Biometrie-Datenbank Ermittler träumen von Verbrecherjagd per Mausklick

Der schnelle Datenbank-Zugriff auf alle digitalen Passfotos eröffnet für die Sicherheitsbehörden ganz neue Fahndungsmöglichkeiten: Das Bild einer Überwachungskamera könnte genügen, um Straftäter auf Knopfdruck zu finden. Die schöne neue Welt der Fahnder birgt jedoch gewaltige Risiken.

Aus Filmen ist die Technik längst bekannt: Ein Foto, das eine Überwachungskamera von einem potentiellen Terroristen aufgeschnappt hat, reicht, um seine Identität zu ermitteln. In Serien wie "24" zoomen die Agenten ein bisschen heran und jagen das Gesicht durch die immens große Datenbank von Bösewichten. Nach einigen Sekunden ist der Gesuchte gefunden - und Jack Bauer, der oberste Terroristenjäger, weiß, wen er schnappen muss.

Deutsche Ermittler könnten künftig sogar noch einen Schritt weitergehen als ihre Kollegen in der fiktionalen US-Fernsehserie. Sie sollen elektronischen Zugriff auf alle digitalen Passfotos der Bundesbürger bekommen. Seit 2005 werden Passbilder für Reisepässe elektronisch erfasst und in den Meldestellen und in den Pässen selbst gespeichert, demnächst kommen noch Fingerabdrücke hinzu. Und auch Personalausweise sollen schon bald biometrisch aufgerüstet werden.

Eine Fahndung deutscher Polizisten könnte künftig so aussehen: Auf dem Foto einer Überwachungskamera fällt eine verdächtige Person auf. Auf Knopfdruck durchsucht der Computer die Datenbank aller Bundesbürger - und liefert eine Liste möglicher Treffer. Die Betroffenen werden zur Fahndung ausgeschrieben. Oder aber Beamte finden an einem Tatort einen Fingerabdruck. Blitzschnell läuft der Abgleich mit der Biometriedatenbank - und wieder gibt es eine Trefferliste mit den potentiellen Tätern. Schöne neue Fahndungswelt.

Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein, glaubt, dass es den Ermittlern genau darum geht: "Die Suche nach einer Person in einer bundesweiten Datenbank anhand eines Bildes - das ist technisch beabsichtigt", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Derzeit sei dies jedoch noch schwierig, weil die Suchläufe dezentral in den Meldeämtern durchgeführt werden müssten. Denn Meldedaten sind in Deutschland nicht auf einem einzigen Server gespeichert - noch nicht.

Dezentral und doch zentral?

Das könnte sich nach Weicherts Meinung jedoch schon bald ändern: "Es gibt Planungen im Bundesinnenministerium, die Meldestellen stärker elektronisch zu vernetzen oder ganz zusammenzuführen." Mit der Föderalismusreform sei das Melderecht zu einer Angelegenheit des Bundes geworden - dies erleichtere den Aufbau einer zentralen Passfoto- und Fingerabdruckdatenbank aller Bundesbürger.

Bis es eine solche zentrale Datei gibt, müssen die Beamten sich mit mehr als 5000 Meldeämtern in Deutschland herumschlagen - es hilft ihnen ungemein, wenn sie die Region eingrenzen können. Das geplante Gesetz für einen automatisieren Zugriff auf die digitalen Passfotos soll das Verfahren extrem vereinfachen.

Kritiker fürchten jedoch, dass der Online-Zugriff auf die Daten der Meldeämter die Suche so erleichtert, dass Ermittler praktisch alle Möglichkeiten einer Zentraldatei haben, ohne dass die explizit eingerichtet wurde. Dietmar Müller, Sprecher des Bundesbeauftragten für den Datenschutz zu SPIEGEL ONLINE: "Die Gefahr ist, dass die Online-Suche ein technischer Umweg hin zu einer Zentraldatei wird. Dagegen haben wir große Bedenken. Eine leichte Online-Suche würde dazu führen, dass solche Anfragen zur Regel werden."

"Biometrischen Vollerfassung"

Die Fahndung auf Knopfdruck birgt große Risiken für die Bürger - Datenschützer warnen vor Falschverdächtigungen und einer Abkehr von der Unschuldsvermutung. "Die Biometrischen Verfahren sind sehr fehleranfällig", sagte Weichert. "Wenn Treffer beim Biometrieabgleich entstünden, dann würden Betroffene als Verdächtige behandelt - sie müssten dann ihre Unschuld beweisen.

Technisch sind solche Fälle möglich - und sogar wahrscheinlich. Alexander Nouak, Abteilungsleiter für Sicherheitstechnologie am Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD gibt zu bedenken, dass solche Online-Abfragen mehr Falschmeldungen produzieren werden als herkömmliche Fahnungstechniken: "Zum einen bieten die biometrischen Daten aus Pässen weniger Informationen als die Daten in den heutigen Datenbanken." Denn in biometrischen Pässen seien nur die Abdrücke der Zeigefinger, nicht die aller zehn Finger gespeichert, außerdem werde der Datenbestand einer Passdatenbank viel größer sein als bei jeder heutiger Fahndungsdatenbank. Die Konsequenz laut Nouak: "Je weniger Merkmale man hat und je größer der durchsuchte Datenbestand ist, desto mehr falsche Übereinstimmung wird die Software melden."

Experten sehen großes Missbrauchspotential

Für Weichert ist der geplante automatisierte Zugriff auf Passfotos nichts anderes als eine "digitale Volkserfassung" und eine "Jedermanns-Verdächtigung". Auch der Chaos Computer Club (CCC) warnt vor einer "biometrischen Vollerfassung". Die sensiblen Daten dürften keinesfalls zentral gespeichert werden.

"Das Problem ist, dass diese Daten ein Leben lang am Körper kleben. Man wird sie nicht los wie eine Adresse", sagte CCC- Sprecherin Constanze Kurz im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir sehen ein großes Missbrauchspotential." Jemand könne die biometrischen Daten stehlen und beispielsweise Fingerabdrücke Dritter an einem Tatort platzieren, warnte sie.

Dass dies technisch kein Problem ist, haben Mitglieder des Chaos Computer Clubs bereits demonstriert  (siehe Fotostrecke). Das Digitalfoto eines Fingerabdrucks druckten sie mit einem Laserdrucker auf Folie und stellten daraus eine Attrappe her, die man sich nur noch auf den Zeigefinger kleben muss, um Abdrücke einer fremden Person zu hinterlassen. Ideal für das perfekte Verbrechen mit Spuren, die zu Unschuldigen führen.

Datenschützer: Als nächstes DNA-Daten

Kurz fürchtet, dass die gegenwärtige Debatte über Passfotos und Fingerabdrücke erst der Anfang ist: "Demnächst werden wir eine Debatte über DNA-Daten haben", fürchtet Kurz. "Wir brauchen eigentlich nur noch billigere Verfahren."

Und die werden mittelfristig kommen. Alexander Nouak vom Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung IGD hält eine Suche im kompletten Datenbestand biometrischer Passdaten zwar heute für technisch nicht machbar, sieht auf längere Sicht keine technischen Probleme: "In den kommenden Jahren reicht die Rechenpower hier in Deutschland für einen Datenabgleich etwa zum Identifizieren von Personen an Bahnhöfen nicht aus. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese Rechenkraft verfügbar ist."

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