AOL gegen Microsoft Kampf an allen Fronten

Im Juni platzten die Gespräche über eine weitere Zusammenarbeit von AOL und Microsoft. Seitdem nutzen beide Firmen jede Chance, um gegen den jeweils anderen zu Felde zu ziehen. Immerhin geht es um die Vorherrschaft im Netz. Gekämpft wird an allen möglichen Fronten.

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Ausgelaufen war der Vertrag bereits am 1. Januar. Der Wechsel ins neue Jahrtausend beendete gleichzeitig eine Allianz zwischen zwei Riesen. Microsoft und der Internetdienst America Online, kurz AOL, waren einander nach rund fünf Jahren mehr oder weniger inniger Geschäftsbeziehungen überdrüssig geworden. In Gesprächen zwischen beiden Unternehmen sollten zwar die letzten noch verbliebenen Chancen für eine Kooperation ausgelotet werden, doch auch diese Unterredungen scheiterten im Juni.

AOL Time Warner: Die Gespräche mit Microsoft scheiterten im Juni
[M] SPIEGEL ONLINE

AOL Time Warner: Die Gespräche mit Microsoft scheiterten im Juni

Es sei bei "einer Vielzahl von Punkten" keine Einigung erzielt worden, sagte Microsoft-Sprecher Vivek Varma damals. AOL dagegen machte vor allem Microsofts dominante Haltung im Streit um die Abspielprogramme für Sound- und Videodateien für das Scheitern verantwortlich. Weil die Delegation aus Redmond ihren Windows Media Player protegieren wollte, lehnte sie die Software von AOL-Partner RealNetworks ab. Was auch immer der Grund war, die Verhandlungen platzten in jedem Fall, und seitdem stehen die Zeichen auf Sturm.

Erste Runde: Der Kampf um die Icons

"They're Ready to Rumble" ("Sie sind bereit zum Kampf"), titelte das "Wall Street Journal" nach dem Scheitern der Gespräche und tatsächlich nutzen beide Häuser seit dem beinahe täglich die Chance, sich gegen die einstigen Partner zu positionieren. Schauplätze gibt es mehr als genug. Der wohl wichtigste Streit hat ohne Zweifel mit der Präsenz des AOL-Icons auf dem Startbildschirm von Microsofts neuem Betriebssystem Windows XP zu tun, das ab 25. Oktober in den Läden stehen soll.

Microsoft will mit Hilfe von Windows XP das hauseigene Microsoft Network (MSN) als Standard-Internetzugang etablieren, um zu den bislang 6,5 Millionen Nutzern noch ein paar hinzukommen zu lassen. Doch so einfach wie früher haben es die Netz-Strategen in Redmond diesmal nicht, ihrem Dienst eine gute Ausgangsbasis beim Rennen um die Neukunden zu verschaffen. Laut einem Gerichtsurteil im Kartellprozess gegen Microsoft vom Sommer muss die Firma PC-Herstellern das Recht einräumen, den Windows-Desktop so zu gestalten, wie sie es für richtig halten. Hier wittert AOL seine Chance. Laut einem Bericht der "Washington Post" sollen 35 Dollar "Kopfprämie" für jeden AOL-Neukunden die Hardwarehersteller dazu bewegen, nicht das Microsoft-Icon auf dem Desktop zu zeigen, sondern das von AOL.

Compaq ist bereits auf das Angebot für den lukrativen Nebenverdienst eingegangen. In den USA werden PCs und Notebooks in Zukunft mit gut sichtbaren Verweisen auf AOL und Compuserve verkauft. Microsoft soll mit einem Platz im "Start"-Menü vorlieb nehmen. Und den bekomme MSN auch nur, weil man das Icon dort nicht entfernen könne, sagt Compaq Marketing-Direktor Kevin Kyle.

Doch die Antwort aus Redmont ließ nicht lange auf sich warten. Microsoft änderte flugs die Lizenzbestimmungen für Windows. Nun sollen PC Hersteller wieder gezwungen werden, dass auch das MSN-Logo mit entsprechendem Link auf dem Desktop erscheinen muss. Durch die Maßnahme würde die "Wahlfreiheit" wieder hergestellt, sagte ein Microsoft-Sprecher. Ob das die Richter genauso sehen, muss sich noch zeigen.

Zweite Runde: Passport und der fliegende Teppich

Ein anderer Punkt, der vor allem in der näheren Zukunft für Streit zwischen Microsoft und AOL sorgen dürfte, sind die so genannten Online-Identitäten. Microsoft bietet mit dem Passport-System bereits eine solche Lösung an, die es ermöglicht, mit einem einzigen Usernamen und Passwort auf Webseiten verschiedener Anbieter zuzugreifen.

Der Microsoft-Freemailer Hotmail setzt bereits das Passport-System ein

Der Microsoft-Freemailer Hotmail setzt bereits das Passport-System ein

Experten sehen in solchen Online-Identitäten eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen E-Commerce, da Kunden sich nur einmal anmelden müssen und später auch spontan einkaufen können. "Passport Wallet" heißt das bei Microsoft. Bereits heute setzen die Hotelkette Hilton und der US-Elektrodiscouter RadioShack das System ein. Haben bislang vergleichsweise wenige Webnutzer eine Online-Identität, etwa User von Microsofts Freemail-Dienst Hotmail, sollen es dank des neuen Betriebssystems Windows XP bald deutlich mehr werden.

AOL will mit einem eigenen System gegenhalten. "Magic Carpet", also "fliegender Teppich", lautet der Arbeitsname für das Projekt. Auch hier sollen Namen, Adressen und Kreditkartendaten zentral, also bei AOL, gespeichert werden und müssten später nicht immer wieder neu eingegeben werden, berichtet die "Washington Post".

Dritte Runde: Kurz und gut

Ein dritter Schauplatz für den Kampf der Giganten sind die boomenden Instant Messenger (IM) Dienste, also Programme, mit denen Internetnutzer untereinander kleine Kurznachrichten verschicken. In den USA ist Instant Messaging das, was hier zu Lande die Handy-Kurzbotschaften mit SMS sind: ein Massensport. Der quasi kostenlose Kommunikationskanal gewinnt wegen seiner Einfachheit und Schnelligkeit immer mehr Anhänger. Nicht nur Jugendliche setzen Instant-Messaging-Programme ein, auch in Büros wird die Software inzwischen immer stärker genutzt.

AOL Instant Messenger: Der Direktversand der kleinen Botschaften boomt

AOL Instant Messenger: Der Direktversand der kleinen Botschaften boomt

Das wichtigste Instant-Messaging-Programm kam bislang von AOL und hieß AOL-Instant-Messenger (AIM). Doch auch Microsoft bietet mit dem Messenger ein IM-Produkt an, das mit Hilfe von Windows XP den Marktführer vom Thron stoßen soll. Dabei könnte ihm die Zusicherung von AOL helfen, dass der AIM noch in diesem Sommer mit Konkurrenzprodukten zusammenarbeiten können soll. Das war eine Auflage der Fusion von Time Warner und AOL. Zahllose User könnten dadurch zum Microsoft Programm gebracht werden, das sie vermutlich mit Windows XP ohnehin auf ihrem Rechner haben werden und das dieselben Funktionen wie der AIM erfüllt. Warum sollte man also noch zusätzlich einen AOL-Messenger installieren?

Eine Konstellation, die vom früheren Browserkrieg Internet Explorer gegen Netscape hinlänglich bekannt ist. Kleines Detail am Rande: Netscape gehört inzwischen zu AOL und will mit der neuen Browserversion 6.1, die momentan als Beta-Variante vorliegt, wieder Marktanteile zurückgewinnen. Natürlich auf Kosten von Microsoft.

Vierte Runde: Vernetzt

Das wirkt es schon fast logisch, dass sich Microsoft und AOL auch auf einem weiteren Feld bekämpfen. Es geht um den geplanten Einstieg von AOL Time Warner beim Kabelanbieter AT&T Broadband. Dadurch entstünde der mit Abstand größte US-Anbieter für Kabelfernsehen und schnelle Internet-Zugänge mit einem Marktanteil von 40 Prozent und 29 Millionen Abonnenten. Nach einem Bericht der "Financial Times" will Microsoft aber Mitbewerber von AOL finanziell unterstützen, damit sie das Geschäft verhindern.

Wie der Kampf der Riesen in den nächsten Jahren ausgehen wird, gilt unter Experten als noch nicht ausgemacht. Die Karten sind jedenfalls etwas anders verteilt als noch Mitte der Neunziger, als sich beide Firmen - vor ihrer Kooperation - ebenfalls erbittert bekämpft hatten. Microsoft steht im Gegensatz zu damals im Internetgeschäft mittlerweile recht gut da, ist also nicht mehr auf die Hilfe von AOL angewiesen. AOL wiederum ist durch die Fusion mit Time Warner eine weit größere und mächtigere Firma als früher, kann also Auseinandersetzungen vielleicht etwas gelassener entgegensehen. Mögen die Spiele also beginnen.

Den Streit führen auf jeden Fall zwei der stärksten Persönlichkeiten der IT-Branche: Microsofts Bill Gates und Steve Case von AOL. "Ich habe keinen Zweifel daran, dass AOL der nächste Microsoft werden will", sagt Jeff Chester, Chef des Zentrums für Digitale Demokratie. "Steve Case sieht in den Spiegel und erblickt sich selbst als Bill Gates."



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