Computer-Steuerungsideen Massenmordversuch an der Maus

Bald hat sich's ausgeklickt: Immer bequemere Steuerungsmethoden für Computer werden vorgestellt. Nintendos Wii und Sonys EyeToy machten den Anfang - jetzt reicht sogar eine einfache Webcam, um einen Computer mauslos zu bedienen.

Computer haben in den vergangenen 30 Jahren eine sehr einseitige Entwicklung durchgemacht. Von schwarzen Bildschirmen mit grünen Buchstaben haben wir uns zu den hochauflösenden LCD-Monitoren von heute hochgearbeitet. Visuell ist ein PC heute ein Fenster zur Welt, das besser, schärfer und farbenreicher ist als jeder Fernseher.

Vor dem Monitor dagegen sieht es immer noch aus wie 1978 - ein Mann oder eine Frau, eine Tastatur und ein faustgroßes Stück Plastik mit Drucktasten.

Das soll sich nun ändern: Eine neue Generation von sehr klugen Köpfen schickt sich an, der Versklavung durch Maus und Keyboard endlich ein Ende zu machen. YouTube mausert sich in diesen Tagen zum Innovationsmotor. Ideen, die auf Papier nur kompliziert zu erklären wären, finden in Videoform in Windeseile ein weltweites Publikum. Entwickler, Finanziers und Wissenschaftler vernetzen sich in rasantem Tempo.

Das Grundproblem ist immer das gleiche: Computer passen sich heute zwar bei der Datenausgabe den Sehgewohnheiten der Menschen an - bei der Dateneingabe aber muss sich der Mensch dem beugen, was der Computer versteht. Der letzte große Versuch, das zu ändern, waren die Virtual-Reality-Eskapaden der achtziger und neunziger Jahre, mit Datenbrillen und Anzügen mit Drucksensoren. Sie sind auf ganzer Linie gescheitert.

Sony hat den Anfang für den zweiten Anlauf gemacht: Die EyeToy-Kamera für die Playstation 2 war das erste Eingabegerät für den Massenmarkt, das erkennen konnte, was der Mensch vor dem Bildschirm macht. In EyeToy-Spielen kann man Bälle auf dem Schirm mit der Hand wegschlagen, mit rudernden Armbewegungen Fenster putzen oder virtuelle Fliegen verscheuchen - allerdings nur bei guter Beleuchtung und relativ ungenau.

Nintendos Wii hob die Idee dann auf eine neue Stufe: Der fernbedienungsartige Controller wird von einer Sensorleiste am Fernseher erkannt. Das und in die Fernbedienung eingebaute Lage- und Bewegungssensoren sagen der Konsole immer, wo der Controller gerade ist und wohin er zeigt.

Dann kam Apples iPhone und brachte sogenannte Multitouch-Interfaces in den Mainstream: Bildschirme, die mehrere Berührungen auf einmal erfassen können, so dass man auf dem Display dargestellte Objekte mit Gesten vergrößern oder verkleinern, verschieben und verzerren kann. Microsofts baut auf ein ähnliches Prinzip - auf seinem "Surface Computer" genannten Tischrechner sollen sogar mehrere Personen gleichzeitig mit virtuellen Fingerfarben malen können.

An ähnlichen Konzepten arbeiten auch Studenten der Hochschule Konstanz im "Touchtisch"-Projekt . Neue Eingabemöglichkeiten sind zurzeit das Gesprächthema der Branche - auch bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas zu Jahresbeginn tummelten sich die Innovatoren, die die Maus endlich ablösen wollen. Und auch Microsofts nächstes Windows soll mit einem Multitouch-Interface ausgestattet sein.

Es geht im Prinzip um einen regelrechten Massenmord an der Maus. Wöchentlich tauchen zum Beispiel neue Anwendungsmöglichkeiten für die Wiimote auf. Die meisten und originellsten davon erscheinen auf der Webseite von Johnny Chung Lee  (siehe Video oben). Der ist ein Nachwuchsgenie von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh und bekommt momentan vermutlich täglich höher dotierte Angebote aus der Spielebranche. Seine Ideen für die Wiimote weisen in eine Zukunft mit billigen 3D-Displays und digitalen Flipcharts für wenig Geld.

Lees jüngster Streich ist eine Methode, mit der man die Wiimote in ein berührungsloses Zeige-Inferface verwandelt - der simple Trick erlaubt es, mit seinen Fingerspitzen in der Luft herumzufuchteln und damit auf dem Bildschirm die gleichen Effekte zu produzieren, die ein iPhone-Nutzer durch Berühren auf dem Touchscreen seines Handys hervorrufen kann.

Diesmal aber haben andere den genialen Lee geschlagen. Ein winziges Start-up-Unternehmen aus Israel hat eine Möglichkeit entwickelt, das gleiche mit einer handelsüblichen Webcam zu erreichen, was Lee mit der Wiimote und einer Batterie Infrarotlämpchen schafft. Cam-Trax ist eine Software, die aus einer Computerkamera ein Eingabegerät macht, das vier Objekte gleichzeitig verfolgen kann.

Das zu erklären, ist ein bisschen mühsam. Das oben eingebettete Video macht das Prinzip aber in Sekunden verständlich: Es zeigt Yaron Tanne, Gründer von CamSpace , und einige seiner Mitarbeiter, beim Pong-Spielen mit Pappröhren als Schlägern. Und beim Autorennen mit aus Pappe ausgeschnittenen Lenkrädern. Sogar eine Egoshooter-Sequenz ist dabei - gespielt wird nur mit Daumen und Zeigefinger. Kombiniert mit Lees Multitouch-Software könnte Cam-Trax zum Low-Budget-Eingabegerät der Zukunft werden.

Techcrunch berichtet, Camspace habe gerade noch einmal 200.000 Dollar von Investoren eingesammelt. Entwickelt wurde die Software, die bisher noch in einer frühen Testphase ist, innerhalb von drei Jahren über weite Strecken hinweg in Tannes Privatwohnung, schreibt  Techcrunchs Israel-Korrespondent Roi Carthy. Schon jetzt dürften sich die E-Mails von Spielefirmen und Hardware-Herstellern in Tannes Posteingang stapeln.

Vielleicht schaffen die jungen wilden Interface-Entwickler es ja in den kommenden paar Jahren, uns von der Herrschaft von Maus und Tastatur zu erlösen - oder zumindest sinnvolle Alternativen anzubieten.

Auch wenn man von dem ständigen Gefuchtele womöglich irgendwann schwere Arme bekommt.