Aufgetaut Mr. Wong ist zurück!

Icebox ist zurück. Die Reinkarnation der Firma, die viele für die kreativste unter den Web-Unternehmen hielten, setzt nun auf ein Pay-Modell - und auf den Verkauf ihrer bissigen Digi-Cartoons an Fernsehsender und andere Online-Unternehmen.

Von Jochen A. Siegle


Krasser Humor: Die kruden Cartoons machten Icebox zur Kult-Adresse

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Zunächst die gute Nachricht: Mit Icebox feiert eine der coolsten Sites im World Wide Web ihr Revival. Nun die schlechte: Die animierten Webisoden von "Mr. Wong", "Zombie College" oder "Meet the Millers", die die Seite einst so populär machten, sind künftig nur noch gegen Entgelt zu sehen. Noch ist auch nicht absehbar, wann es neue Episoden geben wird.

Anfang Februar ging die Online-Entertainment-Firma eigentlich pleite. In einer Liquidationsauktion kauften im April jedoch drei der einstigen Icebox-Gründer und zwei ehemalige Manager das marode Unternehmen für rund eine halbe Million Dollar. In den nächsten Tagen soll nun ein gebührenpflichtiger On-demand-Dienst starten. In einigen Wochen wird der Vertrieb der unkonventionellen Kult-Serien auf DVD folgen.

Cash ist mittlerweile King bei Icebox. Die Reinkarnation der Webtainment-Firma - schlicht Icebox 2.0 genannt - will schließlich auch kein reines Dot.com mehr sein. Vielmehr versteht sich das Unternehmen nun als Produktionsfirma, die sich vor allem auch der Syndication der schrägen Shows an andere Online-, aber auch

Offline-Companys verschrieben hat. Mit dem San Franciscoer Animationsstudio MondoMedia wurde bereits der erste Internet-Lizenznehmer für "Zombie College", "Meet the Millers" und "Poker Night" gefunden. MondoMedia bestückt wiederum Portale wie Lycos oder Netscape mit Content.

Doch das große Geld sitzt in Hollywood. Kaum einer weiß das besser als die Icebox-Gründer und TV-Veteranen John Collier, Howard Gordon und Rob LaZebnik, die schon für Serien wie "The Simpsons", "Akte X" oder "King of the Hill" verantwortlich zeichneten. Entsprechend sollen nun auch neue Fernsehserien entwickelt werden. Icebox plant dabei, auch weiterhin auf seinen Pool von über einhundert Autoren und Produzenten, die fast alle aus dem TV-Geschäft kommen, zurückzugreifen.

Das Ende des kreativen Wildwuchses: Gemacht wird nur, was auch bezahlt wird

Produziert wird künftig jedoch nur noch gegen Vorkasse - und außer Haus. Zu schmerzhaft klaffen die Wunden des finanziellen Desasters: Icebox verbrannte einen zweistelligen Millionenbetrag. Der selbst in Geldnöte geschlitterte Inkubator eCompanies legte die Internet-Kühlbox Anfang des Jahres dann selbst auf Eis. Ein ähnliches Schicksal ereilte in den vergangenen 18 Monaten vom Digital Entertainment Network (DEN) über Pseudo bis Z.com bereits gut ein Dutzend weitere ambitionierte Webtainment-Companys.

Auch personell ist in Los Angeles nun Low-Budget angesagt. Ein Team von gerade mal fünf Mitarbeitern, davon nur zwei Festangestellte, leistet sich der Nachfolger der innovativen Netz-Firma. Beim höchst defizitären Vorgänger waren noch mehr als hundert Leute beschäftigt - mitunter einer der Hauptgründe für die Pleite.

Alte Zeiten: Als Icebox noch kostenlos daherkam, gab es täglich Programm

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Nun sollen neben der Syndication der Flash-basierten Serien Werbebanner, Sponsorships, Merchandising und insbesondere Product Placements harte Dollars in die leeren Icebox-Kassen spülen. Die Schleichwerbung soll künftig auch verstärkt in die Plots der Produktionen eingeflochten werden. Damit soll umgangen werden, dass Couch-Potatoes Reklameunterbrechungen wegzappen oder die Spots mit Digi-Videorekordern à la TiVo übersprungen werden können. Die Initiatoren schwärmen bereits vom "ultimativen Product Placement".

Icebox verramscht sich damit nicht nur selbst, sondern vor allen Dingen auch die heeren Ideale, mit denen die Firma im Januar 2000 angetreten war. Kreative Freiheit für die TV-Produzenten und Cineasten außerhalb des kommerziellen Studiosystems hatte das Web-Unternehmen gepredigt - und sogar auf Werbebanner verzichtet. Prinzipien, von denen man längst abgerückt ist: Nicht nur die Startseite zieren inzwischen blinkende Online-Ads, Surfer werden auch von Pop-up-Werbefenstern genervt.

Die Partner allerdings sind vom Erfolg des Konzepts überzeugt. Die Kosten konnten mächtig gesenkt werden - und Webtoons erfreuen sich schließlich ungebrochener Beliebtheit, so die Icebox-Macher. Einige der Shows hatten Eigenangaben zufolge mehr als eine Million Zuschauer. Skepsis ist dennoch angebracht. Das Cyberkino

Alwaysi aus San Francisco setzt seit Anfang des Jahres etwa ebenfalls auf ein Pay-Modell. Bislang mehr schlecht als recht. Und mit dem Konzept der in die Handlung integrierten Product-Placements - großspurig "On-Screen-Mentions" bezeichnet - scheiterte das Digital Entertainment Network (DEN) schon im Frühsommer 2000.

Die Lizenzierungen an Fernsehsender scheinen dagegen durchaus Erfolg versprechend. Jüngst hat sich etwa Flextech, ein Ableger des britischen Kabelproviders Telewest, die Rechte an 19 Icebox-E-Cartoons gesichert. Flextech wird die Episoden in Großbritannien und Irland im Fernsehen, Netz und auf Video vermarkten. Konkrete TV-Pläne gibt es bereits für die Hit-Serien "Zombie College" und "Mr. Wong", die bald auf der Insel im Bezahlfernsehen laufen sollen.

Im vergangenen Jahr hatte Icebox bereits einen Deal mit Showtime landen können. Der amerikanische Pay-TV-Kanal hatte die Rechte am "Enterprise"-Verschnitt "Starship Regulars" übernommen. Zudem sicherte sich Showtime die schwule jüdischen Ente "Queer Duck" - eine der beliebtesten Icebox-Shows von "Simpsons"-Produzent Mike Reiss, die Icebox 2.0 nun nicht mehr zur Verfügung steht. Und auch das Murdoch-Fernsehnetwork Fox plante das derbe Menschenfresser-Epos "Zombie College" als Live-Action-Serie zu produzieren. Das Geschäft platzte allerdings.

Der Flextech-Deal markiert nun die erste internationale Lizenzierung. Mittlerweile sollen auch lateinamerikanische Distributoren Interesse an "Mr. Wong" & Co. sowie auch neuen Produktionen bekundet haben. Mal sehen, ob der vorlaute chinesische Butler vielleicht auch bald auf deutschen Mattscheiben zu sehen ist.



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