Biometrie Gesichtskontrolle für Zidane & Co

Nach den Vorstellungen des Branchenverbands Bitkom soll die Fussball-WM 2006 zum Experimentierfeld für biometrische Überwachung werden. Bevor Weltstar Zidane sein Leibchen überstreifen kann, müsste er sich durch einen Blick in eine Computer-Kamera identifizieren. Erst wenn die ihn erkennt, soll sich die Kabinentür öffnen.

Von Michael Voregger


Zinedine Zidane und Michael Ballack am 15.11.in Gelsenkirchen.: Ohne Gesichts-Scan kein Eintritt
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Zinedine Zidane und Michael Ballack am 15.11.in Gelsenkirchen.: Ohne Gesichts-Scan kein Eintritt

"Wir brauchen in Deutschland ein Referenzprodukt für biometrische Verfahren", sagt Sandra Schulz vom Branchenverband Bitkom. "Bisher müssen die Unternehmen in Deutschland immer auf Projekte im Ausland verweisen. Die Weltmeisterschaft im eigenen Land bekommt viel Aufmerksamkeit und hier kann die Technologie angemessen präsentiert werden."

Nach den Anschlägen vom 11. September haben biometrische Verfahren bei Sicherheitsexperten Hochkonjunktur, aber einen groß angelegten Einsatz haben die Schwächen der Verfahren bisher verhindert. Die Technik ist noch lange nicht so ausgereift und vor allem zuverlässig, wie die Industrie immer behauptet.

Schutz vor Hooligans

Bei der Überwachung von großen Menschenmassen setzen die Regierungen in Europa und den USA gleichwohl auf die Biometrie. Die EU-Innen- und Justizminister haben sich inzwischen darauf geeinigt, Gesichtsbild und Fingerabdrücke in Visadokumente und Aufenthaltstitel aufzunehmen. Für die Akzeptanz der Biometrie in der Bevölkerung soll auch das Spiel mit dem runden Leder sorgen. "In verschiedenen Stadien könnte der Zugang zu den Sportlerkabinen oder VIP-Bereichen, biometrisch abgesichert werden. So kann die Leistungsfähigkeit der Technik unter Beweis gestellt werden", hofft Sandra Schulz. "In einem ersten Schritt soll die Technik auf geschlossene Nutzergruppen angewandt werden, wobei natürlich auch die kamerabasierte Kontrolle von Hooligans interessant ist."

Datenschutzrisiko Biometrie: Ein Iris-Scan liefert Hinweise auf Erkrankungen
DPA

Datenschutzrisiko Biometrie: Ein Iris-Scan liefert Hinweise auf Erkrankungen

In der Idealvorstellung können computergesteuerte Kameras über automatischen Bilderabgleich in einer Datenbank verdächtige Personen aus großen Menschenmassen identifizieren. Vor allem die Vereinigten Staaten setzten auf "face recognition" und versprechen sich hier schnelle Erfolge in der Terroristenfahndung. Bei einem Test des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) schnitt die Technologie allerdings nicht besonders gut ab. Der Bildervergleich mit 50.000 Fotos offenbarte die Hauptschwäche des elektronischen Gesichts-Checks: Je größer der Datensatz, desto öfter kommt es zu einer falschen Einordnung.

Datenschutz in Gefahr

Um dies zu vermeiden, sollen neben der Gesichtserkennung auch Fingerabdrücke verglichen werden. "Eine Kombination verschiedener Verfahren ist eine denkbare Möglichkeit", sagt Sandra Schulz. Der Einsatz biometrischer Verfahren birgt jedoch datenschutzrechtliche Risiken, denn die abgespeicherten Referenzdaten können zu Zwecken genutzt werden, die über die reine Authentifizierung hinausgehen. So können Mediziner aus einem Iris-Scan Rückschlüsse auf mögliche Krankheiten der Person ziehen. Beim Branchenverband Bitkom kennt man derartige Bedenken nicht: "Es werden sich nur sichere Produkte am Markt durchsetzen, die zuverlässig arbeiten und den Datenschutz beachten", glaubt Sandra Schulz.

Statische Methoden basieren auf unveränderlichen physiologischen Merkmalen, wie Fingerabdruck, Hand- und Venen-Geometrie, Iris und Gesicht. Zurzeit werden von den Experten Fingerabdruck und Gesicht favorisiert. Für Grenzkontrollen und die Verhinderung illegaler Einreise sollen die technischen Möglichkeiten derzeit schon ausreichen. Die Vereinigten Staaten wollen künftig nur Menschen mit biometrischen Ausweispapieren eine zügige Abwicklung der Einreiseformalitäten ermöglichen.

In der Europäischen Union liegt ein Gesetzentwurf auf dem Tisch, der sich mit der Vereinheitlichung von Visa- und Aufenthaltsgenehmigungen befasst. Er beinhaltet konkrete Vorschläge, die Aufnahmepflicht biometrischer Merkmale auf 2005 vorzuziehen. Biometrie wird Behörden und der Polizei die Arbeit erleichtern, allerdings sind auch hier Fehler nicht ausgeschlossen. Die Folgen für den Einzelnen können dramatisch ausfallen, wenn die Technik über Asylanträge und Aufenthaltsgenehmigungen mitentscheidet.

Auch bei der Fußball-WM wären die Konsequenzen falscher Gesichtszuordnungen drastisch, wenngleich in einem anderen Sinn. Ein Finale ohne den ausgesperrten Ballvirtuosen Zidane bliebe fad, die Zuschauer wären enttäuscht. Den Deutschen würde die verrückt spielende Software allerdings kaum helfen, sofern sie es überhaupt bis ins Finale schaffen. In der gegenwärtigen Verfassung verlören sie gegen Frankreich - mit oder ohne Zidane.



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