Adobe und Skljarow Hacker-Hick-Hack

In den USA schlagen seit Tagen die Wellen hoch. Auf Drängen von Adobe wanderte der russische Programmierer Dimitrij Skljarow, der Produkte zum Knacken von eBooks entwickelt hatte, ins Gefängnis. Doch nach Protesten gibt der Softwarekonzern nach. Ein Sieg der Netzaktivisten?


Washington - Bekannt geworden war Skljarow, weil er mit seiner Firma ElcomSoft Programme zum Entschlüsseln von elektronischen Büchern im Acrobat-eBook-Reader-Format und zur Entfernung des Kopierschutzes bei PDF-Dateien entwickelt hatte. Auf dem Hackerkongress Defcon in Las Vegas hatte der Russe vor zehn Tagen seine Erkenntnisse öffentlich vorgestellt und war anschließend vom FBI verhaftet worden - angeblich auf Drängen der Firma Adobe Acrobat. Seit dem sitzt Skljarow im Gefängnis. Ihm wird vorgeworfen, er habe mit seiner Arbeit in Russland gegen den in den USA gültigen Digital Millennium Copyright Act (DMCA) von 1998 verstoßen.

Dieser beinhaltet unter anderem das Verbot, digitale Sicherungen oder Verschlüsselungen, die geistiges Eigentum schützen, zu entfernen. Bemerkenswert ist dabei, dass neben der Erzeugung und Verbreitung von Werkzeugen, die für diese Aufgaben genutzt werden könnten, auch die Diskussion darüber unter Strafe gestellt wird.

Auch der Advanced eBook Processor (AEBPR) von ElcomSoft, der das Lesen von eBooks auch dann erlaubt, wenn keine Gebühr an den Verkäufer gezahlt wurde, soll gegen den DMCA verstoßen haben. Nachdem Adobe bei mehreren Providern gegen die Verbreitung des Programms opponiert hatte, war dieses allerdings in den USA praktisch nicht mehr erhältlich. Außerdem hatte sich ElcomSoft dazu bereit erklärt, die Software nicht mehr zu verkaufen, sondern nur eine Testversion zur Verfügung zu stellen, die nur Teile eines elektronischen Buches decodiert.

Proteste lassen Adobe einlenken

Die Verhaftung des russischen Staatsbürgers Skljarow hatte scharfe Proteste ausgelöst. In zehn Städten der USA gab es deswegen kleinere Demonstrationen, unter anderem vor dem Firmensitz von Adobe in San Jose. Im Netz kursierten Boykott-Aufrufe gegen Adobe, außerdem richteten Unterstützer eine Free-Skljarow-Mailingliste ein. Auch die Bürgerrechts-Gruppe Electronic Frontier Foundation (EFF) hatte sich für das Schicksal des 26-Jährigen eingesetzt - mit Erfolg.

Inzwischen hat nämlich auch Adobe seine Anklage gegen den eBook-Hacker zurückgezogen. "Die Verfolgung dieser Einzelperson in diesem besonderen Fall ist den Interessen der betroffenen Parteien und der Branche nicht dienlich", sagte die Vize-Präsidentin der Firma, Colleen Pouliot. Trotzdem bleibt Skljarow vorerst in Haft. Da es sich um ein Straf- und nicht um ein Zivilverfahren handelt, ist der Rückzug von Adobe nebensächlich, da die Staatsanwaltschaft den Fall verfolgt. Dem Russen droht nach dem DMCA eine Höchststrafe von fünf Jahren Gefängnis oder eine Strafzahlung von 500.000 Dollar.

Beobachter vermuten, dass Adobe und das FBI sich von der Verhaftung des Russen eine abschreckende Wirkung auf andere Hacker erhofft haben. Durch die massiven Gegenreaktionen habe sich dies aber zerschlagen und sich ins Gegenteil umgekehrt, was Skljarow als Opfer erscheinen lasse - ein Bild an dem Adobe unmöglich gelegen sein kann.

Die Kämpfer für Skljarows Freilassung begründen ihre Haltung nicht zuletzt mit der Freiheit der Meinungsäußerung, die durch die Verfassung geschützt wird. Computerprogramme fallen dieser Argumentation zufolge auch unter die Meinungsäußerung, daher dürften Programmierer auch nicht belangt werden.

Außerdem sehen die Gegner des DMCA diesen als zu industriefreundlich an. Demnach wird die Macht der Medienkonzerne auf Kosten der Konsumenten ausgeweitet, weil deren klassische Nutzungsrechte wie das legale Kopieren von Teilen der Werke für Privat- oder Studienzwecke oder die Veränderung des Formats (etwa beim legalen Überspielen einer CD auf eine Kassette) durch das Gesetz ausgehebelt werden.

Christoph Seidler



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