Computer Fluch des Zahnradhirns

1823 begann der Erfinder Charles Babbage mit dem Bau einer visionären Rechenmaschine ­ und scheiterte. Erst jetzt wurde der mechanische Computer vollendet.

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iner der ältesten Rechner der Welt steht im Science Museum in London. In diesen Tagen wird er fertig gestellt ­ mit über 150 Jahren Verspätung.

"Hier ist Computerei noch ein Erlebnis für alle Sinne", schwärmt Doron Swade, Sammlungsleiter am Science Museum. Stolz tritt er an das mannshohe Spalier aus Zahnradsäulen: wuchtig wie ein Kleinlaster, bestehend aus über 8000 meist handgefertigten Einzelteilen, insgesamt fünf Tonnen Feinmechanik.

Die Differenzenmaschine, der wichtigste Vorläufer des modernen Computers, kann nicht viel, das aber perfekt: mit Hilfe eines komplizierten Differenzenverfahrens einfache Gleichungen durchrechnen (Beispiel: "y=x2+x+41"). Vom Anwender wird dabei nur Muskelkraft verlangt.

Swade dreht an der Kurbel. Rasselnd setzt sich die Rechenmaschine in Gang, Spindeln schwirren, Stangen stampfen, eine Helix von Bronzefingern rotiert an der Rückseite ­ ein wilder Walzer der Logik. Wenn einmal die Formel an den frontalen Zahnrädern eingestellt ist, rechnet die Maschine stur die Gleichung durch: erst für x gleich eins, dann für x gleich zwei und so weiter; nach jeder Umdrehung lässt sich auf den Rädchen ein Ergebnis ablesen.

Swade ist ein quirliger Mann, dessen Augen zu leuchten beginnen, wenn er über das Abenteuer schwadroniert, den Uraltrechner nach Originalplänen nachzubauen (Gesamtkosten: über 1,9 Millionen Mark). Besonders begeistert ihn der letzte Baustein, der bislang noch fehlte: der Drucker. Das ist ein kleines Wunderwerk der Technik, das die mathematischen Ergebnisse gleichzeitig auf Papier ausdruckt und auf eine Druckplatte prägt. Vergangenen Dienstag wurde das neue, alte Gerät erstmals getestet.

Unglücke wegen Computer-Fehlern

Ohne den Drucker wäre die "Difference Engine No. 2" wertlos gewesen, wusste schon ihr Erfinder Charles Babbage. Sein Ziel waren absolut zuverlässige Zahlen ­ um Leben zu retten. Es war die Zeit der so genannten Tabellenkrise: Anfang des 19. Jahrhunderts mussten Seefahrer astronomische Daten für ihre Positionsbestimmung in Tabellenbüchern nachschlagen; diese Navigationshilfen wurden in mühsamer Handarbeit von einem Heer von so genannten Computern vorausberechnet ­ so nannte man damals Hilfsarbeiter mit Rechenschiebern.

Doch weil die lebenden Computer beim Rechnen und Drucken häufig schlampten, fuhren immer wieder Schiffe in die Irre oder liefen gar auf Grund. "Ich wünschte bei Gott", fluchte Mathematiker Babbage beim Verwenden der Zahlenkolonnen, "dass eine Dampfmaschine diese Berechnungen gemacht hätte!" Also entwarf er eine mechanische Rechenmaschine und ließ eine erste kleine Demoversion bauen. 1823 wurde er dann von der englischen Regierung beauftragt, seine "Differenzenmaschine" zu bauen, um "Logarithmentafeln so billig wie Kartoffeln" am Fließband herzustellen.

Mit diesem Großauftrag nahm eine Tragödie ihren Lauf, die viele Probleme der heutigen Software-Branche vorwegnahm: verpasste Deadlines und verzweifelte Updates, spektakuläre Demoversionen und gigantische Fehlinvestitionen.

Ada Lovelace, von Technikfeministen als erste Programmiererin der Welt verehrt, war fasziniert von ersten Teilstücken der "denkenden Maschine", die Babbage gern auf Londoner Partys vorführte. Anhand der Schaustücke wurden in den viktorianischen Salons erbitterte Debatten über künstliche Intelligenz geführt. Denn Babbage hatte die Maschine so programmiert, dass sie völlig unerwartete Ergebnisse ausspuckte. Mit diesem Zaubertrick wollte der Erfinder demonstrieren, dass Automaten sogar Schicksalsschläge und Naturkatastrophen vorausberechnen könnten.

Die eigenen Schicksalsschläge jedoch sagte ihm die Maschine nicht voraus. Als ihm binnen eines Jahres Frau, Vater und zwei Kinder starben, betäubte der Workaholic seinen Schmerz mit fieberhafter Nachtarbeit am mechanischen Computer. Immer, wenn ein Teil fertig war, verschlimmbesserte er den Mechanismus weiter, so dass die Handwerker von neuem beginnen mussten.

Nach 20 Jahren vergeblicher Arbeit lästerten seine Gegner, er solle den Rechner wenigstens nutzen, um endlich den Fertigstellungstermin zu berechnen. Über 17.000 Pfund hatte die Regierung bereits in das "Spielzeug" investiert (was dem Preis von 23 nagelneuen Dampfloks entsprach). Schließlich wurde das Projekt storniert, die Maschine in ihren verschiedenen Versionen blieb unvollendet.

Späte Rehabilitierung: Und sie läuft doch...

Erst 1985 machte sich der Sammlungsleiter Swade daran, zu beweisen, dass der Uralt-Rechner wirklich funktioniert hätte. Babbage scheiterte nach seiner Überzeugung nur deshalb, weil er sich beim Bau seines "Zahnradhirns" so halsstarrig und verbohrt verhielt, als ratterte hinter seiner Stirn selbst eine rostige Mechanik.

"Wäre Babbage ein besserer Geschäftsmann gewesen", glaubt auch Nathan Myhrvold, bis vor einem Jahr Forschungschef bei Microsoft, "hätte die Computerisierung vielleicht viele Jahre früher eingesetzt." Myhrvold, der den Nachbau der Differenzenmaschine sponserte und eine Privatsammlung alter Rechner aufbaut, hat für sich selbst schon einen weiteren Kurbelcomputer bestellt: "Ich plane gerade mein neues Haus, und darin habe ich schon ein Plätzchen für eine Babbage-Maschine vorgesehen." Noch dieses Jahr soll am Science Museum die Konstruktion des zweiten Ungetüms beginnen.

Lange Zeit drohte der Nachbau immer wieder zu scheitern, als lastete ein Fluch auf dem Zahnradhirn. Unter der Thatcher-Regierung wurden die Museumsgelder zusammengestrichen; dann sprang auch noch IBM als einziger Sponsor ab. Als Swade auf fehlerhafte Baupläne stieß, vermutete er fast, dass Babbage sie bösartig als Stolperstein hinterlassen habe. Aber am Ende schaffte er es doch.

Noch hakt der Rechenautomat mitunter beim Betrieb, die Testläufe mit dem Drucker werden sich voraussichtlich bis August hinziehen. Dann wird das rastlose Zahnradhirn vielleicht endlich Ruhe finden. Einmal pro Woche soll es Blätter als Souvenirs für die Besucher ausdrucken: übersäht mit den Ergebnissen von Babbages Lieblingsgleichung "y=x2+x+41".

HILMAR SCHMUNDT

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