Dot.com-Refugees Flucht in die Sicherheit der Konzerne

Die Entlassungswelle bei den Internetfirmen in den USA rollt. Immer mehr ehemalige Dot-Com-Mitarbeiter treten die Flucht zurück in den Schoß der "Old Economy" an.
Von Christian Radler

Nathaniel Freeman glaubte an den großen Karrieresprung, als er im April bei Alladvantage.com  anfing. Das Internet-Start-up wollte Netzbürger fürs Surfen bezahlen und sie im Gegenzug mit Direktmarketing bombardieren. "Es schien der ideale Zeitpunkt zu sein, meinen alten Job bei einer Marketing-Agentur abzulegen und sehr schnell wohlhabend zu werden. Die Nasdaq explodierte damals förmlich", erinnert sich der Betriebswirt aus San Francisco. Einfache Start-up-Mitarbeiter wurden damals noch über Nacht zu Millionären, die Dot.com-Hysterie war auf ihren Höhepunkt. "Mein Job bei Alladvantage.com war es, den Börsenstart vorzubereiten" - damals ein Garant fürs schnelle Geld. Der Jobtitel war ebenfalls nach dem Geschmack des 32-Jährigen: "Director of Investor Relations".

Als dann im April die Nasdaq kollabierte und die Investoren ihre Sparstrümpfe wieder einpackten, "war schnell klar, dass die geplante Emission ausgesetzt und mein Arbeitgeber mich nicht mehr brauchen würde". Der ersten Entlassungswelle bei Alladvantage.com im Juni fiel auch Freeman zum Opfer. Aktienoptionen ade. Er hätte zwar sofort den nächstbesten Dot.com-Job annehmen können, "aber ich wollte vermeiden, dass ich wieder auf der Straße lande, sobald eine Finanzierungsstufe bröckelt".

"Ich habe mir extra ein paar Monate Zeit genommen und meine Hausaufgaben gemacht." Fünf potenzielle Arbeitgeber, darunter zwei Dot.com-Start-ups, kamen in die engere Wahl. Wieder lockten die Stock Options. Doch diesmal gab der Faktor Sicherheit den Ausschlag: Seit November arbeitet Freeman bei IBM in Cupertino. Sein Jobtitel als Marketing-Manager für den E-Commerce ist unspektakulär, Aktienoptionen gab es erst einmal keine - aber das Gehalt ist "sehr gut" und bei IBM werden die Mitarbeiter "nach Leistung am Unternehmenserfolg beteiligt", wie Freeman sagt. Neben der relativen Jobsicherheit ist für den selbst erklärten Dot.com-Flüchtling an IBM vor allem interessant, "dass man nicht ständig damit beschäftigt ist, Feuerwehr für Probleme zu spielen, die man nicht verursacht hat".

Diese Aussage kann Judy Teson nur unterschreiben. "Das Schlimmste während meiner Zeit bei den Start-ups war, wenn ich vor Kunden eingestehen musste, dass ein Produkt nicht pünktlich oder gar nicht fertig würde", meint die heute 58-Jährige. Teson hatte 1991 nach zwei Jahrzehnten bei IBM "der Bürokratie den Rücken" gekehrt, um in drei IT-Start-ups mitzuarbeiten. Seit 1999 ist sie wieder bei IBM unter Vertrag. "Was ich damals für Bürokratie hielt, bedeutet auch Verlässlichkeit und Struktur. Und die erleichtern einem den Arbeitsalltag ganz erheblich", sagt die geläuterte Managerin. "Vor allem, weil nicht gleich der gesamte Ablauf ins Schwanken gerät, wenn wieder einmal der wichtigste Software-Entwickler des Start-ups abgeworben wurde."

Unkonventionelle Sitzmöbel machen noch keine Firmenkultur

"Nicht, dass sich mehr Leute bewerben. Doch der Durchschnittsbewerber ist wieder etwas risikofreudiger und eigenständiger", stellt IBMs Personalchefin für die US-Westküste, Lisa Blackburn, fest. Nach ihrer Erfahrung ist es oft die "fehlende Arbeitskultur", von der Dot.com-Flüchtlinge berichten. "Die meisten Internet-Start-ups interessiert es einfach nicht, ob die Mitarbeiter außerhalb des Unternehmens noch Interessen oder so etwas wie ein Leben haben." Oder in den Worten von Freeman: "Wenn ich auf einem Hüpfball Überstunden mache und dabei Cappuccino trinke, ist das leider noch keine Arbeitskultur."

Neben Branchenriese IBM profitieren auch andere Konzerne von der Entlassungswelle und dem inzwischen etwas ramponierten Ruf der Dot.coms. Bei Sun Microsystems fragt man besonders nach den Erfahrungen der heimgekehrten Mitarbeiter mit kleineren Unternehmen - schließlich alles potenzielle Kunden. "Als ich letzten Sommer bei Sun angefangen habe, waren ein Drittel der Leute, die ich im 'Starterseminar' kennen gelernt habe, 'Heimkehrer' mit mindestens einer Dot.com-Erfahrung", so Sun-Sprecherin Regina Weigand.

Microsoft-Personalchef David Pritchard sagt in Anspielung auf das "Multitasking" bei den Start-ups: "Was die Leute zu uns zieht ist, dass sie sich hier intensiv mit der Lösung von Problemen befassen können, die tatsächlich in ihren Arbeitsbereich fallen." Die Dot.com-Flüchtlinge wissen derlei Selbstverständlichkeiten offenbar sehr zu schätzen - das Rückkehrer-Phänomen hat sich in diesem Jahr bei Microsoft rund 200-mal wiederholt, so Pritchard, doppelt so häufig wie im vergangenen Jahr.

Der Wechsel von der abenteuerlichen Atmosphäre bei den Internet-Start-ups ins geregelte Konzernleben fällt offenbar leicht: Microsoft-Rückkehrerin Leslie Osborn, die für sechs Monate bei einem E-Commerce-Start-up gearbeitet hat, vermisst "nichts". Wie banal die Probleme der Start-ups teilweise sind, wird klar, als die 46-jährige Marketing-Expertin die größte Veränderung in ihrem Arbeitsalltag seit der Rückkehr zu Microsoft nennt: "Dass ich mich nie wieder mit einem halben Dutzend Kollegen am einzigen Farbdrucker des kompletten Unternehmens anstellen muss."

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