Der Verdacht bleibt Unterstützt Microsoft den US-Geheimdienst?

Das französische Verteidigungsministerium verdächtigt den Software-Riesen Microsoft der Spionage. Das berichtet die Pariser Tageszeitung "Libération". Der US-Konzern hatte ähnliche Vorwürfe bereits im September vergangenen Jahres zurückgewiesen.


Washington - "Uncle Sam" liest systematisch im Internet vertrauliche Wirtschaftsinformationen mit, berichtet "Focus". Der Computer-Konzern Microsoft geht ihm dabei nach Mutmaßungen des französischen Verteidigungsministeriums zur Hand, will die linksliberale "Libération" wissen. Das Unternehmen aus Redmond (US-Bundesstaat Washington) hat diesen Vorwurf dementiert. Doch er will nicht verstummen. Der von der Regierung in Washington als Monopolist verklagte Software-Riese muss sich daher nicht nur gegen die Gefahr eines Auseinanderbrechens, sondern auch gegen einen schweren Image-Schaden wehren.

Als der Verdacht einer Kooperation erstmals im September laut wurde, ahnte ein Microsoft-Sicherheitsexperte schon: "Wir werden dafür noch und noch bezahlen müssen." Da hatte der Mathematiker und Programmierer Andrew Fernandes von der US-Firma Cryptonym Corporation in der Sicherheitssoftware des Microsoft-Systems Windows einen neuen digitalen Schlüssel mit der ominösen Bezeichnung "NSAkey" entdeckt und enthüllt. Er folgerte, es sei der Schlüssel des amerikanischen Geheimdienstes National Security Agency (NSA) zu jedem mit Windows arbeitenden PC.

Laut Microsoft stimmt das nicht. Es sei nur ein neues Backup für das Verschlüsselungssystem. Der Begriff "NSAkey" dokumentiere lediglich, dass die Software amerikanischen Export- und Sicherheitsvorschriften entspreche. Diese Vorschriften würden von der NSA überwacht. Also keine Schnüffelei und keine anrüchige Liaison mit den "Geheimen" - aber eine unglückliche Namenswahl, die wohl "Konspirationstheoretiker" beflügeln werde.

"Libération" gab die Vermutung weiter, dass NSA-Mitglieder in Entwicklungsteams von Microsoft direkt an der Quelle sitzen könnten. "Focus" beruft sich auf eine vom Europaparlament in Auftrag gegebene Studie, einen ihrer Autoren, den Pariser Wissenschaftler Franck Leprevost, und die deutsche EU-Abgeordnete Ilka Schröder (Bündnis 90/Grüne). Sie befand: "Die US-Giganten Microsoft, Netscape und Lotus statten ihre Software für den Export schon so aus, dass sie dem US-Geheimdienst Zugriff auf E-Mails ermöglichen."

Die Nationale Sicherheitsbehörde (NSA) der steht seit langem unter dem Verdacht der Wirtschaftsspionage. Die zentrale Abhör- und Entschlüsselungsbehörde der Supermacht hat etwa 20.000 Mitarbeiter, nach inoffiziellen Angaben einen Etat von acht Milliarden Dollar und verfügt über modernste Computer.

Vor allem der Bereich der Hochtechnologie übt eine magische Anziehungskraft aus. Der Chef des deutschen Verfassungsschutzes, Peter Frisch, sprach Ende Oktober vor Unternehmern in Frankfurt jedoch davon, dass nicht nur östliche, sondern auch "westliche und befreundete Nachrichtendienste durch Konspiration Wirtschaftsinformationen sammeln".

In das Fadenkreuz der Kritiker in Deutschland geriet vor allem die NSA-Aufklärungsstation im bayerischen Bad Aibling. Sie gilt seit dem Zweiten Weltkrieg als einer der wichtigsten Stützpunkte der elektronischen Aufklärung der USA. Dass die Amerikaner von dort auch die deutsche Industrie ausspähen, verneinte im November der Geheimdienstkoordinator im Bundeskanzleramt, Ernst Uhrlau.

Herbert Winkler



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