Business-Fernsehen TV total im Büro

In deutschen Büros wird immer mehr ferngesehen. Lustig ist das nicht - eher lehrreich: Die Unternehmen setzen auf Weiterbildung per Web-TV. Aktueller Cebit-Trend: Business-TV wird auch für Mittelständler erschwinglich.

Von und Sonja Tiede


Business-TV: Mitarbeiter einer Bausparkasse bereiten ihre nächste Live-Sendung vor
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Business-TV: Mitarbeiter einer Bausparkasse bereiten ihre nächste Live-Sendung vor

TV total in deutschen Großunternehmen. Aber nicht "Big brother", "ran" oder "Ein Bayer auf Rügen" flimmern über die Bildschirme. Die Filme, die in Deutschlands Büros laufen, zeigen, wie Mitarbeiter am besten die Produkte ihres Unternehmens vermarkten, mit der neuen Betriebssoftware umgehen oder die firmeneigenen Fahrzeuge reparieren können.

Bisher war Business-TV nur in Großunternehmen ein wichtiges Informations- und Kommunikationsmedium. Auf der diesjährigen Cebit werden erstmals Internet-basierte Lösungen vorgeführt, die Unternehmens-Fernsehen auch für kleinere Firmen interessant machen.

Fusionen und Globalisierung - je internationaler und komplexer betriebliche Gebilde werden, desto wichtiger ist die schnelle und umfassende Information der Mitarbeiter. Dazu zählt auch die Aus- und Fortbildung. Die digitalen Medien, Grundlage sämtlicher Arbeitsprozesse des E-Commerce, bieten sich als kostengünstiger und Zeit sparender neuer Weg an.

Die Telekom und die Deutsche Bank, IBM und Hewlett-Packard setzen zunehmend auf Web-basierte Weiterbildung. Marktforscher von International Data Corp (IDC) prognostizieren der betrieblichen Bildung via PC - neudeutsch: E-Learning - eine glänzende Zukunft. Sie erwarten ein Wachstum des E-Learning-Markts in Westeuropa von 320 Millionen US-Dollar im Jahr 2000 auf 3,9 Milliarden US-Dollar bis 2004.

Beispiel: DaimlerChrysler

Der global tätige Konzern DaimlerChrysler informiert seine rund 420.000 Mitarbeiter auch über sein Business-Fernsehen. Die zwanzigminütigen Sendebeiträge im Tagesschau-Format flimmern täglich über die Mattscheiben des Hauses Schrempp und halten in sieben Sprachen weltweit alle Konzern-Angehörigen auf dem Laufenden.

"Wir verfügen über drei hauseigene TV-Kanäle", erklärt Jörg Staff, Leiter der Abteilung Global Training. Das zweite der drei Programme dient dem interaktiven Training im europäischen Raum. Damit können Produkt- und Fahrzeugschulungen für Sales- und Servicefachleute punktgenau von 50 bis 60 Empfangsstationen empfangen werden. Staff: "Zeitgleich erreichen wir so etwa 600 Mitarbeiter."

Doch die Standleitungen für Unternehmens-Fernsehen sind teuer. Außerdem lassen sich mit diesem Medium externe Partner und Kunden nicht erreichen. Diese Lücke schließt Business-TV via Internet. Die Stuttgarter Webpark AG zum Beispiel stellt auf der Cebit (Halle 5, A23) eine neue Software für interaktives Unternehmens-Fernsehen übers globale Netz vor.

"Das technologisch wirklich Neue an unserem Produkt ist die Interaktivität", betont Ralph Uhlmann, Business Development Manager bei Webpark. Die Zuschauer können sich direkt an den Veranstalter wenden, Fragen stellen und aktiv an Diskussionen teilnehmen. Der Veranstalter merkt, ob sein Publikum noch zuschaut und welche Informationen noch unklar geblieben sind.

Beide Seite lernen so: Schüler und Trainer. Kernstück der Webpark-Lösung ist ein in das Programm integriertes Chat-Modul. Das wurde in Pilotprojekten erfolgreich getestet und wird auf der Cebit vorgestellt.

Neu: Mietmodelle fürs Business-TV

Für kleine und mittelständische Unternehmen gibt es ein spezielles Angebot: Der Kunde kann die Business-TV-Lösung mieten. Die monatlichen Kosten für einen 100-Mann-Betrieb mit vier Standorten belaufen sich auf etwa 650 Mark für die Software. Hinzu kommen Kosten für die Aufbereitung des Films und der Folien, die für eine Low-Budget-Produktion bei rund 3000 Mark liegen.

Ein weiterer denkbarer Einsatz der schwäbischen Lösung liegt bei staatlichen Institutionen und Behörden. "Mit Hilfe unseres Mediums kann Vater Staat nicht nur den Informationsbedarf der Menschen befriedigen und damit mehr Bürgernähe praktizieren, sondern es können auch Expertendiskussionen durchgeführt werden", erklärt Uhlmann.

Auf der Cebit 2001 ist Business-TV ein Top-Thema. Dutzende Firmen entwickeln Lösungen rund ums Fernsehen via Internet. So präsentieren beispielsweise Microsoft (Halle 2, D02) und die Saarbrückener infoService GmbH (Halle 4, C12) in Hannover Konzepte und Lösungen. Die Saarländer wollen in der Leine-Stadt zeigen, wie durch spezielle Komprimierungsverfahren Videos auch online ruckfrei und synchron übertragen werden können.

Die Anbieter wittern das große Geschäft. Sie hoffen, dass das Marktforschungsunternehmen Jupiter Communications mit seiner Prognose richtig liegt, dass sich das Marktvolumen des globalen Marktes der Streaming-Media-Inhalte und -Software von heute 78 Millionen US-Dollar bis 2005 verdreißigfachen wird.

Um das Medium Business-TV zur nachhaltigen Wissensvermittlung optimal zu nutzen, reicht es aber nicht, Bits von Bytes unterscheiden zu können. Pädagogische und didaktische Aspekte werden häufig vernachlässigt. "Bei der Kommunikation und Diskussion von Lerninhalten muss ein geschulter Tutor als Moderator fungieren und die Teilnehmer motivieren", weiß Reinhold Jäger, Leiter des Zentrums für empirische pädagogische Forschung der Universität Koblenz.

Ein Film, der den Mitarbeiter verleitet, sich so passiv zu verhalten wie vor dem eigenen Fernseher zu Hause, sei kontraproduktiv: "Ein solches Fernsehformat ist für die Vermittlung von Wissen völlig ungeeignet. E-Learning ist genau wie jedes Lernen nur dann erfolgreich, wenn der Lernende selbst aktiv wird."

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