Computer-Recycling Das Tal der toten Technik

Jaulende Akkuschrauber, mannsgroße Krankrallen, riesige Schrottberge: Die Entsorgung von Verbraucherelektronik hat eine charmante, raue Ästhetik. Eine Reise mit der toten Technik - vom Schrott-Container bis zur Recycling-Firma, wo aus Rechnern wieder Rohstoff wird.

Auf einem Wertstoffhof in Dortmund steht ein dunkelgrüner Container. Er ist etwa drei Meter hoch, bauchig, in seinem Inneren riecht es leicht metallisch. Monitore lagern hier, Fernseher, Tastaturen - und vor allem Computer. Heile, die ihren Besitzern schlicht zu langsam waren, und kaputte, die der Hertz-Stillstand ereilte. Jeden Tag von neun bis fünf tragen Verbraucher in dem dunkelgrünen Technik-Friedhof ihre Geräte zu Grabe.

Auf Neudeutsch heißt der Elektroschrott, der hier gesammelt wird, WEEE: Waste Electrical and Electronic Equipment. Seit März 2006 dürfen Fernseher, Computer oder Mobiltelefone nicht mehr im Hausmüll landen. Die Elektroschrottverordnung  verpflichtet Computerhersteller dazu, den WEEE der Endverbraucher kostenlos zurücknehmen und die Entsorgung zu finanzieren. Rund 1600 dunkelgrüne Container stehen zu diesem Zweck über die Republik verteilt auf kommunalen Sammelstellen.

Der Container in Dortmund ist fast voll, bei der Firma Omnico geht ein Auftrag ein. Binnen 48 Stunden kommt ein Laster zur Sammelstelle und holt den Container ab. Die Omnico ist der Recycling-Partner des Computerherstellers Dell. Mit ihrem Partner, der Elektro-Geräte Recycling GmbH (EGR), entsorgt sie jährlich 74.000 Tonnen WEEE.

Die Leichenfledderer

Im Ruhrgebiet liegt zwischen Essen und Dorsten die Stadt Herten. Am Stadtrand liegt das Hauptquartier der EGR. Mehrere dunkelgrüne Container stehen vor dem Gebäude, bis zu zehn pro Tag werden angeliefert. Durch eine weiße Sicherheitstür gelangt man ins Innere einer langen, staubigen Lagerhalle.

Drinnen waten zwei Männer mit grünen Latzhosen, Staubmaske und Schutzbrille durch den knöcheltiefen E-Schrott. Computer, Fernseher, angegilbte Monitore liegen zwischen Wasserpfützen verstreut. Mittendrin im Schrott finden sich ein blaues Spielzeugauto und die Tastatur eines C-64.

Weiter hinten in der Halle bohrt sich ein Akkuschraubenzieher jaulend in einen Computertower. Hände in Arbeitshandschuhen rupfen einem auf der Seite liegenden Rechner die Eingeweide heraus - Kabel, Schrauben, CD-Rom-Laufwerke lösen sich krachend aus dem Gehäuse. Zwei andere Hände zerbrechen einen Drucker, um die Patronen herauszubekommen. Einzelteile landen donnernd in dunkelblauen Körben.

"In dieser Halle findet die händische Demontage der Geräte statt", erläutert Marc Affüpper, der Geschäftsführer der EGR. "Einzelteile werden hier für den Schredder vorsortiert. Sortenreine Materialien wie Metalle oder Kunststoffe können an dieser Stelle bereits separiert und dem Rohstoffkreislauf wieder zugeführt werden."

Das Giftlager

Giftige Komponenten werden in der Demontage entfernt und gesondert entsorgt. Nickel- und cadmiumhaltige Batterien sammelt die EGR in blauen Tonnen und leitet sie an die Stiftung Gemeinsames Rücknahmesystem Batterien weiter, Bildröhren befreien die Arbeiter von ihrer schwermetallhaltigen Leuchtschicht.

Von der Decke hängt an einem gekräuselten Kabel ein Vakuumheber herab. Ein Mann in Latzhose greift danach, zischend saugt sich der Kran an einem Fernseher fest und wuchtet ihn auf ein ratterndes Fließband.

"Viele Geräte, die hier einlaufen, sind noch funktionstüchtig", sagt Affüpper. "Aber Flatscreens lösen eben Röhrenfernseher ab, und alte Rechenkisten müssen Laptops und schnellen, leisen PC-Boliden weichen." Die Leute kaufen sich neue, bessere Geräte und werfen die alten weg. In der langen Halle in Herten wird die Evolution der Technik sichtbar.

Die Schrotthügel

Sind die Technikkisten demontiert, kommt wieder ein Laster, lädt sich das Stückwerk schnaufend auf den Rücken und fährt damit weiter Richtung Bergkamen, zur Schutthalde der Metall + Recycling GmbH, einem 80.000-Quadratmeter-Areal, auf dem sich WEEE zu meterhohen Haufen türmt. 100.000 Tonnen Schrott verarbeitet die Metall + Recycling GmbH jährlich.

Am Rand des Geländes ragt ein hoher Schrotthügel aus Plastik- und Kunststoffkomponenten in den Bergkamener Himmel. Ein Bagger fährt an seinen Kamm hinauf und schaufelt neue PC-Gehäuse gegen den Hügel. Einzelteile rollen herunter wie loses Geröll, Tastaturen, PC-Gehäuse, Computermäuse knirschen unter den geriffelten Reifen des Baggers.

"IT- und Elektromüll besteht etwa zur Hälfte aus Plastik und Kunststoff", erläutert Jürgen Ostwald, Prokurist der Metall + Recycling GmbH, ein kerniger Mann mit kurzen Koteletten und wachen Augen. Damit ist die Kunststoff- und Plastikaufbereitung der Schlüssel für ein umweltfreundlicheres IT-Recycling.

"Im Recyclingprozess sind Kunststoffteile allerdings besonders schwer zu trennende Materialien", sagt Ostwald. "Manche Gehäuse sind 20, 30 Jahre alt und enthalten giftiges Cadmium oder krebsauslösende chemische Chlorverbindungen." Der Kunststoff müsse derzeit noch von Hand sortiert werden, die SIMS|Group Ltd, die Mutter der Metall + Recycling GmbH, teste aber gerade ein Verfahren zur vollautomatischen Trennung.

Die Todesklaue

Eine Metallklaue, so groß wie ein Mensch, senkt sich surrend auf den Schrottberg, grabscht hinein und hievt eine Ladung Plastikteile hinüber auf ein Fließband. Ratternd rollen die WEEE-Partikel über das Band, in das Metallmaul eines riesigen Schredders hinein. In das gleichmäßige Rumpeln irgendwelcher Maschinen mischt sich ein spitzes, fräsendes Geräusch.

Ein Mann mit weißem Helm und neongelber Weste steht am Band und passt auf, dass sich die Teile nicht stauen. "Manche Männer, die hier arbeiten, waren vorher Kumpel", sagt Ostwald. Doch die Bergwerke sind inzwischen geschlossen.

Der "Schrottbergbau" wird indes so schnell nicht wieder unprofitabel werden: Die SIMS|Group Ltd. steigerte ihren Umsatz auf dem deutschen Markt zwischen 2004 und 2006 von 40 auf 100 Millionen Euro.

Auslöschung und Wiedergeburt

Geld wird hauptsächlich mit dem verdient, was hinten aus dem Schredder herauskommt: mit Rohstoffen, deren Preise in den letzten Jahren tüchtig gestiegen sind. Um aus E-Schrott wieder Rohstoff zu machen, durchläuft der WEEE auf seiner Reise durch den Schredder verschiedene Trennverfahren: Ein Magnetfeld separiert Metallsplitter von Steinen und Gummi, eine Sink-Schwimm-Vorrichtung trennt schweres Kupfer von leichtem Aluminium, über Farberkennung und komprimierte Luft werden weitere Stoffe fein voneinander getrennt.

Unter einem Gewirr von Rohren und Fließbändern schneien grüne Metallflocken, rote Kupferkörner und grauer Eisenstaub auf verschiedene Haufen. Ostwald greift in den roten Hügel hinein, lässt eine Hand voll Kupferspäne durch seine Finger rinnen und nickt zufrieden. Computer, Monitor, Maus und Tastatur sind wieder zu Rohstoff geworden.

Ein letzter Laster kommt, lädt die roten, grünen und grauen Pulver zischend auf und fährt sie weiter in verschiedene Hütten. Aluminium und Eisen sind rein genug, um direkt eingeschmolzen zu werden. Hersteller können aus dem Rohstoff neue Geräte produzieren, die sich die Leute dann wieder ins Wohnzimmer stellen - der Produktkreislauf beginnt von neuem.

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