Das Napster-Urteil Gnadenfrist mit harschen Auflagen

Wieder einmal ging es für Napster um Alles oder Nichts. Und einmal mehr gab es am Montagabend eine gerichtlich verfügte Gnadenfrist: Der Fall geht zurück ans Bezirksgericht. Genau genommen ist das eine Niederlage.

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Erneut mit einem blauen Auge davongekommen: Napster kann - vorerst - weitermachen

Erneut mit einem blauen Auge davongekommen: Napster kann - vorerst - weitermachen

Die gute Nachricht vorab: Napster wird nicht geschlossen. Die Schlechte? Das Urteil des Berufungsgerichtes macht es zur Auflage, den Tausch von Copyright-geschützten Material zu unterbinden - sonst wird Napster dicht gemacht. Eine bitter-süße Pille für die Verantwortlichen von Napster und von Bertelsmann, die sich erst im Oktober finanziell an der Tauschbörse beteiligten.

Im Juli 2000 hatte die Bezirksrichterin Marilyn Hall Patel entschieden, dass Napster das Copyright der klagenden Musikfirmen in erheblichen Maße verletze und darum den Betrieb einstellen sollte. Das Urteil wurde nicht rechtskräftig, weil Napster den Weg zum Bundes-Berufungsgericht suchte. Im Oktober wurde das harte Urteil gegen Napster bis zur Entscheidung des Berufungsgerichtes auf Eis gelegt.

Mittlerweile hat sich die Ausgangssituation zumindest teilweise gewandelt. Nachdem es der Bertelsmann-Gruppe Ende Oktober gelungen war, sich in die Musiktauschbörse einzukaufen, um diese zu einem Abo-basierten und legalen Dienst umzuwandeln, waren die Töne deutlich moderater geworden. Das konnte jedoch nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass das Damoklesschwert der Klage nach wie vor über Napster hing: Aus dem Bertelsmann-Hoffnungsträger Napster hätte am Montagabend umgehend die Internet-Seifenblase Schlappster werden können: Der Ex-Shootingstar unter den Filesharing-Diensten, dessen Zukunft am 12. Februar 2001 endete.

Vom Tisch ist all das noch nicht, denn das Berufungsgericht hob das Urteil des Bezirksgerichtes keinesfalls auf. Vielmehr heißt es: Kommando zurück. Gerettet hat Napster an diesem Abend die Urteilsbegründung des Bezirksgerichtes, die nach dem Urteil des Berufungsgerichtes "überzogen" war. Sprich: Es ist nicht falsch, Napster zu schlagen - aber ein Hammer reicht. Das Berufungsgericht wies das Bezirksgericht an, das Urteil zu "überarbeiten".

Dementsprechend dürften weder bei Napster, noch bei Bertelsmann die Korken knallen: Es gibt keinen Sieg zu feiern. Andreas Schmidt, Kopf der Bertelsmann E-Commerce-Group, machte nach der Urteilsverkündigung in Zuversicht: "Filesharing wird es weiterhin geben, und wir werden fortfahren, einen auf einer Mitgliedschaft gründenden Napster-Service zu schaffen, der auch von der Musikindustrie unterstützt wird."

Immerhin haben die Richter nicht verfügt, Napster sofort zu schließen. Auf Klägerseite klingt trotzdem alles etwas fröhlicher: Industriesprecher begrüßten das Urteil als "klaren Sieg".

So klar nun auch nicht, denn immerhin gewinnt Napster noch etwas Zeit. Aber das Urteil ist mit harschen Auflagen für Napster verbunden, die sich nicht leicht werden verwirklichen lassen. Das Weiterbestehen des Musikdienstes ist so unter anderem davon abhängig, ob es den Napster-Verantwortlichen gelingt, Copyright-geschützte Stücke zu identifizieren und aus dem Tauschdienst zu entfernen - sonst droht die Schließung. In Anbetracht von 57 Millionen tauschwütigen Napster-Nutzern eine Sisyphus-Arbeit.

Doch die 57 Millionen muss Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff binden. Noch vor wenigen Wochen kündigte er nicht nur an, dass Bertelsmann Napster "schon im Sommer" zum Abo-Dienst umwandeln, sondern auch, dass Napster bis dahin über 100 Millionen Nutzer haben werde. Von denen hofft er so viele als möglich als zahlende Gäste zu gewinnen, um den Disput um Napster ein für allemal zu beenden - und den Rubel in Bertelsmanns Taschen rollen zu lassen. Derweil wartet die Konkurrenz der anderen P2P-Dienste in den Startlöchern, die der anderen Musikfirmen bald mit eigenen Tauschbörsen auf, um Napster die Kundschaft abspenstig zu machen.

Nun verweist das Berufungsgericht den Fall Napster zurück an eben jenes Bezirksgericht, dass den Dienst so "übermotiviert" verbieten lassen wollte. Hoffnung macht das nicht unbedingt: Es ist eine Gnadenfrist, die Napster und Bertelsmann werden nutzen müssen. Das Unternehmen hat angekündigt, gegen das Urteil des Berufungsgerichtes in Berufung zu gehen. Ein Sprecher: "Wir werden alle Möglichkeiten vor Gericht und dem US-Kongress ausschöpfen, um Napster aufrecht zu erhalten".

Das muss die Tauschbörse allerdings auch, zumindest bis zur Umwandlung in den Bertelsmann-Abo-Dienst - und der muss nun sehr, sehr schnell kommen. Sonst wird aus dem P2P-Überflieger Napster vielleicht doch noch ein Schlappster.

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