Alternative zum Internet Disney on demand

Der Disney-Konzern hat begriffen, wie man der Gefahr durch Filmpiraterie im Web begegnen kann: Man muss attraktive Alternativen auf die Beine stellen. Anders als alle anderen nimmt die Micky-Maus-Firma das Wort "Alternative" wörtlich: Disney on demand kommt huckepack auf dem TV-Signal direkt in die Set-Top-Box.


Disney-Ikone Micky Maus: Der Entertainment-Konzern nimmt das Wort "Alternative" wörtlich
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Disney-Ikone Micky Maus: Der Entertainment-Konzern nimmt das Wort "Alternative" wörtlich

Seit rund vier Jahren reibt sich die Entertainment-Industrie an der stetig wachsenden P2P-Szene, die über Musik-und Filmbörsen alles tauscht, was kopierbar ist: Schmerzhaft hat die Industrie erfahren müssen, dass das auch für angeblich kopiergeschützte Dateien gilt. Allein hinter den hohen Zäunen ihrer kommerziellen Börsen spielt die Industrie mit Digitalformaten, die nicht so leicht zu knacken sind.

Das ist beruhigend und zeigt, dass es eine digitale Vertriebs-Zukunft geben könnte, doch bleibt das Problem, dass kaum jemand diese Dateien abspielen will: Die kommerziellen Börsen haben kaum Kunden - warum auch, wenn man weit mehr als nur deren freigegebenen Kram jederzeit kostenlos bei KaZaA und Co bekommt?

Seit Monaten schon versucht es die Industrie darum fast nur noch mit Abschreckung. Abmahnwellen an Unternehmen und Serviceprovider folgte in der letzten Woche eine erste Klagewelle gegen KaZaA-Nutzer in den Vereinigten Staaten. Das läuft im Extremfall auf ein ziemlich harsches Verständnis des Wortes "Kundenbindung" hinaus und schadet wohl vornehmlich der Industrie selbst. Deren Ansehen sinkt fast noch schneller als ihre Profite.

Beim freundlichen Disney-Konzern, durch Werbe- und Medienkrise, Terrorangst und dadurch sinkende Besucherzahlen in seinen Freizeitparks doppelt und dreifach gebeutelt, hat man aus all dem eine Lehre gezogen: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder.

Ergo: Während die Konkurrenz sich dem Kampf gegen die Kopien noch immer mit Imitaten von P2P-Börsen stellt, zieht es Disney vor, die Rahmenbedingungen selbst zu definieren.

Disney-Chef Michael Eisner: "Wenn wir es nicht tun, machen es die Piraten"
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Disney-Chef Michael Eisner: "Wenn wir es nicht tun, machen es die Piraten"

Anders als fünf der anderen großen Entertainment-Konzerne, die unter dem Dach der "Movielink"-Initiative den Vertrieb von Videos über das Internet erproben, lässt sich Disney erst gar nicht auf diese Vertriebsplattform ein. "MovieBeam", die Disney on demand-Variante, soll schon durch ihren Namen signalisieren, dass hier nicht gelinkt wird, sondern gestrahlt: Disney plant den Vertrieb von Video on demand huckepack auf dem Digital-TV-Signal.

Das kommt in Teilen der Vereinigten Staaten schon per Antenne ins Haus, was den Disney-Service deutlich von ähnlichen Versuchen der Kabelnetz-Betreiber unterscheidet. Der von Disney gewählte technische Ansatz hat das Potenzial, irgendwann wirklich Jedermann zu erreichen. Alles was der dann noch braucht, ist eine Set-Top-Box auf dem Fernseher. Über die darf er sich aus einem Portfolio von Filmen dann bis zu fünf pro Woche herunterladen. Die Box soll rund hundert Filme speichern.

So viel und nicht mehr verriet Disney-Chef Michael Eisner im Rahmen einer Rundfunkmacher-Konferenz. Weder über Preise, noch über weitergehende technische Details wollte er sich auslassen. Nur soviel ließ er noch heraus: Die technische Plattform stehe, erste Modellversuche fänden noch im Laufe dieses Jahres in Salt Lake City und zwei weiteren, nicht benannten Städten statt.

Für Disney-Chef Eisner ist die Marschrichtung klar: Der Kunde verlangt nach on demand Diensten, und wenn die Industrie diese nicht bereitstelle, "dann werden das die Piraten tun".

Das Micky-Maus-Empire hat sich dafür entschieden, diesen Kampf nicht in der Arena der Piraten zu führen, sondern ihn zum Heimspiel zu machen, indem es ihn auf die TV-Plattform verlegt. Zumindest in den USA mit ihrer langen Tradition von Pay-TV und der entsprechend hohen Akzeptanz für Abomodelle und ähnliches erscheint das durchaus aussichtsreich, wenn das Angebot stimmt. In Europa hingegen können nicht zuletzt die Betreiber von Pay-TV-Kanälen ein Lied davon singen, wo sie leben: Im Piratenland.

Frank Patalong



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