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21. September 2002, 11:39 Uhr

Alptraum für die Telcos

Jetzt kommt die W-Lan-Wolke

Von Jochen A. Siegle

WiFi-Datenfunknetze sind nicht nur schnell und günstig, sondern im Gegensatz zu UMTS bereits verfügbar. Die Technologie hat nur den Haken der zu geringen Reichweite. In einer Kleinstadt im US-Bundesstaat Georgia ist man nun jedoch daran, die gesamte Innenstadt mit einer W-Lan-Wolke zu überziehen.

Cumuluswolken: So mächtig groß und alles überdeckend wollen die Betreiber des Experiments von Athens eine Stadt zur WLAN-City machen
DPA

Cumuluswolken: So mächtig groß und alles überdeckend wollen die Betreiber des Experiments von Athens eine Stadt zur WLAN-City machen

Seit Jahren rivalisieren amerikanischer Hightech-Regionen um die neuesten Entwicklungen im Internet- und Telekommunikationssektor. Neben dem kalifornischen Silicon Valley finden hierbei regelmäßig andere US-Tech-Mekkas wie die New Yorker Silicon Alley, Seattle oder die texanische IT-Vorzeigeregion "Silicon Hills" in Austin Erwähnung.

Umso überraschender ist es, dass eine Kleinstadt im US-Bundesstaat Georgia nun an der Vorfront der Wireless-Internet-Bewegung steht: Athens. Derzeit arbeiten hier das New Media Institute der University of Georgia und lokale Behörden mit Hochdruck daran, die Innenstadt mit einer WiFi-Wolke zu überziehen. Stolze 24 Straßenblocks sollen bis zum 1. Dezember über die W-Lan-"Cloud" der eigens hierfür ins Leben gerufenen Wireless Athens Group (WAG) mit Funk-Highspeed-Netzzugängen versorgt sein.

Egal ob auf der Parkbank, im Straßencafé, beim Einkaufsbummel in der Fußgängerzone oder an der Bushaltestelle, wer immer sich dann in Downtown Athens mit Laptop oder Handheld und 802.11b-Funkmodem aufhält, kann mit satten elf Megabit pro Sekunde im Netz surfen - und das kostenlos.

Bislang deckt die Web-Wolke vier Blocks ab. Darunter mit der College Avenue auch eine der Pulsadern der City. Und die "WAG-Zone" wächst beständig: In den kommenden zwei Wochen werden mehrere neue Funkverteilerboxen installiert, bis Ende des Jahres sollen sukzessiv weitere folgen. Funkantennen sind - mit Unterstützung der Gemeinde - auf Straßenlaternen montiert.

"Das WAG-WiFi-Signal wird von Athens Straßen aus an Server des New Media Institute übertragen", erklärt Scott Shamp, Direktor des Instituts und treibende Kraft hinter dem ehrgeizigen Projekt. "Und von der Uni aus werden die eingeloggten User dann mit dem Internet verbunden." Die selbst gebauten Funkboxen, die Shamp zufolge etwa wie ein "Hub" funktionieren, nennen die Initiatoren irreführend "3G-Boxes" - "um die Technologie den Bürgern einfacher verständlich machen zu können", so Shamp. Und der bekanntere Begriff "3G" für Mobilfunkdienste der dritten Generation scheint da weit griffiger als WiFi.

"State of the Walmart"-Technik

Trotz allem Hightech-Appeal versucht man in Athens, das Wireless-Experiment so simpel und günstig wie möglich zu halten. "Sehr wichtig ist, dass wir keinesfalls 'State of the Art'-, sondern eher 'State of the Walmart'-Technik einsetzen", erklärt Shamp. "Die Technologie soll sich jeder leisten können, damit das Projekt auch möglichst viele Nutzer und Nachahmer findet." WiFi-Karten sind in den USA längst bei jedem Elektronik-Discounter für unter 100 US-Dollar zu kaufen.

Vor Häuserwänden macht die W-Lan-Wolke allerdings halt - das Signal ist dafür schlicht zu schwach. "Für die Nutzung in Gebäuden ist das Netz so oder so nicht konzipiert", erklärt Shamp. Da das WiFi-Erlebnis damit nur ein "Outdoor"-Vergnügen ist, sehen die Initiatoren auch keine Konflikte mit Festnetz-Providern vorprogrammiert. Aus Furcht davor, Kundschaft an offene Gratis-W-Lan-Nachbarschaftsnetze zu verlieren, attackieren verschiedene nationale US-Breitband-ISPs die Open Network Movement inzwischen nämlich massiv. "Unsere Initiative ist vom Prinzip her mit einer Wasserfontäne in einem Stadtpark zu vergleichen", erläutert Shamp. "Dort könnte man sich zwar kostenlos mit Wasser versorgen, das würde aber ja wenig Sinn machen."

WLAN als "Outdoor-Vergnügen": Die Betreiber vermeiden den direkten Clash mit den Telcos, indem sie das WLAN-Signal bewusst schwach halten
DDP

WLAN als "Outdoor-Vergnügen": Die Betreiber vermeiden den direkten Clash mit den Telcos, indem sie das WLAN-Signal bewusst schwach halten

Ökonomischer Alptraum für Telcos

Neben den Web-Access-Firmen beobachten insbesondere auch die großen Telcos die WAG mit Argusaugen. Schließlich haben die Telekommunikationsunternehmen längst erkannt, welche Bedrohung die W-Lan-Bewegung für ihre 3G-Pläne - und Milliardeninvestitionen - darstellt. "Der WiFi-Boom ist für die Telcos ein ökonomischer Alptraum", sagt Shamp.

Wie die Initiative in Athens zeigt, ist es inzwischen ja technisch machbar, den eigentlich auf wenige hundert Meter beschränkten WiFi-Funkradius auf ganze Stadtteile auszudehnen. Und Shamp zufolge wäre es durchaus möglich, weit größere Teile der Gemeinde zu versorgen. "Selbst eine Metropole wie San Francisco könnte theoretisch ebenso in eine WiFi-Wolke eingehüllt werden", sagt Shamp. In Athens mache eine Erweiterung jedoch keinen Sinn, da die Innenstadt mit 24 Blocks abgedeckt ist.

"Ein Horrorszenario für die Telekommunikationsfirmen", sagt auch der New Yorker Anthony Townsend, Open-WiFi-Aktivist und Mitgründer von NYCWireless. "Mit W-Lans wird man wohl niemals 100 Prozent der Fläche eines Landes abdecken - aber die entscheidenden fünf Prozent, wo sich die Leute aufhalten."

Und nicht nur das dürfte die Attraktivität der teuren 3G-Diensten deutlich schmälern: 3G-Technologien wie UMTS sind schließlich auch wesentlich langsamer als WiFi. Während die nächste W-Lan-Generation auf Basis des 802.11a-Standards bereits Übertragungsraten von 54 Megabit pro Sekunde zulässt, kommt UMTS selbst im optimalen Fall nur auf zwei MBit/s.

Wirtschaftsförderung via WiFi?

Das Athenser W-Lan-Projekt soll nicht zuletzt auch als Standortwerbung für die strukturschwache Region dienen. Also werden die Investitionen von 80.000 US-Dollar von den Wirtschaftsförderern der Georgia Resource Alliance getragen. "Und deren Bedingung für die Mitfinanzierung war, dass wir versuchen, die regionale Wirtschaft zu beleben und mehr Techfirmen in die Stadt zu locken", so der Vater der WAGZone.

Dennoch ist laut Shamp vor ökonomischen Perspektiven zunächst die Frage zu diskutieren, wie man das WiFi-Netz in der Stadt sinnvoll nutzen kann. Genau darüber macht sich das New Media Institute parallel dazu Gedanken und entwickelt Applikationen: Testläufe für die Übertragung von Multimedia-Files, unter anderem Live-Videobilder eines Baseballspiels, wurden bereits erfolgreich durchgeführt.

Künftig sollen Athenser Sportfans auch im Stadion über ihre mitgebrachte WiFi-Laptops oder -Handhelds Snacks und Getränke bestellen und sich diese an ihren Platz liefern lassen können - um auch garantiert keinen Pitch mehr in der Schlange am Würstchenstand zu verpassen.

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