Dot.com und Drogen Wer drin ist, ist oft drauf

Die E-Wirtschaft: Wettbewerb in einer Welt, in der die Zeit schneller rast als anderswo. Viele "Dot.comer" arbeiten im Exzess - und helfen sich mit Drogen auf die Sprünge.
Von Gerti Schön

Mit Kopfschütteln und zunehmendem Erstaunen beobachtet Alex Stalcup einen der neuesten Trends, der aus dem Silicon Valley kommt: Drogenmissbrauch. "Dies ist eines der spannendsten Phänomene unserer Zeit" sagt der Medizinische Direktor des New Leaf Treatment Centers in Concord bei San Francisco. Und anders als so manch verächtlicher Internet-Deserteur, der auf die neureichen Tekkies und ihren Hang zu exzessiven Partys herunterschaut, scheint Stalcup sich aufrichtig Sorgen um die ausgebrannten Internet-Arbeiter zu machen.

Allein in den vergangenen neun Monaten hat sich die Zahl der neuen Suchtpatienten aus dem Hightech-Milieu in Stalcups Klinik verdreifacht und liegt jetzt bei "mehreren dutzend". Besonders im Silicon Valley und dem Äquivalent an der Ostküste, Silicon Alley, steigt der Bedarf. So bieten etwa die University of California in Los Angeles und diverse Zentren in New York eine Behandlung bei Missbrauch von Metamphetaminen  an.

Gefragt sind unter den IT-Arbeitern vor allem Aufputschmittel wie Speed, die sie länger wach halten, ohne high zu werden. "Die Leute sitzen an riesigen Projekten, die innerhalb einer Woche fertig werden müssen, und sie arbeiten Tag und Nacht durch", sagt Stalcup. Große Mengen Koffein, wie sie auch in Drinks wie "Red Bull" vorhanden sind, reichen nicht mehr.

"Manche verlieren wirklich die Kontrolle über sich und funktionieren ohne das Zeug einfach nicht mehr", schildert der Therapeut. "Wenn ich frage, warum nehmen Sie es denn, dann schauen sie mich an, als wäre ich verrückt". Wachbleiben wird zum Bestandteil der Job-Beschreibung. "Wenn ich ihnen sage, Sie müssen ihren Lebensstil ändern, dann heißt es: Dann verliere ich meinen Job". Stalcup klingt frustriert. "Ich weiß auch nicht, was ich dann noch sagen soll."

Tödlich enden kann die Gier nach Aufputschmitteln dann, wenn man anschließend betäubende Drogen nimmt, um Schlafen zu können. Das berühmteste Opfer dieser Praxis war im vergangenen Sommer der 26-jährige Aaron Bunnell, Chefredakteur der Content-Seite Upside.com, der an einer Mischung von Valium, Alkohol und Heroin starb. Sein Vater, der "PC World"-Verleger David Bunnell, bezeichnete ihn als "Opfer des Dot.com-Booms". Einen Überdosis-Fall hatte Stalcup noch nicht. "Nur" eine Handvoll Selbstmorde. "Die haben sich umgebracht, weil sie dem Druck nicht mehr standhalten konnten".

"Wo Geld ist, ist auch Kokain"

Auf der anderen Seite der Skala tauchen gleichzeitig immer mehr Genuss-Junkies auf. Auch sie kommen in Stalcups Klinik. "Das sind junge, gut verdienende Leute, und in ihrer ganzen Umgebung wird gekoks und geraucht, und ihre Vorgesetzten machen mit". Ähnlich wie während des Wall-Street-Booms der achtziger Jahre wird Kokain hier zur Droge der "Nouveau Riche - im Silicon Valley sind das die Bosse mit ihren Porsches, ihren Vorzeige-Frauen und ihren Millionen-Dollar-Häusern", sagt Stalcup bemerkenswert nüchtern. "Wo Geld ist, ist auch Kokain".

Die Hightech-Firmen haben kein Interesse, die Drogenkultur auffliegen zu lassen. Außer bei Intel gibt es im ganzen Valley kein Unternehmen, das gelegentliche Kontrollen unter den Mitarbeitern durchführt. Unter dem Deckmäntelchen, dass dies zur Privatsphäre jedes Einzelnen gehöre, tolerieren sie den Missbrauch, um ihre Angestellten leistungsfähig zu halten. "Sie wenden sich ab und hoffen, dass es irgendwann aufhört".

Stalcup will wissen, ob das gleiche auch in Deutschland vor sich geht, wo zumindest die Presse noch nicht darüber berichtet hat. "Die breite Masse nutzt überall noch Koffein. Aber wo die Menschen überarbeitet sind, gibt es auch Drogenmissbrauch. Das geht schon seit Jahren so. Ich wundere mich, dass die Medien erst jetzt darüber schreiben".

Trotz des Zuwachses seiner Kundschaft nimmt Stalcups Behandlungszentrum immer noch Patienten an. Obwohl in den USA keine Krankenkasse einspringt, zahlen die Teckkies bereitwillig für ihre Therapie. "Geld haben sie ja".

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