Digitale Zukunft "Brillen und Kühlschränke werden zu MP3-Playern"

Die digitale Musik-Revolution hat erst begonnen: Bald werden wir Computern Lieder vorsummen, die wir suchen - und Songs über vielerlei Geräte hören. Das verspricht MP3-Erfinder Karlheinz Brandenburg im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Auch fürs lästige Playlist-Pflegen hat er Ideen.


SPIEGEL ONLINE: Früher war's so einfach: Um in seiner Musiksammlung zu stöbern, schaute man einfach eine Kiste mit Platten durch. Dann kamen Sie und erfanden den Standard MP3 – jetzt müssen Musikfans Playlists durchwühlen und Daten pflegen, sogenannte ID3-Tags, als wären sie Datenbankverwalter. Bereuen Sie's nicht ein wenig?

Brandenburg: Nein. Es ist schön, dass die Wahlmöglichkeiten größer geworden sind. Wer seine Sammlung gut organisiert, hat es gar nicht schwerer als früher, sondern kann inzwischen auch am Computer die Cover durchklicken. Richtig bequem wird es natürlich erst durch Systeme werden, die helfen, Musik automatisch zu sortieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das funktionieren?

Brandenburg: Die Technik wird nach Web-2.0-Art Empfehlungen von anderen Musikhörern nutzen. Oder sie nimmt automatisiert meinen Geschmack auf - ohne dass ich immer wieder sagen muss: Ja, das will ich hören. Es geht mir ja selbst so: Es ist ein fürchterlicher Aufwand, Playlists auf den verschiedenen Geräten zu erzeugen. Und beim Suchen stoße ich dann immer wieder auf Musik, die ich gerade nicht hören will. Das wird in Zukunft viel angenehmer.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Mitunter ist der Pflegeaufwand für eine MP3-Sammlung enorm, gerade Laien verwirrt der Umgang mit ID3-Tags.

Brandenburg: Ein erster Schritt ist unsere AudioID-Technik, die wir schon lizenziert haben. Sie durchsucht eine Musiksammlung und holt Metadaten der Lieder nach - von Titel über Künstlername, Album und Erscheinungsjahr bis zum Genre. Dies funktioniert auch mit einzelnen Liedern und nicht mehr nur nach kompletten Alben. Metadaten werden automatisch vervollständigt, Plattencover angezeigt, die Suchmöglichkeiten erweitert. So kann ich nach einfachen Kriterien Playlisten erstellen. Ein großer Fortschritt.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen haben mit digitaler Musik ein Problem - sie wollen etwas Greifbares, wollen eine CD in der Hand halten.

Brandenburg: Jeder kann ja Musik vom Computer auf CDs überspielen, wenn er will. Der große Vorteil des Digitalzeitalters ist: Vielfalt. Ich bekomme immer leichter Musik, die ich mag - weil das neue Angebot so umfassend ist, dass es in einen Plattenladen gar nicht passen würde. Ich kann aber nach wie vor in den Plattenladen gehen und dort stöbern. Die Schallplatte hat immer noch viele Fans. Solche älteren Medien sterben nicht aus, nur weil ihre Bedeutung schrumpft.

SPIEGEL ONLINE: Sie entwickeln auch neue Techniken zum Finden von Liedern - künftig soll man der Stereoanlage gesuchte Lieder vorpfeifen können. Wie zuverlässig klappt das schon?

Brandenburg: Im Prinzip haben wir diese Funktion im Griff und sie auch schon auf Messen gezeigt. Die Frage ist, wie gut die Leute singen oder pfeifen – die Anwendung ähnelt da noch eher einem Spiel. Technisch wird sich da einiges tun. Das größte Problem ist aber die Lizenzierung: Die Datenbanken für diese Technik sollen möglichst umfassend sein, das macht das Thema zu einer Frage von Gema und Co...

SPIEGEL ONLINE: ...wieso?

Brandenburg: Wenn ich etwas Gepfiffenes mit allen möglichen Melodien vergleichen will, brauche ich eine riesige Datenbank. Juristisch ist das so, als müsste ich Rechte für alle möglichen Melodien kaufen - was eine ziemlich teure Angelegenheit wäre. Dafür wird es in Zukunft aber sicher Lösungen geben. Eine Idee ist die automatische Extraktion aus allen Liedern, die ich schon besitze. Dabei haben wir in jüngster Zeit große Fortschritte gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Viele Nutzer haben ein Problem damit, Musik zu finden, die ihnen gefällt – gerade bei neuen Bands.

Brandenburg: Für solche Zwecke kann ich mir künftig ein persönliches Profil anlegen. Motto: Schau mal nach all der Musik, die ich schon gehört habe, und sag mir, ob es in dieser Richtung neue Entwicklungen gibt.

SPIEGEL ONLINE: Finde ich da wirklich Neues - oder nicht doch das Gleiche in anderer Form?

Brandenburg: Dieses Problem haben wir recht früh erkannt. Wenn solche Systeme immer nur mehr Musik des gleichen Typs finden, werden sie langweilig. Interessant sind sie, wenn sie den Hörer auf Entdeckungsreise schicken...

SPIEGEL ONLINE: ...und wie soll das funktionieren?

Brandenburg: Wir werden solche Systeme auf der Cebit vorstellen – zwar mit Einschränkungen, aber man kann damit schon rumspielen. Diese Systeme gehen nicht einfach simpel nach der Statistik-Methode vor: Wer diese Band gehört hat, mag auch jenes Lied. Da lande ich wegen der Zahlengesetze sehr schnell in der Hitparade und es wird langweilig. Wer dagegen eine gewisse Variabilität einbaut, bekommt bessere Ergebnisse. Man kann auch Lieder mit der gleichen Melodik und dem gleichen Rhythmus suchen – aber aus einem anderen Musikstil. Das wird interessant.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Geräten werden wir in zehn Jahren Musik hören - und wie werden wir sie bedienen?

Brandenburg: Wie heute werden wir Musik von vielen Arten Geräten hören: von Telefonen, PDAs, MP3-Spielern - ja, die wird es in zehn Jahren noch geben -, Uhren, Brillen, Kühlschränken, einfach allen Arten von Geräten. Wo Musikhören eine Hauptfunktion ist, werden wir neue Nutzerinterfaces zusätzlich zu den altbekannten Scrollrädern, Tasten undsoweiter finden. Spracheingabe wird immer noch eine Nischenanwendung sein. Die kreativen Designer in aller Welt werden sicher noch Möglichkeiten finden, die unsere jetzige Fantasie übersteigen. Ganz sicher werden Displays erheblich weiterentwickelt und auch über Gerätegrenzen kommunizieren können: Wenn ich ein Video schauen will, das auf meinem Handy gespeichert ist, gehe ich vor ein Bild an der Wand - das dann von alleine das Display für den Film wird.



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