Appaяatschik Der Vampir in meinem Wohnzimmer

Größer, heller, breiter - wenn eine neue Glotze her muss, kommt eigentlich nur ein Flachbildschirm in Frage. LCD- und Plasma-Geräte haben allerdings einen kleinen Schönheitsfehler: Sie fressen zum Teil erheblich mehr Strom als herkömmliche Röhrenfernseher.


Plasma-Fernseher: Groß und durstig
DDP

Plasma-Fernseher: Groß und durstig

Hamburg - Meine Glotze gehört ins Museum. Sie wurde vor Urzeiten vom finnischen Nokia-Konzern hergestellt, der bereits seit zehn Jahren keine Fernseher mehr verkauft. Das Gerät pfeift auf dem letzten Loch. Außerdem ist sein Röhrenbildschirm mit einer Diagonale von 35 Zentimetern entschieden zu mickrig, um sich den Herrn der Ringe anzugucken. So ein Erzmagier wie Gandalf braucht einfach mehr Platz.

Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Neid habe ich Legolas und Aragorn neulich bei einem Bekannten über den 80-Zentimeter-Flachbildschirm galoppieren sehen. Ich will endlich mein klobiges Röhrengerät loswerden, wie die meisten Fernsehgucker: Im kommenden Jahr wird die Elektroindustrie in Deutschland mit LCD- und Plasma-TVs erstmals mehr Geld verdienen als mit Röhrengeräten. Eigentlich kein Wunder. Flachfernseher haben ein besseres Bild. Sie nehmen weniger Platz weg. Sie verbrauchen viel weniger Strom.

Halt. Den letzten Satz bitte komplett streichen.

Tatsächlich sind einige Flachbildschirme ziemliche Stromfresser. Das liegt vor allem an der Hintergrundbeleuchtung des Displays. Eine kleine Recherche beim örtlichen Saturn fördert zutage: Der dort erhältliche Röhrenfernseher mit einer Bildschirmdiagonale von 55 Zentimetern hat einen Jahresverbrauch von etwa 90 Kilowattstunden (KWh). Ein mit 50 Zentimetern ähnlich dimensionierter LCD-TV frisst hingegen 115 KWh. Das sind gut 25 Prozent mehr.

Bei größeren Displays schneiden neuere LCD-Flachbildschirme im Vergleich mit der Röhre besser ab. Stromhungriger als alle anderen Geräte sind hingegen Plasma-TVs. Der Stromverbrauch eines einzelnen Plasmafernsehers entspricht laut Umweltbundesamt fast einem Fünftel des Stromverbrauchs eines durchschnittlichen Privathaushalts.

SUVs der Fernsehbranche

Bei älteren Geräten sieht die Bilanz noch schlechter aus. Aussagekräftige Gesamtstatistiken für Deutschland oder die EU gibt es bisher zwar nicht. Beunruhigend ist jedoch eine neue Studie aus den USA. Nach Berechnungen des National Resources Defense Council (NRDC) benötigen die zurzeit in US-Haushalten aufgestellten Flachbildschirme im Schnitt 30 bis 40 Prozent mehr Strom als Röhrenfernseher vergleichbarer Größe. Die NRDC schätzt, dass der Stromverbrauch für Fernseher bis 2009 um 50 Prozent ansteigen wird. "Fernseher werden dann zehn Prozent der Stromrechnung eines Haushalts ausmachen" prognostiziert Andrew Fanara von der US-Umweltbehörde EPA.

Hinzu kommt, dass sich in Zeiten des LC-Displays kaum noch jemand mit einer Diagonale von 60 Zentimetern zufrieden gibt. Lieber soll der Neue Heimkinoformat besitzen. Größer, heller, breiter - in gewisser Weise ähnelt der Trend zum Riesenfernseher dem zum Riesengeländewagen auf dem Automarkt.

Szene aus dem "Herrn der Ringe": Echte Helden brauchen Platz
Warner Bros.

Szene aus dem "Herrn der Ringe": Echte Helden brauchen Platz

Und wer Tolkiens Schlacht auf dem Pelennor in epischer Leinwandbreite erleben will, darf sich eben über hohe Betriebskosten nicht wundern. Ein 76-Zentimeter-LCD-Fernseher der jüngsten Generation verschlingt etwa 250 KWh im Jahr, einer mit 94 Zentimetern um die 320 KWh. Das unter cineastischen Gesichtspunkten klar zu favorisierende Modell mit 125er Diagonale benötigt über den Daumen 390 KWh. Die Kalkulation setzt übrigens voraus, dass man nicht länger als vier Stunden pro Tag glotzt.

Nun kann man Sharp Chart zeigen, Philips Chart zeigen oder Samsung Chart zeigen kaum dafür verantwortlich machen, dass ihre Kunden neuerdings zu Fernsehgeräten von monströser Größe neigen, die möglichst auch noch einen Digitalempfänger, Surround-Boxen und ein Fach zum Bierkühlen haben sollen. Auch sinkt der Stromverbrauch der Geräte von Generation zu Generation. In Europa hat die Industrie eine freiwillige Selbstverpflichtung unterzeichnet und gelobt, auf einen niedrigen Energieverbrauch ihrer Produkte zu achten.

Lieber selber rechnen

Den Herstellern ist das Thema dennoch eher unangenehm. Für den Kunden ist nur schwer feststellbar, ob sein Wunschgerät ein großer Stromfresser ist. Einige Hersteller (zum Beispiel Philips und Sharp) versehen ihre Geräte zwar mit Aufklebern, auf denen stündlicher Strombedarf, Standby-Leistung und Jahresverbrauch ausgewiesen sind. In der Realität fehlt der fragliche Sticker aber auf vielen Vorführgeräten. Im jüngsten Verkaufsprospekt für die Aquos-Fernseher des Marktführers Sharp findet sich keinerlei Hinweis auf den Stromverbrauch. Auch auf den Internetseiten vieler Hersteller ist die entscheidende Kennziffer - die Jahresleistung - entweder nicht ausgewiesen oder gut versteckt.

Da hilft nur selber rechnen (siehe Kasten). Um eine Vergleichsgröße zu erhalten, habe ich mit einem Strommessgerät zunächst einmal den Verbrauch meines altersschwachen Nokia-Fernsehers gemessen. Das Ergebnis: Ich habe einen Vampir in meinem Wohnzimmer. Der finnische Winzling saugt pro Jahr um die 130 KWh - viel mehr als ein LCD-Bildschirm gleicher Größe. Egal was ich für einen Fernseher kaufe - es kann nur besser werden.



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