Der Napster-Deal Rebell und Riese

Bertelsmann bejubelt den Napster-Deal als "Meilenstein in der Musikgeschichte". Gut möglich: Vielleicht wird das betreffende Kapitel einst heißen "Wie die Musikindustrie sich doch noch einmal rettete".

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Andreas Schmidt (r.) und Napster-CEO Hank Berry: Hochzeit von Rebell und Riese - ein Happy End?
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Andreas Schmidt (r.) und Napster-CEO Hank Berry: Hochzeit von Rebell und Riese - ein Happy End?

Kaum eine Meldung "rockte" die Internet- und die Musikindustrie in einem Maße wie der am Dienstag bekannt gegebene Deal zwischen Bertelsmann und Napster. Die Unternehmens-PR fand starke Worte, die das Geschäft in einen historischen Kontext stellten.

Von "historischer" Bedeutung ist Napster tatsächlich. Mit dem Aufkommen der Peer-to-Peer-Technologien (P2P) wurde es Musikfans in aller Welt ermöglicht, über ein relativ sicheres, relativ anonymes Netzwerk Soundfiles auszutauschen - legal, illegal, scheißegal.

Zugleich bastelte die Industrie an Musik-Portalen, über die man Musik-Downloads käuflich erwerben sollte. Zu Preisen, die nur zeigten, dass die Industrie dies nicht wirklich wollte.

Wer bezahlt 4,99 Dollar für das Herunterladen einer MP3-Datei, wenn er sie "umsonst" auch bei Napster, Gnutella, Mojo, Freenet oder sonstwo haben kann? Wer bezahlt die 3,99 Mark, die Bertelsmann für den Einzeldownload bei musikdownload24.de verlangt?

Umsatzzahlen aus dieser Art Geschäft veröffentlicht derzeit kein Unternehmen. Wagen wir doch die kecke Vermutung, dass es damit nicht so weit her sein kann - eine Unterstellung, die sich auf nichts gründet als den gesunden Menschenverstand. Wenn das Objekt der Begierde auf der Straße liegt und laut "Nimm mich mit!" schreit, wird niemand in einen Laden gehen, um dort freiwillig zu zahlen. Nochmal: Die Frage nach Legalität und Illegalität ist Otto-Normal-User schlicht scheißegal.

Kein Wunder also, dass die Stimmen aus der neuen "Gemeinde" der P2P-Nutzer, dass auch die Stimmen der alten Netz-Visionäre - vor Jahren von den Werbefachleuten überollt und lange verstummt - immer lauter wurden: Napster und Co. seien das Ende der herkömmlichen Refinanzierungswege des Musikbusiness. Die ganz "Harten" gehen noch weiter: Das Copyright sei tot, andere Wege, Künstler zu bezahlen, müssten gefunden werden - und die Musikindustrie sei sowieso nichts als ein mafiöser Moloch. Jetzt tobt die Napster-Fangemeinde - aber hatte sie je eine Alternative zu einem solchen Deal zu bieten?

Shawn Fanning: Das Ende der Sorgen für den "Rebellen"?
REUTERS

Shawn Fanning: Das Ende der Sorgen für den "Rebellen"?

Die Vorstellungen, wie man einerseits P2P zum Sieg, und andererseits den Künstlern das Überleben sichern könnte, waren bisher allenfalls halbgar. John Perry Barlow, einst einer der Propheten des kommenden Internet und Kopf der "Electronic Frontier Foundation", meldete sich nach Jahren der Abstinenz wieder lautstark in der Öffentlichkeit (Oder hatte man ihn einfach lang ignoriert?). Barlow, ehemaliger Songschreiber der Grateful Dead, kennt sich aus in beiden Welten: im Musikbusiness und in Cyberia. Zur Entwicklung des Mediums hat er viele wertvolle Beiträge geleistet - seine Gedanken zum Umbruch in der Musik- und Internetwelt gehören nicht dazu.

In einem Artikel in der Oktoberausgabe von "Wired", dem Kultmagazin der Jünger der digitalen Kultur, brachte er sein zukünftiges Geschäftsmodell für die Musikindustrie auf den Punkt, gemacht für eine durch und durch "vernapsterte" Welt.

Das "Hut"-Prinzip

In einer Welt, in der jeder mit jedem tauscht, argumentiert Barlow, hat die Industrie in ihrer jetzigen Rolle keinen Platz mehr. Die Künstler selbst hätten nun die einmalige Chance, für ihre Refinanzierung zu sorgen. Denn wer etwas zu bieten habe, der werde auch belohnt - von dankbaren Napster-Usern, die diesen Künstlern gern und willig von ihren Reichtümern gäben. "Tips" nennt Barlow das, Peanuts für den Einzelnen, potenzieller Reichtum für den Künstler: Der soll schlicht "Trinkgelder" sammeln.

Ein lang bewährtes Geschäftsmodell, dessen exorbitante Erfolgsmöglichkeiten man täglich in den Einkaufsstraßen der Metropolen dieser Welt bewundern kann. Tatsächlich: Je schöner die Musik, desto reicher wird der Künstler. Deshalb steht er ja wohl da.

Das Prinzip "Mittelalter"

Party Time: Eitel Sonnenschein bei der Pressekonferenz mit Napster-CEO Hank Barry, Andreas Schmidt, Thomas Middelhoff und Napster-Erfinder Shawn Fanning (von links)
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Party Time: Eitel Sonnenschein bei der Pressekonferenz mit Napster-CEO Hank Barry, Andreas Schmidt, Thomas Middelhoff und Napster-Erfinder Shawn Fanning (von links)

Auf Gegenargumente, dann würde nur noch Musik im absoluten Mainstream, seichtes, angenehmes Schilli-Schalli, überhaupt eine Chance am Markt haben, ist Barlow bestens vorbereitet. Ja, sagt Barlow, dafür brauchen wir dann "Patronage" - und hier kommt wieder die Industrie ins Spiel. Die könnte doch als Mäzen und Gönner Musiker finanzieren, zu allerseitigem Vorteil. Wie einst im schönen Mittelalter, der Hochzeit der Sanges- und Spielmannskunst.

Wer wird Herrn Barlow und viele seiner Eleven in der Napster-Gemeinde endlich zwicken und darauf hinweisen, dass auch das nicht neu ist? Seit Jahren führt Volkswagen vor, dass sich auch ein mächtiger Konzern durchaus nicht zu schade ist, vielversprechende Nachwuchsbands zu sponsoren, auf das sie endlich, endlich in künstlerischer Freiheit walten können? Kleine Erinnerung gefällig? Volkswagen "förderte" in den letzten Jahren arme Schlucker wie Genesis, Tina Turner, die Rolling Stones, Bon Jovi...

Bertelsmanns Notwehr

Jetzt kommt Bertelsmann. Die "Gemeinde" mag buhen und pfeifen - aber der Schritt der Bertelsmann eCommerce Group ist tatsächlich der einzig konsequente. Die Erkenntnis ist nicht neu. "Solange es keine legalen Angebote gibt, wird auch kein Gericht der Welt die illegale Nutzung von Musik über Gnutella - oder andere Angebote - effektiv stoppen können", ließ sich der eCommerce-Group-Chef Andreas Schmidt bereits im August vernehmen. Und gab zugleich Signale, die damals nicht wirklich wahrgenommen wurden: "Es wird auch von Napster-Usern allgemein akzeptiert, dass auch Musiker für ihre Musik entlohnt werden müssen. Sie wissen, dass ohne das Copyright ein Künstler brotlos wird."

Ja, so ist das, und Start-ups wie Mojo haben das längst begriffen. Die einzige Möglichkeit, digitalen Musikvertrieb in P2P-Netzwerken zu finanzieren, ist das gute alte Abonnement. Wie viel Mist kauft man sich in CD-Form? Wie lang dauert es, bis man vorsichtiger wird, weil man weiß, gelernt hat, dass es in aller Regel ja doch nur um diese eine Stück geht, das aus dem Radio? Werde ich, der Kunde, in einem Jahr zu Bertelsmann "napstern" und mein rund fünf Dollar billiges Monatsabo ausnutzen, nach Herzenslust herunterladen und probehören - und den digitalen Musik-Müll ohne schlechtes Gewissen gleich wieder entsorgen?

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Die Industrie jubelt, die P2P-Fangemeinde ist tief entzweit. Hat Napster nun noch eine Zukunft?

Auch wenn fünf Dollar - eine Zahl, die Napster-CEO Hank Berry nun ins Spiel brachte - mehr sind als ein "Download für gar nichts", kann man die Sache am Ende als Gewinn verbuchen. Die Industrie bekommt weiter ihr Geld, der Kunde mehr für seines - und auch die Künstler bleiben nicht im Regen stehen. Napster selbst und die P2P-Technologie sind der von der Bertelsmann-PR beschworene "Meilenstein in der Musikgeschichte" - nicht der Deal zwischen dem Riesen und dem Rebell.

Der Riese Bertelsmann hat "nur" die Zeichen der Zeit erkannt und das einzig Richtige getan: eine technologische Plattform umarmt, gegen die man zum einen nicht ankämpfen kann - ein Napster-Verbot hätte allenfalls realsatirischen Charakter -, die sich andererseits aber auch trefflich nutzen lässt. Für den Musikvertrieb, die Verbreitung von E-Books - und weiß der Fuchs, worauf die Bertelsmann-eCommerce-Leute noch kommen werden. Die Nase haben Andreas Schmidt und Company ja offensichtlich nicht nur im Wind. Seit Dienstag haben sie die Nase auch vorn: nicht im "Kampf" gegen P2P, sondern gegenüber der lieben Konkurrenz.



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