CD-Kopierschutz Musikindustrie wagt neuen Vorstoß

Es war im Februar vergangenen Jahres, als sich die Plattenfirma BMG mit dem Versuch eines Kopierschutzes für Audio-CDs gehörig in die Nesseln setzte. Zeit für einen neuen Versuch, meint nun das Kölner Plattenlabel Zomba Records.


CD-Kopierschutz: "Wir haben unser eigenes System"

CD-Kopierschutz: "Wir haben unser eigenes System"

Köln - "Wir bringen seit Juli nur noch kopiergeschützte CDs auf den Markt", sagt Zomba-Chef Kurt Thielen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE und bestätigt damit Aussagen, die er gegenüber der "Süddeutschen Zeitung" gemacht hatte. Im Gespräch mit dem Blatt hatte Thielen, dessen Label unter anderem Stars wie Britney Spears und die Backstreet Boys unter Vertrag hat, das illegale Kopieren von CDs als "Flächenbrand" bezeichnet.

In der Tat muss die Musikindustrie mit wirtschaftlichen Problemen kämpfen. Im ersten Halbjahr dieses Jahres brach der Umsatz auf dem deutschen Tonträgermarkt um zehn Prozent ein, im Monat Mai sogar um das Doppelte. Doch nicht nur das illegale Kopieren von Musik ist nach Ansicht von Thielen für die Turbulenzen verantwortlich, auch das immer härter umkämpfte Budget der Jugendlichen trage seinen Teil dazu bei. "Geld, das man zum Beispiel für Handys ausgibt, kann man nicht zweimal ausgeben", sagt der Plattenboss, der gleichzeitig Vorstandsmitglied des Verbands der deutschen Phonoindustrie ist.

Andere Firmen wollen nachziehen, auch BMG

Andere Labels denken einem Verbandssprecher zufolge ebenfalls über die Einführung von Kopierschutztechniken nach. Offenbar gibt es dafür aber keine einheitliche technische Lösung. "Wir haben unser eigenes System, mit dem wir bald starten", sagt eine Sprecherin der Bertelsmann Music Group (BMG).

Doch gerade BMG hat schlechte Erfahrungen mit dem Versuch, einen Kopierschutz einzuführen. Im Februar 2000 hatte das Unternehmen die CDs "Razorblade Romance" der Gruppe HIM und "My Private War" von Philip Boa testweise mit dem Cactus-Data-Shield-Kopierschutz versehen. Er sollte verhindern, dass die Silberscheiben auf Computer-CD-Laufwerken abgespielt werden können, nach genau 28 Sekunden sollte Schluss sein.

Doch das Experiment endete in einem Desaster. Zahllose Besitzer vor allem älterer CD-Player beschwerten sich bei den Händlern, weil bei den neu gekauften CDs der Musikgenuss ausblieb. Der Kopierschutz hatte offensichtlich übertrieben. Gleichzeitig dauerte es nur ein paar Tage, bis findige Angreifer den Schutz erfolgreich ausgetrickst hatten. BMG zog die Konsequenzen und verzichtete bei der zweiten Auflage der CDs auf den Irgendwie-doch-nicht-Kopierschutz.

Zomba hofft nun, dass es ihm besser ergeht. "Wir haben im Juni bei einer Single einen Testballon gestartet", sagt Kurt Thielen. "Von 130.000 verkauften Exemplaren gab es nur drei Reklamationen, weil die CD nicht gelesen werden konnte." Das klingt zwar ganz erbaulich, sagt aber natürlich noch nichts über die Qualität des Kopierschutzes aus. "Wir machen uns keine Illusionen, dass unser System nicht geknackt werden kann", kontert Thielen. Natürlich gebe es Leute, "die das umgehen können", es gehe aber zunächst darum wenigstens einen großen Teil der illegalen Kopien zu verhindern.

Zum technischen Verfahren des Kopierschutzes will Zomba nichts sagen. Beim BMG-Versuch hatten die geschützten CDs ein manipuliertes Inhaltsverzeichnis. Diese so genannte Table of Contents (TOC) hatte dem Abspielgerät das Ende der CD bereits nach knappen 30 Sekunden suggeriert. Audio-CD-Playern sollte diese Information egal sein, sie sollten sie im Gegensatz zu CD-Rom-Laufwerken ignorieren - soweit die Theorie. Schwierigkeiten dürften bei dieser Art des Verfahrens nicht nur durch ältere Geräte, sondern auch durch neue CD-Player, etwa in Autos zu erwarten sein, die ebenfalls CD-Rom-Laufwerke enthalten können.

Christoph Seidler



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