Chrome OS Warum Google ein Betriebssystem will

Google verdient sein Geld mit Web-Anzeigen. Warum also will das Unternehmen nun ein Betriebssystem bauen und verschenken? Die Antwort: Vom Anti-Windows könnte die Suchmaschine gleich in mehrfacher Hinsicht profitieren - nicht nur, weil es dem Erzrivalen Microsoft schadet.

Jedes Mal, wenn Google ein neues, wie immer kostenloses Produkt für Endkunden anbietet, stellt sich dieselbe Frage: Warum machen die das? Und auch die Antwort ist stets die gleiche, auch wenn sie zunächst mal widersprüchlich wirkt: um noch mehr Geld zu verdienen. Das gilt auch für das neue Betriebssystem Chrome OS.Die Rechnung funktioniert in etwa so: Was die Nutzung des Internet angeht, hat Google längst eine beherrschende Stellung. Die Suchmaschine hat weltweit einen Marktanteil von über 80 Prozent (in Deutschland liegt er noch deutlich höher). Am Gesamtkuchen der Gelder, die im Web mit Werbung verdient werden, hat Google allein einen Anteil von weit mehr als einem Drittel - Tendenz steigend.

Googles   Erlöse - Jahresumsatz 2008: 21,8 Milliarden Dollar - stammen fast ausschließlich aus der Online-Werbung. Weltweit wurden damit im gleichen Zeitraum laut ZenithOptimedia knapp 50 Milliarden Dollar umgesetzt. Googles Erlöse stellen also mehr als 40 Prozent all dessen dar, was global für Netz-Anzeigen ausgegeben wird. Erlöse aus Software-Lizenzen, die etwa an Unternehmen verkauft werden, machten 2008 dagegen gerade mal drei Prozent des Gesamtumsatzes aus. Werbung ist Googles Geschäft.

Zum Vergleich: Microsoft   setzte 2008 über 60 Milliarden Dollar um, fast dreimal so viel wie Google, davon allein 16,8 Milliarden im Bereich Betriebssysteme und knapp 19 Milliarden in der sogenannten Business Division, zu der auch die Office-Pakete mit Büro-Software gehören.

Im Bereich Reklame im Netz jedoch ist Google unangefochtener Marktführer, und zwar nicht nur durch die Textanzeigen, die in die Resultate der Web-Suche eingeblendet werden. Google schaltet auch Anzeigen in Blogs, auf Nachrichtenportalen und auf anderen Web-Seiten - selbstverständlich auch innerhalb von Konzern-eigenen Angeboten wie YouTube.

Auch wer den E-Mail-Dienst Google Mail nutzt, hat sich längst daran gewöhnt, dass neben geöffneten E-Mails Anzeigen eingeblendet werden, die mehr oder minder gut zum Inhalt des Schreibens passen. Google Mail ist die populärste aller Applikationen, die der Konzern bislang ins Netz gestellt hat - daneben gibt es einen Kalender, Software zur Bearbeitung von Texten und Tabellen, einen RSS-Reader, einen Web-Seiten-Baukasten und den Online-Fotodienst Picasa.

Die meisten dieser Dienste laufen - dank spezieller Desktop-Versionen oder der eigens zu diesem Zweck entwickelten Browser-Erweiterung Google Gears - auch dann noch, wenn gerade mal keine Verbindung zum Internet besteht. Viele der Dienste kommen derzeit noch ohne Werbe-Einblendungen daher - aber es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass sich das nicht jederzeit ändern könnte.

Marktanteile: Google und die Konkurrenz

Mit anderen Worten: Auch wenn Google seine Anwendungen verschenkt, ist jeder neue Nutzer ein weiterer, den man Anzeigenkunden als potentiellen Empfänger von Werbung andienen kann. Ein Google-Betriebssystem, das zunächst primär darauf ausgerichtet ist, mit Google-Anwendungen zusammenzuarbeiten, wäre damit ein heimeliges Biotop für ein rein werbefinanziertes digitales Büro.

Und zwar eines, in dem die Werbeeinblendungen möglichst fein auf die Interessen des Nutzers abgestimmt sind - auch Google Mail serviert heute schon Anzeigen, die ein Algorithmus ausgesucht hat, möglichst passend zum Inhalt der Mail. Je mehr der Konzern über seine Nutzer weiß, desto besser wird das funktionieren, desto mehr ist Google-Werbung für die Anzeigenkunden wert. Gleichzeitig wird das wachsende Wissen des Konzerns über jeden, der seine Werkzeuge nutzt, aus Sicht von Datenschützern immer bedenklicher. Mit gleich zwei Betriebssystemen - Android für Handys und Chrome OS für PC - wird der Konzern nun noch mehr Daten über seine Kundschaft sammeln.

Je wertvoller das Netz, desto besser für Google

Die Strategie der Suchmaschinisten dürfte noch weiter gehen: Je mehr Zeit Menschen im und mit dem Internet verbringen, desto besser für Google. Je selbstverständlicher es wird, permanent online zu sein, ob am Arbeitsplatz, zu Hause oder unterwegs, desto häufiger werden Menschen auf Google-Anzeigen stoßen - ob auf der Suchseite selbst oder anderswo. Für nicht wenige Internet-Nutzer, gerade auch hierzulande, sind Google und Internet ohnehin beinahe Synonyme. Die Google-Philosophie ist deshalb seit Jahren: Je wertvoller das Netz für den Nutzer wird, desto wertvoller wird Google.

Auch deshalb digitalisiert der Konzern gewaltige Mengen Bücher, um sie online verfügbar zu machen, deshalb baute er seinen Kartendienst Google Maps mit Satelliten-, Luft- und inzwischen Fassadenbildern zum digitalen Fotoglobus aus, deshalb stellt er kostenlose Übersetzungswerkzeuge zur Verfügung, die Web-Seiten in Fremdsprachen blitzschnell in wenigstens halbwegs verständliches Deutsch oder Englisch übertragen. Für Internet-Nutzer - das muss auch die Konkurrenz anerkennen - schafft der Suchmaschinenkonzern kontinuierlich gewaltigen Mehrwert.

Ein Roboter, der den Schreibtisch durchwühlt

Für Microsoft ist das alles wenig erfreulich. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte man dort keinen Kommentar zu Googles Betriebssystem-Plänen abgeben. Die Entwicklung hin zum allgegenwärtigen Web hat der US-Konzern jedenfalls jahrelang verschlafen. Microsoft ist bis heute eben nicht das Synonym für das Internet, sondern für den Desktop. Microsofts Suchmaschine ist bis heute weit abgeschlagener Dritter hinter Google und Yahoo - auch wenn das neue Modell Bing gerade etwas Boden gutmacht.

Wie erfolgreich das Google-OS sein wird, hängt letztlich jedoch davon ab, wie schnell sich die Menschen in der entwickelten Welt von der Vorstellung verabschieden möchten, dass ein Computer ein sicherer, privater Behälter ist, in dem man Dinge aufbewahrt. Denn das ist der Kern der Desktop-Metapher: Der PC ist darin ein Schreibtisch, mit einer Oberfläche und vielen Schubladen, in denen Ordner hängen, die wiederum Dokumente (Texte, Fotos oder Musikstücke) enthalten. Die Metapher impliziert eine physische Präsenz: Was auf dem Laptop ist, nehme ich mit, wenn ich ihn mit mir herumtrage. Was auf dem Heim-PC ist, steht dort sicher verwahrt im Arbeitszimmer.

Das Google-Modell aber ist: Mindestens eine Kopie des gesamten Schreibtisches steht irgendwo da draußen im Netz herum, in der Wolke, wie man das seit der Erfindung des Begriffes Cloud Computing nennt (siehe Kasten unten). Und wenn der Nutzer gerade nicht hinsieht, wühlt sich ein Roboter methodisch durch die Schubladen, studiert die Dokumente und klebt Zettelchen mit Werbung an ihre Ränder.

Privatnutzer werden es unter Umständen noch hinnehmen, wenn der Nutzen der Online-Anwendungen das Unbehagen über den wenigstens theoretischen Kontrollverlust überwiegt. Schwerer vorstellbar ist, dass auch Unternehmen sich auf dieses Geschäft - Kosten gegen Kontrolle - einlassen werden.

Wie groß der Prozentsatz von Unternehmen unter Microsofts zahlenden Kunden ist, ist den Bilanzen des Unternehmens nicht unmittelbar zu entnehmen. Doch allein der Geschäftsbereich "Server and Tools" setzte 2008 schon über 13 Milliarden Dollar um, dazu kommen die Anteile aus dem Geschäft mit Betriebssystemen, Unternehmens- und Bürosoftware.

IT-Administratoren in Unternehmen dürfte die Idee vom eigenen Schreibtisch, den man abschließen kann, wohl dauerhaft sympathischer sein als die Vorstellung von einer Kopie aller Unternehmensdaten, irgendwo da draußen in der Wolke.

Googles Geschichte

Mehr lesen über Verwandte Artikel