Alte Bücher Neue Welten für Bibliophile

Große Online-Buchversender wie Amazon oder Barnes & Noble kämpfen an der Börse und beim Kunden um die besten Plätze. Doch die richtig schönen Bücher, viele Millionen, sind im Web ganz woanders zu haben.
Von Uly Foerster



Von einer "ausserordentlichen Naturbegebenheit" berichtet uns der unbekannte Autor, von "erschröklichen Erdbeben und schäumenden Wasserfluthen", von Menschen, die solcherart "in Erstaunen gesezzet". Und mit Gott hofft der offenkundig fromme Schreiber, "es würden viele aus dem Sündenschlaf hierdurch gewecket worden sein".

Das schmale Bändchen von gerade 43 Seiten, ergänzt durch zwei Kupferstiche und eine "illuminirte Landkarte von Portugall, Spanien, und einem Theil von Frankreich", wurde 1756 in Augsburg gedruckt. Es berichtet über das gewaltige Erdbeben, das Lissabon ein Jahr zuvor fast vollständig zerstört hatte - eine Preziose für die Liebhaber alter Druckwerke.

Vor drei Jahren noch hätte der Hamburger Besitzer und Sammler, der sich mit portugiesischer Geschichte befaßt und in Lissabon vernarrt ist, wahrscheinlich weder von der Existenz noch vom Verkauf des über 200 Jahre alten Werks jemals etwas erfahren. Und er wäre aller Voraussicht nach nie auf das Ingolstädter Antiquariat Steinbeißer gestoßen, das die Rarität feilbot. Seit es aber das "ZVAB" gibt, das "Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher" im Internet, erschließen sich deutschen Bibliophilen neue Welten.

Mußten sie bisher auf der Suche nach Erstausgaben und vergriffenen Büchern, Folianten oder Inkunabeln durch lokale Antiquariate streifen, sich in Recherchelisten eintragen und auf Zufälle warten, können sie nun am Computer zu Hause auf einen Schlag den Bestand von Hunderttausenden alten Büchern im ganzen Bundesgebiet durchforsten. Und auf einem Schwarzen Brett hinterlassen sie ihre elektronischen Botschaften für die Branche, welche Bände noch gesucht werden.

Zwar haben sich in das ZVAB bisher erst 115 von geschätzten 2000 bis 3000 deutschen Antiquaren eingetragen, dazu kommen noch zehn Händler aus Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Doch jeder von ihnen darf gegen eine Monatsgebühr von 58 Mark eine 1,4 Megabyte große Datei mit seinen Bücherlisten ins Netz stellen - das reicht für 3000 bis 5000 Bände pro Anbieter.

Auf die überfällige Idee sind weder der Kölner Verband Deutscher Antiquare e.V. noch die Arbeitsgemeinschaft Antiquariat im Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. gekommen. Es waren, typisch, drei pfiffige Studenten, die Mitte 1997 mit dem ZVAB und ihrer Firma de-Byte in Berlin starteten.

Das erste Jahr, berichtet Mitgründer Friedemann Kutschbach, sei so eine Art "kostenlose Testphase" für Anbieter und Kunden gewesen. Dann aber, Mitte 1998, "brach ein Ansturm los, den wir bis heute nicht abgearbeitet haben". Noch wirft das ZVAB nichts ab. Erst wenn rund 300 Anbieter mittun, sind schwarze Zahlen in Sicht. Doch schon heute zählen die Jungunternehmer rund 300 000 Abfragen im Monat, und sie sind von ihrer Investition in die Zukunft überzeugt. Kutschbach: "Das nimmt solche Größenordnungen an, daß alles ausgebaut werden muß."

Ähnliches erleben die Hamburger Antiquare Brigitte und Dietrich Schaper. Ein Geschäft war das ZVAB für sie 1997 noch nicht, doch voriges Jahr, sagt Dietrich Schaper, "da ist es richtig durchgebrochen". Beide sind mittlerweile überzeugt: "Das Medium Internet ist so, als wäre es für unsere Branche erfunden worden."

Ein Drittel seines Gesamtumsatzes macht das Antiquariat mit dem Versand, die Hälfte davon, so Brigitte Schaper, kommt schon durch Order per Internet herein - "mit steigender Tendenz". Das frischt die Adreßdatei auf und beschert dem Laden auch gleich noch eine Modernisierung der Geschäftsabläufe: Einen Teil des Versandes wickeln inzwischen externe Firmen ab, die Abrechnung für Kreditkarten mußte eingeführt, die Verwaltung neu organisiert werden. Brigitte Schaper: "Das war eine Erweiterung, die wir vorher so gar nicht kalkuliert hatten."

Vom Segen der neuen Technik allerdings sind viele Antiquare, denen der Bücherstaub meist vertrauter ist als der Umgang mit Bits und Bytes, ganz und gar nicht überzeugt. Die Kundschaft hat erstmals die Möglichkeit, sofort, bequem und vor allem bundesweit Preise zu vergleichen: Ein gesuchtes Buch kauft der Sammler nicht mehr automatisch beim Antiquar vor Ort, sondern beim billigsten Anbieter irgendwo in der Republik. Raritäten werden durch tausendfache Abfragen und Internet-Orders übers Jahr rasch knapp. Und die Konkurrenz, so die Befürchtung, ist plötzlich nicht mehr lokal oder regional, sondern bundesweit und sogar global.

Denn nicht Amazon, mit 1,1 Millarden Mark Umsatz weltweit Branchenprimus unter den Online-Buchhändlern, hat mit rund drei Millionen Titeln das größte Buchangebot im Internet. Es sind Antiquare in den USA und Kanada, die sich diesen Rang streitig machen.

So führt das amerikanische Unternehmen Bibliofind, Vorreiter im Online-Handel mit vergriffenen und raren Büchern, acht Millionen Titel von weltweit 3500 Händlern im Internet-Angebot. Dies sei, so die Eigenwerbung, der "weltgrößte Katalog im Buchverkauf". Doch auch die kanadische Firma Advanced Book Exchange bezeichnet sich mit mehr als 250 000 Zugriffen täglich auf ihre Web-Site nicht nur als das bekannteste und beliebteste Branchenangebot, sondern auch als "weltgrößte Bezugsquelle für Out-of-Print-Material". Auch kleinere Anbieter in den USA wie Bibliocity haben den elektronischen Antiquariats-Markt für sich entdeckt.

Während die Verdrängungsschlacht zwischen großen Online-Buchhändlern wie Amazon, Buy.com oder dem mit dem Bertelsmann-Konzern kooperierenden Anbieter Barnes & Noble an den Börsen für Spekulationen sorgt und die Spalten der Wirtschaftspresse füllt, hat sich in aller Stille ein weltweites Paradies für Bibliophile geöffnet. Und die Suche in den internationalen Systemen ist für Sammler deutschen Schriftgutes durchaus lohnend.

Dem Bibliofind-System haben sich deshalb schon beizeiten einige deutsche Antiquare angeschlossen. Dazu gehört der Münchner Uwe Turszynski, der nach eigenem Bekunden vor drei Jahren "der erste deutsche Antiquar bei Bibliofind" war. Das System sei auch "für einen deutschen Händler sehr interessant", sagt Turszynski. Er prophezeit, daß viele Versand-Antiquare ihr Geschäft schon "bald praktisch ausschließlich über das Web" abwickeln könnten. Bei Versandhändler Turszynski, der seinen Katalog auch im ZVAB stehen hat, kommen bereits 60 Prozent des Gesamtumsatzes über das Internet. Aus aller Welt erhält er inzwischen Bestellungen, vor allem von Deutschen im Ausland.

Die Recherchen in den verschiedenen Suchsystemen, die auch von den Händlern selbst zur Akquise genutzt werden, führen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Eine Suche nach dem Autor Egon Erwin Kisch zum Beispiel erbrachte bei



  • ZVAB 201 Einträge, darunter viele Sammlungen und Erstausgaben;
  • Advanced Book Exchange 22 Einträge;
  • Bibliofind 19 Einträge, darunter eine sehr seltene Erstausgabe in spanischer Sprache;
  • Bibliocity 14 Einträge.
Auch Branchengigant Barnes & Noble unterhält, in Zusammenarbeit mit 2000 Händlern, eine Online-Section für Bücher "Out of Print": Ganze zwei Funde förderte die Suchanfrage hier zutage. Und anders als in den anderen Systemen kann der Kunde seinen Kauf nicht direkt beim betreffenden Antiquar bestellen, sondern nur beim Anbieter Barnes & Noble - zu dessen Preis und mit entsprechender Zeitverzögerung.

Ausgerechnet der Gemeinschaftskatalog, den der Verband Deutscher Antiquare mit einem hakeligen Suchsystem voller Umwege anbietet, brachte das schlechteste Ergebnis: Null Fundstellen. Und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels begnügt sich damit, eine Linkliste zu den Antiquaren anzubieten, die in seinem Arbeitskreis Mitglied sind.

Doch in den Läden und auf Branchentreffen, so Ende Januar auf der 38. Stuttgarter Antiquariatsmesse, ist das Internet bei den Händlern Dauerthema. Denn das Web, sagt Uwe Turszynski, "verändert unser ganzes Geschäft sehr stark".

Natürlich werden die Sammler auch künftig nicht auf das sinnliche Erlebnis verzichten wollen, beim Antiquar nach verschollenen Schätzen zu fahnden, den Geruch alten Papiers zu atmen und sich durch die Jahrhunderte zu schmökern. Doch ihren Höker werden sie immer häufiger bei einer Beschäftigung antreffen, die sie ihm gar nicht zugetraut haben: beim Websurfen am Computer.

Uly Foerster, 50, freier Journalist in Hamburg, leitete bis 1996 verschiedene Ressorts beim SPIEGEL, zuletzt SPIEGEL Online.

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