Debatte Datenmaut für Internet-TV

Die Debatte über die Frage, ob Serviceprovider Datenmaut für breitbandige Internet-Inhalte verlangen dürfen, verschärft sich wieder. Das US-Justizministerium ist dafür - und könnte einen Trend setzen. Aus Kundensicht wäre das nicht witzig: Multimediale Dienste könnten deutlich teurer werden.

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Wenn jemand weiß, wie man online vertriebene Entertainment-Inhalte an den Kunden bringt, dann ist das fraglos Apple. Um Apples Patentrezept zu verstehen, braucht man auch keinen Doktortitel: Bequem muss der Download sein, lehrt das Beispiel iTunes Store - und vor allem billig. Ende letzter Woche brachte Apple die Preismarge 99 Cent auch für TV-Inhalte im on-demand-Download in die Diskussion. US-Medienberichten zufolge zucken die TV-Inhalteproduzenten da so kräftig wie widerwillig.

Nur wer zahlt, darf weiter: Im Internet ein Konzept, das Fortschritt verhindern dürfte
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Nur wer zahlt, darf weiter: Im Internet ein Konzept, das Fortschritt verhindern dürfte

Und nicht nur die. Der Kampf darüber, wie man die paar Cents der generell eher zahlungsunwilligen Internet-Kundschaft verteilt, ist längst nicht ausgefochten. Und gerade bei den kommenden IPTV-Anwendungen mit Live- und on-demand-Übertragungen von Film und Fernsehinhalten über das Internet, die teils satte Bandbreiten beanspruchen, gibt es besonders viele starke Interessengruppen, die die Hand aufhalten möchten.

Dazu zählen nicht zuletzt die Bereitsteller der Netz-Infrastrukturen. Deren Argumentation, über die seit nun fast zwei Jahren eine lebhafte Debatte tobt, hat in den USA gerade Rückenwind bekommen: Das US-Justizministerium hat der US-Handelskommission FCC, die dort über die Infrastrukturen wacht, empfohlen, den Telkos und Providern eine Datenmaut für breitbandige Übertragungen zu erlauben.

Seit Mai dieses Jahres wird in den Vereinigten Staaten eine Gesetzesvorlage diskutiert, die genau das verhindern soll: "Net Neutrality" soll gewährleisten, dass alle über das Internet übertragenen Daten gleich behandelt werden. Die Infrastruktur-Unternehmen wollen dagegen bei den großen Anbietern von Internet-Inhalten Maut kassieren, denn diese belasteten die Leitungskapazitäten ja in besonderer Weise.

Das klingt zunächst einmal logisch: Auch die Post verlangt für den Transport eines 40-Kilo-Kartons schließlich deutlich mehr als für den einer Ansichtskarte. Es gibt aber auch stichhaltige Argumente gegen diese Sichtweise.

Telkos: Breitbandige Dienste bringen Kunden

Die Netzbetreiber leiden schließlich nicht nur unter der erhöhten Belastung ihrer Infrastrukturen. Es ist gerade diese Last - respektive die Attraktivität der Angebote, durch die sie verursacht wird - die ihnen überhaupt erst die Kunden zuführt. Wer in den nächsten Jahren seinen Internet-Anschluss zur hochpreisigeren Breitband-Verbindung aufbohrt, der tut dies nicht, um in der Wikipedia zu blättern.

Die Aussicht auf zunehmend attraktivere Audio- und Videoangebote lockt die Kunden ins Netz und sorgt bei den DSL-Anbietern für einen seit Jahren andauernden Dauerboom. Selbst die taumelnde Telekom, in den letzten Jahren fast nur noch als Krisenunternehmen im Gespräch, hat - wie der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe berichtet - dort zuletzt wieder kräftig zulegen können. In dieser Hinsicht also sind die Telkos Profiteure der breitbandigen Angebote. Deutlicher noch: Sie können ihren Kram eigentlich nur verkaufen, weil andere Leute dort interessante Dinge anbieten.

Und das wollen immer mehr: TV-Produktionsfirmen, Sender, andere Medienunternehmen und zahllose Start-ups drängen auf den keimenden Markt des IPTV. Von dem scheint völlig klar zu sein, dass er mit Macht einschlagen wird und die Medienszene nachhaltig verändern. Weitgehend ungeklärt ist dagegen, wie man damit wird Geld verdienen können.

Von dem aber wollen die Netzbetreiber etwas abhaben - zumindest in Amerika bekennen sie sich offen dazu. In Deutschland halten sie dagegen die Bälle flach. Zuletzt hatte die Telekom im November 2006 öffentlich ventiliert, das man den Verlauf der Net-Neutrality-Debatte interessiert verfolge. Seitdem herrscht im deutschen Telko-Lager Funkstille, obwohl das Thema immer wieder auf die Agenda gehoben wird.

Im März hatte der ZDF-Intendant Markus Schächter versucht, eine Antwort auf die Frage aus den Providern herauszukitzeln, ob sie auch hierzulande die Hand aufhalten würden. Möglich, dass die lieber auf schlagkräftige Argumente warteten: Auch in Großbritannien flammte die Debatte erst im August 2007 richtig auf, als die BBC große Teile ihres Angebotes im on-demand-Verfahren online stellte. Jetzt hat der Sender die dortigen Netzbetreiber im Nacken.

Aus der Schusslinie

Die Verteuerung von Dienstleistungen, von denen so oder so kaum geklärt ist, wie sie refinanziert werden sollen, könnte also zum echten Fortschrittshemmer werden: genau das hatte Schächter schon im März angewarnt. Und es ist auch das Hauptargument der amerikanischen Net-Neutrality-Befürworter. Zumal die Logik, Netz-Dienst- und Inhalteanbieter für Bandbreite, die online nicht zuletzt synonym für Erfolg steht, zu bestrafen, ja schon jetzt ziehen würde: Verursacher überproportional heftigen Web-Verkehrs sind ohne Frage Marken wie Google, Yahoo, eBay, Amazon oder Wikipedia, in Deutschland gehört auch SPIEGEL ONLINE dazu.

So technisch und exotisch die Debatte über Net Neutrality also zunächst klingt, betrifft das Thema letztlich alle. Noch ist nicht abzusehen, wie sie in den Vereinigten Staaten ausgeht. Dass auch die Telkos in Europa die Hand aufhalten werden, wenn ihre Kollegen in Amerika das durchsetzen sollten, ist jedoch wahrscheinlich.

Die Aussicht ist ja auch zu verlockend: Statt beim Internet-Nutzer abzukassieren, könnte man sich das Geld, das man durch Rabatte für den Endkunden verliert, bei den Inhalte-Anbietern wieder holen. So wäre man aus der Schusslinie: Gierig und mit lädiertem Image stünden dann die Internetfirmen da, die die Datenmaut per Warenpreis an ihre Kunden weitergeben würden. Hauptleidtragende aber wären ausgerechnet kleine kreative Firmen und Macher: Bei dünner Finanzierungslage könnte sie fast nur noch darauf hoffen, nicht zu viel Erfolg zu haben.



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