Chrome OS Google startet Frontalangriff auf Windows

Google macht ernst, entwickelt ein eigenes PC-Betriebssystem: Das Chrome OS soll auf dem gleichnamigen Webbrowser basieren, Internet-Anwendungen in den Mittelpunkt stellen - und Microsoft zeigen, wie man ein schlankes OS baut, das obendrein auch noch sicher ist.

Hamburg - Der Schlag sitzt. Google   entwickelt ein eigenes Betriebssystem, will damit zunächst Netbooks ausstatten. Erstmals attackieren die Suchmaschinisten den Erzrivalen Microsoft   somit nicht nur auf Umwegen, sondern frontal. Das Geschäft mit Betriebssystemen ist seit DOS 1.0 das Herzstück des Microsoft-Universums.

Der Internet-Konzern beweist damit einmal mehr, dass er ein Händchen dafür hat, zur richtigen Zeit die richtige Software auf den Markt zu bringen. Denn die kleinen, leichten und billigen Netbooks gehören zu den wenigen Produkten, die der Wirtschaftskrise zum Trotz weiterhin Zuwächse verzeichnen. Durch den direkten Einstieg in diesem Bereich verschafft sich das Unternehmen die Möglichkeit, vom Start weg große Stückzahlen seines Systems unter die Leute zu bringen, schnell signifikante Marktanteile aufzubauen.

Genau das hat man im Google-Hauptquartier offenbar geplant. Gespräche mit Netbook-Herstellern seien bereits im Gange meldet das Unternehmen im Google-Blog. An denen dürften auch die Hersteller großes Interesse haben. Denn Google will sein PC-Betriebssystem offenbar, so wie fast alle Google-Software, kostenlos abgeben. Dadurch können PC-Produzenten einige Dollar einsparen, die sie sonst für eine Windows-Lizenz zahlen müssten. Ein potentiell wichtiger Vorteil im hart umkämpften und preissensitiven Netbook-Markt.

Erste Netbooks mit Chrome OS werden Google zufolge allerdings erst in der zweiten Jahreshälfte 2010 in die Läden kommen. Zunächst wolle man, in einigen Monaten, den Quellcode des Google-Betriebssystems offenlegen, freien Entwicklern und Hardware-Herstellern für eigene Modifikationen und Erweiterungen zur Verfügung stellen. Der Einsatz des Systems auf Netbooks ist nur der erste Schritt. Künftig soll das System auch auf voll ausgestatteten Desktop-Rechnern laufen können. Einen genauen Zeitplan für diese Entwicklung hat das Unternehmen bislang allerdings nicht veröffentlicht.

"Eine Atombombe aus Chrom"

Ohnehin wurde Google offenbar gezwungen, die Bekanntgabe seiner Pläne vorzuverlegen, nachdem sowohl " Ars Technica " als auch die "New York Times" am Dienstagabend (US-Ortszeit) bereits Informationen über das Projekt veröffentlicht hatten. Die " New York Times " bezeichnet Googles Ankündigung darin als direkte Herausforderung Microsofts. Wenig später ging das Blog Techcrunch  in seiner Einschätzung noch viel weiter und schrieb: "Google wirft eine Atombombe aus Chrom auf Microsoft."

Im Fokus der Entwicklung sollen dieselben Fixpunkte gestanden haben, die Google sich schon für den Webbrowser Chrome ins Pflichtenheft geschrieben hatte: Geschwindigkeit, Sicherheit und Einfachheit. Wenn es stimmt, was Googles Vizepräsident Sudar Pichai und Entwicklungschef Linus Upson im Google Blog  schreiben, hat das neue System womöglich wirklich das Zeug dazu, den Umgang mit dem Computer zu fundamental zu verändern. Innerhalb weniger Sekunden nach dem Einschalten des Rechners soll es betriebsbereit sein.

Die Benutzeroberfläche von Chrome OS wird als minimalistisch beschrieben, soll "nicht im Weg sein". Damit würde Google eine uralte Forderung des Interface-Designers Kai Krause erfüllen, der schon in den neunziger Jahren gesagt hatte: "It's interface, not in your face" und damit forderte, die Benutzeroberfläche eines Computers müsse so zurückhaltend wie nur möglich gestaltet werden. Mit dem Design von Googles Handy-Betriebssystem Android habe Chrome OS aber nichts gemein, so Google. Android und Chrome OS seien voneinander vollkommen unabhängige Entwicklungen.

Läuft auch auf Minimal-Hardware

Große Ansprüche an die Hardware will man bei Google offenbar nicht stellen. Chrome OS soll sowohl auf x86-Chips, also den in PCs, Note- und Netbooks verbreiteten Intel- und AMD-Prozessoren laufen, als auch auf Rechnern zu benutzen sein, die sich der ARM-Architektur bedienen. ARM-Chips sind in der Regel auf geringen Stromverbrauch getrimmt, liefern nur vergleichsweise wenig Leistung. Mit diesem Schritt hat Google die Nase klar vorn. Microsofts Windows 7 wird die sparsamen ARM-Chips nicht unterstützen. Dabei ermöglichen gerade die den Bau extrem leichter, dünner und vielleicht auch günstiger Mini-Computer.

Marktanteile: Google und die Konkurrenz

Als Basis für Chrome dient, wen wundert's, ein Linux-Kern - wie Android baut das neue OS also auf dem freien Betriebssystem auf, an dem eine Gemeinde von Freiwilligen seit vielen Jahren mitarbeitet. Auf den Linux-Kern habe man ein Fenstersystem aufgesetzt, in dem der Chrome-Browser laufe. Einen eigenen Betriebssystemkern zu entwickeln hätte vermutlich auch viel zu lange gedauert. Mit der Festlegung auf Linux als Grundlage ist Google nicht allein, folgt einem Trend, der sich in der Industrie immer mehr durchzusetzen scheint. Bestes Beispiel: Chip-Primus Intel treibt derzeit die Entwicklung eines Linux für Mobile Internet-Geräte (MIDs) und Netbooks, genannt Moblin  (Mobile Linux), voran.

Leichtes Spiel für Programmierer

Programmierer, die jetzt schon Web-Applikationen entwickeln, sollen sich für Chrome OS nicht umstellen müssen. Alle Programme, die schon jetzt im Internet laufen, werden ohne Änderung auch auf dem neuen Betriebssystem nutzbar sein, verspricht der Konzern. Das System werde jede Anwendung verarbeiten können, die sich an gültige Web-Standards hält. Denselben Schritt hat auch Smartphone-Hersteller Palm beim Palm Pre unternommen, auf dessen webOS genanntem Betriebssystem ebenfalls nach Web-Standards entwickelte Software läuft.

Dieser Schachzug ist clever. Anwender profitieren davon, weil es für Chrome OS vom Start weg Dutzende erprobte Applikationen geben wird. Entwickler hingegen können schnell weitere, neue Software schreiben, ohne sich erst mit einer neuen Programmiersprache auseinandersetzen zu müssen. Und sie werden für eine riesige potentielle Nutzerschaft entwickeln, denn wer für Chrome OS entwickelt, tut das gleichzeitig auch für so ziemlich alle übrigen Web-User. Durch die Festlegung auf geltende Standards wird man Chrome-Software auch in vielen anderen Browsern nutzen können, unabhängig vom Betriebssystem.

Richtig spannend wird es, wenn Google tatsächlich im Spätsommer den Quellcode von Chrome OS veröffentlicht. Dann nämlich, etwa zeitgleich mit der Markteinführung von Windows 7, wird sich das Google-Betriebssystem erstmals der Konkurrenz stellen müssen. Und dann, darauf kann man sich verlassen, wird es nicht lange dauern, bis die ersten selbst gestrickten Chrome-OS-Versionen ins Web gelangen werden.

Wie wäre es etwa mit einem Chrome OS auf einem USB-Stick, mit dem man jeden Standard-PC starten, dort seine persönliche Arbeitsumgebung vorfinden könnte. Und wie steht es um eine Variante, die Chrome auf Intel-Macs zum laufen bringt? Microsoft und Apple dürften solche Entwicklungen kaum gefallen - zumindest, sofern Google seine Versprechen hält und tatsächlich ein System präsentiert, das schnell, einfach, sicher und zudem anspruchslos ist.

Ob das gelingt?

Googles Geschichte

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