Bluejacking Funsport für die Menschenmasse

Um dem Bluetooth-Handy eines anderen Menschen eine dubiose Meldung zu schicken, bedarf es lediglich eines Mobiltelefons und eines stark frequentierten Ortes. "Bluejacking" droht, zum Sport zu werden. Jagderfahrungen einer 13-jährigen britischen Jugendlichen.

Von Michael Vogel


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Ellie ist 13, lebt mit ihren Eltern im britischen Surrey und hat einen Bruder. Das alles sei "ziemlich durchschnittlich", wie Ellie selbst auf ihrer Homepage befindet. Trotzdem avanciert Ellie in diesen Tagen zu einer kleinen Internet-Berühmtheit: Sie scheint die Erste zu sein, die auf einer Homepage ("Bluejackq", lautmalerisch für:"bluejack you") schildert, wie man zum Bluejacker wird.

Bluejacker ist ein Kunstwort aus "Bluetooth" und "Hijacker" und bezeichnet Menschen, die mit ihren Bluetooth-fähigen Handys Meldungen zu anderen Mobiltelefonen schicken. Ellies erstes Opfer war eine Frau, die in London auf den Zug wartete. Zunächst schickte Ellie ihr ein einfaches "Hallo" auf das Handydisplay, was die Frau sichtlich verwirrte. Dann legte Ellie nach: "Mir gefällt Ihr pink gestreiftes Top." Diesmal, schreibt Ellie auf ihrer Website, habe die Frau sogar gelächelt.

"Ich finde Bluejacking sehr lustig", befindet Ellie, die ihrem neuen Freizeitvergnügen auch zusammen mit Freunden nachgeht. Bluejacking funktioniert nur zwischen Bluetooth-fähigen Mobiltelefonen oder PDAs.

Aus Ernst mach Spaß

Die Industrie hat die Funktechnik Bluetooth entwickelt, damit sich verschiedene Kommunikationsgeräte, aber auch Computer ohne Kabel miteinander verbinden lassen. Die Reichweite der Funksignale ist sehr gering, spätestens nach zehn Metern ist Schluss. Man kann also nur zum Bluejacker werden, wenn man seinen möglichen Opfern sehr nahe ist.

Deshalb, so Ellie, eigneten sich vor allem stark frequentierte Orte für entsprechende Versuche: Bahnhöfe, Einkaufszentren, Cafés oder Kinos. Damit der Bluejacker erfolgreich sein kann, muss das Opfer die Bluetooth-Funktion seines Handys aktiviert haben - auch wenn diese gerade nicht benötigt wird. Man müsse dann sein Mobiltelefon lediglich

nach anderen Bluetooth-fähigen Geräten suchen lassen, schreibt Ellie in ihrer "Anleitung zum Bluejacking". Da man dabei nicht über das Mobilfunknetz telefoniere, fielen anders als bei einer SMS-Nachricht keine Gebühren an.

Seit Ellie Anfang Oktober ihre Bluejacking-Website freigeschaltet hat, erfreut diese sich wachsender Aufmerksamkeit. An einzelnen Tagen verzeichnete sie mehr als 115.000 Pageviews. Die Resonanz auf bluejackq.com habe ihre "wildesten Träume" übertroffen, gesteht Ellie denn auch. Zuschriften per E-Mail kämen inzwischen "aus aller Welt".

An diesem Erfolg wollen nun anscheinend auch andere teilhaben: Beispielsweise hat bei Google der Betreiber einer weiteren Bluejacking-Website bereits eine entsprechende Anzeige gebucht, die bei der Suche nach dem Begriff "Bluejack" auftaucht. "Da wollen einige auf der Welle mitreiten", stellt Ellie nüchtern fest. "Damit das klappt, müssen sie den Leuten allerdings etwas wirklich Nützliches bieten."

Wer sich aufregt, soll abschalten

Rechtliche oder moralische Bedenken hat die 13-jährige Britin keine: "Auf meiner Website fordere ich die Leute ja auf, Bluejacking in einer ethisch vertretbaren Weise zu betreiben und die Opfer nicht zu quälen. Wenn jemand nicht zum Bluejack-Opfer werden möchte, kann er die entsprechende Funktion einfach abstellen." Wie das gehe, erkläre sie ja ebenfalls auf ihrer Website.

Ellie befasst sich seit mehreren Jahren mit Handys und diskutiert darüber auch in Online-Foren. In einem solchen Forum sei wohl vor einiger Zeit die Idee und der Begriff des Bluejacking geboren worden. "Ich musste das ausprobieren und stellte fest, dass es ziemlich einfach ist." Sie habe daraufhin nach weiteren Informationen im Netz gesucht, aber nichts gefunden. Drei Tage später ging ihre Bluejacking-Website online.

"Ich interessiere mich für Computer und Technik und habe mir selbst ein bisschen Java-Programmierung beigebracht" erzählt Ellie. "Es wäre klasse, wenn ich Anwendungen für Mobiltelefone schreiben könnte." Bislang hat sie ihre Programmierkünste aber auf die eigene Homepage beschränkt, die sie seit ihrem zwölften Lebensjahr besitzt. "Den eigenen Domain-Namen hat mir mein Vater zum elften Geburtstag geschenkt."



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