Computerschach Die Angst der Meister vor der Maschine

Garry Kasparow zeigte Sonntagnacht, dass noch nicht alles verloren ist im Kampf um die Königskrone im intellektuellen Universum. Doch es dauert nicht mehr lang, da sind sich selbst Schachgroßmeister sicher, bis kein Mensch mehr auch nur den Hauch einer Chance gegen schachspielende Computer haben wird.

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Kasparow im Match gegen Deep Blue (1997): "..als ob man gegen eine Wand spiele"
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Kasparow im Match gegen Deep Blue (1997): "..als ob man gegen eine Wand spiele"

Viele sehen im Schachkampf Mensch gegen Maschine das Duell um die Königskrone im intellektuellen Universum. Noch stehen hier die Zeichen auf Unentschieden – doch wohl nicht mehr lang.

Die erste wichtige Niederlage für den menschlichen Intellekt gab es im Kampf zwischen Garry Kasparow und dem IBM-Rechenwunder Deep Blue im Frühsommer 1997. Der Schlagabtausch endete damals verheerend für den damaligen Weltmeister, schließlich musste sich Kasparow mit 2,5 zu 3,5 geschlagen geben. Doch für den Russen stand fest, dass nicht etwa seine Geistesleistung für das Ergebnis verantwortlich war, sondern schnöder Betrug. Nur durch die "schädliche Macht eines multinationalen Konzerns" habe er in New York verloren, grollte er später. Denn seinem Maschinen-Gegner sei "durch menschliche Eingriffe" auf die Sprünge geholfen worden.

Perspektive: Meister Maschine

Doch allen rhetorischen Ausflüchten und Erklärungsversuchen zum trotz: Langfristig werden Menschen gegen die Schachmaschinen keine Chance haben.

Da wären zunächst einmal die wachsenden spieltechnischen Leistungen der Gegner aus Bits und Bytes. Früher gab es für ausgefuchste Schachspieler defensiv angelegte Anti-Computer-Strategien, mit denen die Software ausgehebelt werden konnte. "Damals war der Computer nur auf Figurengewinn aus. Mit einer langfristigeren Strategie konnte man gewinnen. Heute geht das nicht mehr so einfach", erklärt Schachgroßmeister Christopher Lutz im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Supercomputer Deep Blue: Anstelle der "Schränke" spielen heute handelübliche PCs gegen Großmeister
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Supercomputer Deep Blue: Anstelle der "Schränke" spielen heute handelübliche PCs gegen Großmeister

Modernere Software wie etwa Deep Fritz merkt sich zum Beispiel, wenn bestimmte Spielzüge keinen Erfolg gebracht haben. Sie kommen später seltener zum Einsatz.

Eine kreative Spielweise garantiert das allerdings nicht: "Der Computer unternimmt von sich aus relativ wenig, wenn man als Mensch nichts riskiert. Es ist vergleichbar einfach, ein Unentschieden zu erreichen", sagt Lutz.

Aber es ist ungeheuer schwer für Menschen zu gewinnen. Denn die Schachmaschinen arbeiten präzise. Dabei ist nur ein Teil ihrer Spielstärke mit intelligenter Programmierung zu erklären. Denn in der Analyse liegt noch immer die Schwachstelle der Computer. Das gleichen sie mit purer Rechenkraft aus. Sieben oder acht volle Züge lang können die Maschinen alle Möglichkeiten durchprobieren. Für spezielle Spielvarianten sind auch schon einmal 20 oder 30 Züge vorberechnet.

Was nervt ist, das die Kiste keine hat

Doch Lutz erklärt das Problem: "Der Computer berechnet fast nur Unsinn. Er bewertet die Stellung nicht so genau wie der Mensch." Das liegt daran, dass sich eine Schachstellung für Computer nur sehr schwer formalisieren lässt. Aber genau diese Bewertungsalgorithmen werden seit den Tagen von Deep Blue immer besser. Neben klassischen Kriterien wie Zentrumskontrolle versuchen sie inzwischen auch verstärkt Beziehungen zwischen den Figuren zu erfassen.

"Der Computer weiß nicht unbedingt, was die kritischen Momente sind", sagt Lutz. Das muss er aber auch gar nicht unbedingt. Schließlich könnte der Rechner kaum schweißnasse Hände bekommen wie ein Mensch. Und hier kommt der zweite wichtige Punkt in der Bewertung der Maschinengegner ins Spiel: die Psychologie.

Wladimir Kramnik im Spiel gegen Deep Fritz: Zu früh entnervt aufgegeben
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Wladimir Kramnik im Spiel gegen Deep Fritz: Zu früh entnervt aufgegeben

Die Schachrechner machen nicht nur keine Fehler wie – wenigstens von Zeit zu Zeit – ihre menschlichen Gegenüber. Sie sind auch niemals gereizt, müde oder aggressiv. Mit der Präzision eines Uhrwerks spielen sie ihr Spiel, egal ob sie gerade auf der Siegerstraße sind oder ihre Stellung elementar bedroht sehen. "Es ist, als ob man gegen eine Wand spielt", sagt Christopher Lutz.

Und das zermürbt die menschlichen Gegner, wie Weltmeister Wladimir Kramnik im Oktober letzten Jahres in Bahrein erleben musste. In der letzten Partie beim 4-zu-4-Unentschieden gab er entnervt auf – zu früh wie sich später zeigte. Der knallharte Weltmeister hatte sich von seinem stoischen Computer-Gegenüber weich kochen lassen und die Welt hatte zugesehen. "Wer sich mental nicht im Griff hat, verliert", gibt Lutz zu, der Kramnik damals im Mind Sports Center auf der Insel Muharraq sekundierte.

Und auch Garry Kasparow weiß, dass sein Nervenkostüm bei seinem aktuellen Kampf gegen Deep Junior mitentscheiden wird. Die erste Partie dominierte er zwar, doch das war auch Kramnik gegen Deep Fritz gelungen. Im Verlauf des Matches jedoch wurde Kramnik schwächer, während der Rechner natürlich keine Ermüdungserscheinungen zeigte.

Auch Kasparow weiß das. Die Computer "machen einfach immer cool weiter und rechnen und rechnen. Wenn sie in bestimmten Endspielen Wendungen erzwingen können, spielen sie wie Gott – fehlerlos", sagte er im Spätherbst im SPIEGEL-Interview.

Um dann flugs nachzusetzen: "Dennoch glaube ich, dass ich derzeit mit taktischen Manövern gute Chancen habe, gegen die Maschine zu gewinnen."

Doch auch Kasparow weiß, dass der Zug langfristig abgefahren ist, wenn es darum geht, die Rechner in die Knie zu ringen. Er übt sich schon einmal in Bescheidenheit: Solange es in Zukunft einem Menschen gelinge, "immer mal eine Partie" gegen einen Computer zu gewinnen, sei noch nichts verloren im Kampf um die intellektuelle Krone.

Und selbst wenn der Kampf eines Tages endgültig verloren ist - Kramnik und Lutz denken, dass es in fünf bis zehn Jahren so weit sein dürfte – hat Kasparow noch einen Trost parat. Das Schöne am Schach sei, so sagte er in dem SPIEGEL-Interview, dass es die "Demut der Niederlage" lehre.



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