Datensicherheit Bits im Bunker

Bergwerke und Luftabwehr-Plattformen werden zu Datensafes umgebaut. Sie sollen wertvolle Daten vor Bomben oder Erdbeben schützen. Doch das größte Risiko ist der Mensch.

Einst schürften Bergleute tief unter der Erde nach Gips oder Eisenerz; heute horten hier vollautomatische Serverfarmen einen wertvollen Schatz: Einsen und Nullen.

So rasch und allgegenwärtig rasen Informationen rund um den Globus, dass sie immateriell zu sein scheinen. Das täuscht. Auch Bits sind verletzlich, können durch Feuer, Erdbeben oder Bomben zerstört werden. Und deshalb brauchen sie Schutz.

Eine junge Branche greift zu archaischen Mitteln und hat die sichersten Orte der Welt übernommen, um dort Daten zu verstauen: Von Gips-, Kalk-, und Salzbergwerken in den USA bis zu einem 30 Meter tiefen Nato-Atombunker bei London; vom Raketenbunker "Titan I" auf der verlassenen Larson Air Force Base im US-Bundesstaat Washington bis zu einer Flugabwehrplattform aus dem Zweiten Weltkrieg vor der britischen Küste.

In diesen Verliesen könnten zukünftige Archäologen einen Schnappschuss des Alltags im 21. Jahrhundert hervorzaubern.

Von fast jedem Bürger hier zu Lande finden sich Spuren in den Datenfestungen, ohne dass er etwas davon wüsste. Die digitalen Sicherungskopien von Kündigungen und Mieterhöhungen, Eheschließungen, Alimentenzahlungen und Schuldenbergen zeichnen ein spiegelverkehrtes Bild der Gesellschaft: eine Gegenwelt aus Akten und Fakten.

Mitten im Hochgebirge der Alpen etwa stehen eidgenössische Elite-Soldaten breitbeinig Wache vor einem Bunkerstollen mit eigener Stromversorgung. "Global Data Fortress" nennt sich diese Festung, in der Banken, Versicherungen und Autofirmen Kundendaten und Passwörter auf der "katastrophensichersten Festplatte Europas" speichern. Die Betreiberfirma Mount10, die den Bunker der Schweizer Armee als Datenfestung nutzt, macht einen Jahresumsatz von rund 40 Millionen Euro.

Die Bombe mag fallen, die Festplatte überlebt

In den Wochen nach dem 11. September verdreifachte sich der Mount10-Aktienkurs fast, bevor er mit Beginn des Afghanistan-Konflikts wieder ins Trudeln geriet - wie eine Fieberkurve des allgemeinen Bedrohungsgefühls.

Auch Wolf-Dieter Böhm lebt von der Angst. "Sie könnten hier eine Bombe zünden, unsere Rechner laufen weiter", beteuert der Filialleiter des britischen Datenlogistik-Imperiums Hays mit weltweit 27.000 Mitarbeitern. Böhm schiebt die über eine halbe Tonne schwere Stahltür der Sicherheitsschleuse auf, dann eine weitere und noch eine. Die Luft ist muffig, aber für Daten ideal: 20 Grad Celsius und 40 Prozent Luftfeuchtigkeit. Batterien versorgen den Bunker, falls das Stromnetz zusammenbricht. Gelöscht würde nicht mit Wasser, sondern mit Gas.

Böhm steigt in den vierten Stock des ehemaligen Luftschutzbunkers im Hafengelände von Hamburg. Auf langen Regalreihen stehen über 75.000 Datenbänder. Jedes enthält bis zu einem Gigabyte Geschäftsdaten - für 150 Unternehmen eine Versicherung gegen den Ernstfall.

In einem Nebenraum summt ein Netzrechner, per Standleitung mit einem Onlinehändler verbunden. Alle Daten aus der Zentrale werden hierher geschickt, auf Band gespeichert und von einem Roboter einsortiert. Der Plan ist einfach: Falls die Zentrale des Onlineshops abbrennt, wird automatisch auf den Reserverechner im Bunker umgeschaltet. Die Onlinekunden würden davon gar nichts merken.

Munter plaudert Böhm von Flugzeugabstürzen, Diebstahl und Brandstiftung. Paranoia ist sein Geschäft. Auch für Privatleute sei Datensicherung sinnvoll. Ab 120 Euro im Monat kann jeder, der will, ein Gigabyte Daten im Bunker hinterlegen. Panzerschränke dagegen seien geradezu leichtsinnig: "Im Brandfall kracht Ihnen das Ding durch den Fußboden bis in den Keller und säuft im Löschwasser ab."

Der Bunker stammt aus dem Zweiten Weltkrieg. Im Sommer 1943 kamen 30.000 Menschen in den Feuerstürmen der britischen Luftangriffe um, ganze Stadtgebiete wurden dem Erdboden gleich gemacht. Der Bunker blieb unversehrt.

Was Böhm zwischen den 1,20 Meter dicken Stahlbetonmauern produziert, ist eine unsichtbare Ware: Sicherheit. "Sicherheit kann man nicht rational fassen, das kommt aus dem Bauch", sagt er. Und erzählt von einem Geschäftsmann, dem das Büro mit allen Unterlagen abgebrannt war. "Zumindest brauche ich in Zukunft keine Datensicherung mehr", habe der Pechvogel gesagt, "denn die Wahrscheinlichkeit, dass meine Firma zweimal hintereinander abbrennt, ist gleich null." Böhm schüttelt darüber nur den Kopf.

Die physische Dicke der Bunkerwände sei nur ein Faktor von vielen, sagt Böhm. Wichtiger sei die "logische Sicherheit", der verantwortungsvolle Umgang mit Daten. "Das größte Risiko sind nicht Brände, Einbrüche oder Sturmfluten", sagt er, "sondern unzuverlässige Mitarbeiter." Ein vergraulter Abteilungsleiter etwa. Oder eine Putzfrau, die den falschen Stecker zieht.

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