop einbindet und die sich ihre aktuellen Informationen aus dem Netz holen. Air soll allerdings noch mehr: Was auch immer da an Informationen aus dem Web kommt, soll offline nutzbar bleiben und, sobald man wieder online ist, mit der betreffenden Anwendung synchronisiert werden.

Das ist zum einen sexy, zum anderen aber auch Adobes erster ernsthafter Versuch, seine Flash-Plattform über Internetbrowser hinaus auf andere Bereiche auszudehnen. Neben dem Browser stünden dann eigenständige, zeitweilig mit dem Web verbundene Programme zur Verfügung.

Nachrichtenbaukasten, Offline-eBay und mehr

Wozu könnte so etwas gut sein? Ebay sieht einen potentiellen Nutzen darin, ein Auktionsprogramm anzubieten - und entwickelte als einer der ersten Air-Anwender ein entsprechendes Angebot (siehe Grafik).

Damit wird die eBay-Auktion quasi zum eigenständigen Programm, was auch eine gezieltere Nutzerführung ermöglicht. So schlägt das Programm auf dem Desktop beispielsweise Alarm, wenn bestimmte, vom Nutzer ausgewählte Dinge passieren: Dabei kann es um die Beobachtung ausgewählter Auktionen gehen oder um die Suche nach bestimmten Waren. Technisch ist das nichts anderes als die Zufütterung von durch den Nutzer definierten RSS-Feeds.

Ähnlich nutzten auch die "New York Times" oder die Börse Nasdaq die Air-Applikationen. Die "Times" liefert ihrer Air-Applikation "ShifD" dabei nicht nur einfach Artikel zu, sondern behandelt diese als eine Art Baukastenteile: Der Nutzer kann sie von der Air-Applikation verschieben, wohin er will, sie neu zusammenstellen - oder sich eine Offline-Lesemappe aus ausgewählten Inhalten für die Bahnfahrt zusammenstellen.

Die Nasdaq überführt dabei den Datenstrom direkt in Animationen, um das Marktgeschehen zu visualisieren. Die Deutsche Bank bastelt an einer Online-Banking-Applikation, die ihren Kunden leichteren Zugang zu ihren Konten gewähren soll - und mehr Überblick. Für den US-Kindersender Nickelodeon ist die Plattform hingegen eine Möglichkeit, der lieben kleinen Zielgruppe ein stets aktualisiertes Angebot an Spielchen und anderen Inhalten zu liefern. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt: So könnte es beispielsweise ein Web-TV-Betreiber als Vorteil begreifen, einen Desktop-Fernseher anzubieten, über den nur sein Programm läuft.

Denn auch hier hat Air Vorteile gegenüber herkömmlichen Widgets: Air ist - Flash lässt grüßen - inhaltlich flexibel. Aus der Perspektive der Inhalteanbieter wiederum hat Air den Vorteil, dass es "one for all" ist: Statt für verschiedene Softwareplattformen verschiedene Widgets und Gadgets basteln zu müssen, produziert man eines, das überall läuft. Und weil die Air-Applets auch nutzbar sind, wenn sie nicht mit dem Internet verbunden sind, eröffnen sie zahlreiche Möglichkeiten - vom Entertainment über Finanzlösungen bis hin zu Office-Paketen.

Im schlimmsten aller Fälle bekäme so beispielsweise Microsoft auf dem eigenen Desktop Besuch von der Konkurrenz.

Microsofts Flash-Jäger: Silverlight  - schnell genug, um aufzuholen?

Das überrascht auch in Redmond niemanden: Der Ausbau der Windows-Live-Plattform soll den MS-Nutzern genau diese Vorteile der Online/Offline-Anwendungen erschließen. Nur sind bei Microsoft die verschiedenen Softwarewelten eben noch nicht so hochgradig integriert, viele Applikationen und Dienste werden noch entwickelt. Air treibt derweil das Prinzip "ein Rahmen, jeder erdenkliche Inhalt" schon auf die Spitze, während Microsoft die Veröffentlichung von Silverlight 2, dem designierten Flash- und Air-Jäger aus Redmond, noch vorbereitet.

Die erste Version von Silverlight wurde im Frühjahr 2007 veröffentlicht und sollte Adobes Flash als dominante Videolösung im Web in die Schranken weisen. Ähnlich wie Flash ist Silverlight ursprünglich eine Präsentationssoftware, in die verschiedenste Inhalte einfließen können; ähnlich wie Adobes Programm arbeitet auch Silverlight auf verschiedenen Plattformen. Derzeit steht es für Windows und Mac OS X zur Verfügung, Silverlight-Plugins gibt es für den Explorer, für die Mozilla-Browser (Firefox) und Apples Safari.

Durchsetzen konnte sich Silverlight bisher jedoch nicht.

Das ist keine reine Frage der kritischen Masse. Noch immer ist Flash deutlich flexibler, hat daneben aber auch einen ganz profanen Vorteil: Es ist seit 1997 auf dem Markt und hat eine ganze Generation von Softwareprogrammierern hervorgebracht, deren Tagesgeschäft es ist, Inhalte für Flash zu produzieren.

Microsoft holt langsam auf

Denn letztlich ist Flash eine Entwicklungsumgebung, für die man regelrecht programmieren kann und muss, wenn man mehr will, als vorgefertigte Baukästen bestücken. Während Silverlight Interaktivitäten beispielsweise über Javascript einbindet, ist Interaktivität eine Flash-immanente Funktion, wenn man das so will - Flash ist längst so etwas wie eine kleine Programmiersprache.

Diesen Schritt will Microsoft mit Silverlight 2 erst noch tun: Die für März angekündigte neue Version ermöglicht es erstmals, auch VB.NET- und C#-Code direkt in Silverlight zu verarbeiten. Das ermöglicht nicht nur mehr Interaktivität und Integration von Browserfunktionalitäten in das Silverlight-Fenster - also die Möglichkeit, ganze Webseiten "in Silverlight" anzubieten. Weil Silverlight ab Version 2.0 auch Inhalte aus verschiedenen Quellen im Web integrieren kann, könnte man es wie Adobes Air auch als Arbeitsoberfläche nutzen - nach wie vor aber gebunden an einen Browser.

Der Vergleich zeigt, dass der Abstand zu Flash damit zwar kleiner wird, nach wie vor aber besteht. Microsoft wird seinen Hausvorteil nutzen, Silverlight 2 mit Hilfe der (optionalen) Windows-Update-Funktion stärker zu verbreiten als bisher. Ob das allerdings ausreicht, Adobes numerischen wie funktionalen Vorsprung wirklich aufzuholen, bleibt abzuwarten.