Behörden-Desktop Linux mit Sicherheit

Mit "ERPOSS 3" demonstrierte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik BSI auf dem Linuxtag, was drinsteckt im "alternativen" Betriebssystem: Die Möglichkeit, das Programm ganz auf die Bedürfnisse des Nutzers zuzuschneidern. Trotz sinkender Besucherzahlen zog der Linuxtag eine positive Bilanz: Linux kommt.


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Vor ein oder zwei Jahren wurde noch heiß diskutiert, ob denn Linux nun "reif für den Desktop" sei. Inzwischen stellt sich diese Frage für viele Firmen und Behörden nicht mehr. Sie haben zumindest einen Teil ihrer Arbeitsplatzrechner auf das freie Betriebssystem umgestellt oder sie sind gerade dabei. Das gilt auch für das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), das auf dem Linuxtag in Karlsruhe den künftigen Desktop der Mitarbeiter vorstellte.

Der Behördendesktop ERPOSS 3 zeigt, was Staatssekretärin Ute Vogt aus dem Bundesinnenministerium gemeint hat, als sie in Karlsruhe davon sprach, dass der Bund beim Einsatz von freier Software beispielhafte Lösungen bieten wolle. ERPOSS 3, das klingt nach Behördenformular und könnte vielleicht auch die neueste Anlage zur Steuererklärung sein, steht aber für "Erprobung Open Source Software". Die jetzt vom BSI getestete dritte Version baut auf dem einem Debian GNU/Linux 3.0 (Woody) auf, ergänzt um den KDE-Desktop 3.2.2 und einige besondere Sicherheitsmerkmale.

So sind die Dateisysteme verschlüsselt, womit der Zugriff auf die Festplatte nur mit Passwort möglich ist. Es gibt ein vorkonfiguriertes System für den verschlüsselten und signierten Austausch von E-Mails. Integriert wurden auch ein Virenscanner und eine Firewall, die sich praktischerweise ebenso über Desktop-Icons aktivieren lassen wie die Sicherheits-Updates für das Betriebssystem.

Das BSI will seine Umstellung im Laufe dieses Jahres abschließen. Für einen möglichst reibungslosen Umstieg gibt es neben dem freien Openoffice auch noch weiter Microsoft Office und den Internet Explorer auf den Rechnern der Bundesbehörde.

Die Welt ist voller Pinguine

Das Beispiel BSI zeigt, dass Linux auch bei der Internet-Nutzung und Standard-Büroanwendungen keinen Vergleich zu scheuen braucht. Hier stellt sich dann höchstens die Frage: "Welchen Pinguin hätten Sie denn gern?" Bei speziellen Programmen, die in Behörden zum Teil ja schon seit vielen Jahren im Einsatz gibt, ist ein Umstieg oft schwieriger. Dann gibt es oft ganz pragmatisch ein Nebeneinander verschiedener Betriebssysteme.

Gründe für den Umstieg von Microsoft- auf Linux-Systeme gibt es einige. Die bei Linux wegfallenden Lizenzkosten sind dabei nur noch ein Aspekt und meist nicht der wichtigste. "Der Fokus hat sich verschoben", sagt Lars Hermann von Red Hat, dem Linux-Marktführer. Den Kunden gehe es heute vor allem Sicherheit und Administrierbarkeit ihrer Systeme. Und sie wollten ihre Abhängigkeit von einem Hersteller beenden und eine tatsächliche Wahlmöglichkeit haben.

Diesem Wunsch der Kunden nach Alternativen zu Microsoft wollen inzwischen viele Firmen nachkommen. Da sind zum einen Unternehmen wie Red Hat oder Novell/SuSE, die schon seit vielen Jahren ihre eigene Linux-Distribution anbieten. Andere wie Sun Microsystems arbeiten zwar schon lange in den UNIX-Welt, fanden aber nur zögerlich und vor allem wegen der Nachfrage der Kunden zu Linux. Herausgekommen ist das Sun Java Desktop System. Mit dabei ist natürlich StarOffice, der etwas größere und vielleicht manchmal etwas reifere Bruder des freien Openoffice.

"Behörden-Desktop": Nüchtern, leer und funktional
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"Behörden-Desktop": Nüchtern, leer und funktional

Hewlett-Packard stellte auf dem Linuxtag eine komplette Thin-Client-Lösung vor, bei der sich der kleine Rechner seine Software von einem größeren Server holt. Statt einer Festplatte steckt in dem Gerät nur eine Flashcard mit 128 MB. Das reicht für ein Fedora-Linux. Als Desktop kommt in diesem Fall mal nicht KDE oder Gnome zum Einsatz, sondern das schlankere XFCE.

Heim-PCs: Noch fest in Microsoft-Hand

Bei IBM sieht man das Engagement für Linux als "logische Konsequenz" einer Firmenpolitik, die schon vor Jahren für offene Standards eintrat, erklärt Harald Neumann, bei IBM für das Linux-Engagement in Europa zuständig. Dem Wunsch der Kunden nach Wahlfreiheit will IBM mit seinem Workplace-on-Demand-Konzept gerecht werden, das auf der freien Entwicklungsumgebung Eclipse beruht, die jetzt in der Version 3.0 freigegeben wurde. Es soll "die richtigen Anwendungen zu den richtigen Leuten" bringen, wie Neumann sagt, und dabei den Kunden möglichst viel Sicherheit bieten.

Auf dem Computer daheim wird es der Pinguin ungeachtet aller Fortschritte zum Beispiel bei der Hardware-Erkennung auf absehbare Zeit noch schwer haben. Hier kommt eine Vielzahl von Hardware-Produkten und auch Software zum Einsatz, die zum Teil explizit auf die Betriebssysteme von Microsoft zugeschnitten sind. Und hier wird sich auch nicht viel ändern, so lange die Hersteller nicht dazu übergehen, betriebssystemunabhängige Geräte zu entwickelt.

Klaus Gürtler, AP



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