Digitalkino Filmveredelung mit Tücken

Wer braucht schon Realität? Nach einer kräftigen Effektdusche im Rechner wirken Filmbilder gleich viel authentischer. Doch der Weg zum digitalen Filmdreh steckt voller Stolperfallen - auf Zelluloid jedenfalls mag die Filmbranche so schnell nicht verzichten.

Von Helmut Merschmann


So viel ist sicher: Die Kulisse einer typischen Berliner Straße, mit Tramgleisen und Gründerzeitbebauung, ist noch analog. Auf dem Weg zur Potsdamer Filmhochschule steht die Szenerie auf einem Freigelände und wartet auf den nächsten Drehtermin. Hier entstanden das Musical "Sonnenallee" und auch einige Szenen aus Roman Polanskis "Der Pianist". Zweihundert Meter weiter, in der Filmhochschule, wo diese Woche die Branchenkonferenz Insight Out und eine Fachmesse namens HD Expo stattfinden, darf man seinen Augen nicht mehr trauen. Der Film ist digital geworden, die Manipulationsmöglichkeiten sind unbegrenzt.

Dreharbeiten zu "Das Parfum": Lavendel - aus grau mach violett
2005 CONSTANTIN FILM, MÜNCHEN

Dreharbeiten zu "Das Parfum": Lavendel - aus grau mach violett

Eben noch wirkten die Lavendelfelder gräulich-braun. Tom Tykwer, der mit seinem Filmteam in die französische Auvergne gereist war, um einige Szenen für "Das Parfum" zu drehen, war jahreszeitlich viel zu früh vor Ort. Macht nichts. Auf Knopfdruck färben sich die Felder violett. "Natürlich ist es eine Augenweide zu sehen, wie die Gerüche in leuchtenden Farben ins Bild gesetzt werden", jubelte der Kritiker der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", "wie der Lavendel auf den Feldern blüht und die Mirabellen golden leuchten." Na bitte, Mission erfüllt - die Illusion war perfekt.

Schwieriger Weg zum Digitalen

Nichts ist unmöglich– dank digitaler Visual Effects. Blässliche Gesichtshaut oder ein allzu heiterer Wolkenhimmel? Am Computer werden daraus ein gesunder Hautton und ein dunkel dräuendes Firmament – je nach Bedarf. Spezialisten können sogar Wetterereignisse wie Nebel herbeizaubern, ohne dass am Drehort jemand mit der Kunstnebelmaschine herumgeschlichen wäre. Die Arbeitsabläufe beim Filmen sind dadurch aber nicht einfacher geworden.

Im Gegenteil: Alles ist durch die Digitaltechnologie komplizierter geworden. Vor allem fehlen Standards. "Es gibt keinen Weg zurück zum Analogen", sagt Ulrich Weinberg, Programmdirektor der Branchenkonferenz, "aber den Weg zur vollen Digitalität hätte sich niemand so schwierig vorgestellt."

Aus diesem Grund ist Insight Out entstanden. Die vom Media-Programm der Europäischen Union mit 250.000 Euro geförderte Veranstaltung ist ein intimes Branchentreffen. 51 Teilnehmer aus 26 Ländern treffen auf 35 Trainer, die über die Vorbereitungen für einen HD-Film reden, über die verwirrende Vielzahl von Formaten bei der digitalen Film- und Fernsehproduktion, über 3D-Filme und Motion Capturing. Firmenvertreter stellen Produkte wie die Red One vor. Das ist eine hochauflösende Digitalkamera, die "in der Königsklasse von 4K Bilder aufzeichnen kann und kostengünstig eine Bildqualität produziert, die mit 35mm-Film vergleichbar ist", heißt es in der Ankündigung.

Aufzeichnung auf Compact Flash

Der Preis für das gute Stück inklusive Optik, Speicher und Akku liegt bei rund 80.000 Euro. Nichts für Amateure. Gleichwohl zeichnet die Kamera auf gewöhnlichen Compact-Flash-Speicherkarten auf. Im unkomprimierten Raw-Format bei maximaler Bildauflösung von 4K, das sind 4096 horizontale Pixel, passen auf einen Speicherchip mit acht Gigabyte etwa vier Minuten Film. Genauso viel wie auf eine analoge 35mm-Filmrolle.

Zum Einsatz in 4K kommt es jedoch äußerst selten. Zwar hat sich die Digital Cinema Initiative, ein Zusammenschluss der großen Hollywood-Studios, bereits im Jahr 2002 auf diesen Qualitätsstandard geeinigt. Doch bislang werden Filme allenfalls in 2K aufgezeichnet – der überwiegende Teil sogar noch analog auf Filmmaterial. Dem hochauflösenden Fernsehen reichen schon 1080 Bildpunkte. Und auch das ist hierzulande, nach dem Rückzug von ProSieben und Sat1 aus dem HDTV-Experiment, Zukunftsmusik für den Endverbraucher. Bei ARD und ZDF ist die regelmäßige Ausstrahlung in HDTV erst ab 2010 vorgesehen - Arte allerdings will einem aktuellen Bericht zufolge schon ab Sommer 2008 in hoher Auflösung senden.

Selbst Fachleuten erscheint digitales Kino manchmal noch allzu utopisch. Kaum jemand durchblickt die vielen technischen Formate. Jede Firma preist ihr eigenes Aufzeichnungs-, Speicher- und Kompressionsverfahren an. Allenfalls bei der Bildbearbeitung, nach dem Einlesen der Kameradaten, hat man sich auf das Dateiformat DPX (Digital Picture Exchange) geeinigt. In Potsdam ist ein kompletter digitaler Workflow (Arbeitsabfolge) zu sehen, vom Daten-Recording über Speicherung und Konvertierung bis zur Postproduktion.

Archivierung auf Zelluloid

Technisch ist das alles höchst anspruchsvoll. Denn bei den einzelnen Arbeitsprozessen kommt es darauf an, dass das Ausgangsmaterial keine Qualitätseinbußen erleidet. Gerade beim Farbmanagement sind Filmleute penibel. Da freut es sie zu hören, dass das technische Equipment immer preisgünstiger wird. Vor wenigen Jahren wurden digitale Filme noch am sündhaft teuren AVID-Computer geschnitten. Heute kann jeder mit Final Cut auf dem Apple Macintosh ähnliche Ergebnisse erzielen.

Schon jetzt allerdings zweifeln die Filmleute an den archivarischen Möglichkeiten der Digitaltechnologie. Worauf soll man Filme dauerhaft speichern, wenn ständig neue Formate und Lesegeräte entwickelt werden? Disney wagt gegenwärtig einen beherzten Schritt vorwärts in die Vergangenheit. Neue Filme werden, genauso wie die berühmten Zeichentrick-Klassiker, auf traditionellem Filmmaterial archiviert und in den Salzminen von Kansas gelagert. Dort sind sie vor Alterungsprozessen sicher - zumindest für die nächsten 80 Jahre.



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