Dreikampf über DSL Surfen, Quatschen, Glotzen

Microsoft und Internetprovider trommeln mächtig für Triple Play - das ultraschnelle DSL mit IP-Telefonie und IP-Fernsehen. Vor allem die TV-Übertragung gilt als technisch ambitioniert. Echte Vorteile für den Zuschauer sind kaum erkennbar – im Gegenteil.

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Was tun, wenn der Absatz zu lahmen droht? Marketing-Fachleute haben dafür eine einfache und logische Antwort: neue Produkte entwickeln. Genau das tun derzeit DSL-Provider weltweit. Ihre treuesten Kunden der ersten Stunde surfen schon seit Jahren mit Highspeed durchs Netz und profitieren mittlerweile vom Preisverfall der Breitbandzugänge.

Belgacom-Werbung für IPTV: Über 60 Kanäle und zusätzliche Fußball-Abos
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Zwar verkaufen die Provider ihre DSL-Anschlüsse nach wie vor wie warme Semmeln - aber irgendwann ist der Markt gesättigt. Immer schnelleres DSL mit Datenraten von 5, 15 oder gar 50 MBit/s ist für die meisten Anwender kaum notwendig. Einzig beim Herunterladen von Filmen spürt man den deutlichen Geschwindigkeitssprung. Genau hier wittern die Internetprovider deshalb Chancen, noch schnellere und entsprechend teurere DSL-Zugänge an den Mann zu bringen.

Triple Play heißt die Strategie in der Sprache der Manager. Der DSL-Anschluss soll nicht nur Internet, sondern auch IP-Telefonie und IP-Fernsehen bieten. Den Löwenanteil der Bandbreite beansprucht IPTV - fürs Surfen und Telefonieren sollen kleinere Teile der Bandbreite fest reserviert sein, so dass alle drei Dienste auch parallel funktionieren.

T-Online hat bereits erste Feldtests absolviert und befindet sich laut Firmensprecher Martin Frommhold "in Sondierungsgesprächen mit verschiedenen TV-Sendern". Swisscom will im nächsten Jahr starten; in Belgien und Hongkong ist IPTV bereits Realität.

Schön ausgedacht, das Ganze, aber werden es die Kunden auch wollen? Und brauchen sie es überhaupt?

Ja, sagt der Liebhaber amerikanischer Serien, der diese am liebsten im Original schaut, Monate bevor sie mehr schlecht als recht synchronisiert im deutschen Fernsehen laufen. Ja, sagt der Hardcore-Gamer, der endlich mal in einen 24-Stunden-Spiele-Kanal aus Südkorea reinzappen will.

Oh ja, das will ich haben!

Das sind verständliche Wünsche, sagen die Rechteinhaber aus Hollywood. Aber zumindest wenn es um unsere Produktionen geht, passen derartige Begehren nicht in die althergebrachte Verwertungskette, in der jedes Land einzeln abgearbeitet wird. Auch die ProSieben-Manager wären kaum davon angetan, wenn die neuen Folgen von "Desperate Housewifes" nicht zuerst auf ihrem Sender, sondern in einem Kanal von T-Online oder AOL laufen würden.

Wer glaubt, IPTV bedeute, dass man mit einem Highspeed-Zugang, egal wo man auf der Welt wohnt, problemlos Sender wie HBO, BBC oder ARD sehen kann, täuscht sich. IPTV ist weniger ein Internetfernsehen für das globale Netz, es ist vielmehr ein Providerfernsehen, das nur die Kunden eines bestimmten Anbieters, etwa T-Online, British Telecom oder Swiss Telecom, sehen können. Die Sendungen sind nur innerhalb des Providernetzes abrufbar - eine Verbindung nach draußen ins globale Internet ist nicht vorgesehen.

Letztlich stellt IPTV nur einen neuen Übertragungsweg für Fernsehsignale dar - zusätzlich zu Kabel, Satellit und Antenne. Hier wie da benötigt der Kunde eine Settop-Box, in die entweder ein Antennenkabel oder eben das Netzwerkkabel gesteckt wird, das über den Router die Verbindung ins Internet sicherstellt.

Direkt am Computer wird man das Fernsehprogramm nicht sehen können, obwohl das ja eigentlich nahe liegt. Das erklärten Microsoft, Swisscom und T-Online unisono auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Vorspulen verboten

Der Grund ist offensichtlich: Nur eine geschlossene Settop-Box mit zertifizierter Hardware scheint den Anbietern ausreichend Schutz vor Raubkopien zu bieten. Bei Microsoft, wo man ein eigenes IPTV-Konzept namens Microsoft TV entwickelt hat, spricht man von einer "sicheren und geschützten Auslieferung der Programme an den Zuschauer".

Im Klartext: Die gestreamten Videodateien werden mit Digitalem Rechtemanagement (DRM) geschützt sein. Mögliche Folgen: Der Zuschauer darf eine Sendung nur dann aufnehmen, wenn es per DRM nicht verboten ist. Gleiches gilt für Time-Shifting - das zeitversetzte Ansehen eines Films - und damit auch für das Überspringen von Werbepausen.

An einer Aufnahmefunktion haben TV-Sender ohnehin wenig Interesse, denn sie finanzieren sich über Werbung, die sich mit digitalen Videorecordern leicht ausblenden lässt. Zumindest Swisscom will seine Settop-Boxen trotzdem mit Festplatten ausstatten, um Time-Shifting und das Mitschneiden von Sendungen zu ermöglichen. Ob der Record-Button tatsächlich wie gewollt funktioniert, werden die Schweizer Zuschauer ab 2006 sehen.

Prinzipiell könnte IPTV für den Zuschauer eine Menge Vorteile bringen. Doch was technisch möglich ist, siehe Time-Shifting, muss noch lange nicht erlaubt werden. So auch das Loslösen vom festen Fernsehprogramm. Statt punkt 20.15 Uhr vor der Glotze zu sitzen, wäre es mit IPTV auch möglich, den Filmstream dann abzurufen, wenn man Lust dazu hat - zum Beispiel 21.00 Uhr oder am nächsten Vormittag.

IPTV-Start mit hundert Kanälen

T-Online-Sprecher Frommhold bezeichnete diesen nachträglichen Streamabruf sogar als "einen der Attraktoren und hauptsächliche Kernfunktion bei IPTV". Nur werden es die Provider schwer haben, diese Kernfunktion tatsächlich anzubieten. Die Fernsehsender besitzen nämlich meist nur die Rechte zur Live-Ausstrahlung von Filmen - ein späterer Abruf fällt nicht darunter. So steht bereits jetzt fest, dass Swisscom die Programme seines geplanten IPTV-Angebots ausschließlich live streamen wird.

Der Schweizer Provider will im Testbetrieb für eigene Mitarbeiter zunächst mit rund hundert Kanälen starten. Es könnten später auch deutlich mehr werden, sagte Michael Zumsteg, Gesamtprojektleiter IPTV bei Swisscom. "Theoretisch gibt es keine Obergrenze. Die Frage ist, ob sich das lohnt."

Beim Zappen werden die Kunden sich in Geduld üben müssen. Bei PCCW, dem IPTV-Anbieter aus Hongkong mit einigen hunderttausend Kunden, dauert das Umschalten von Kanal zu Kanal zwischen einer und zwei Sekunden. Kein Wunder, schließlich muss sich die Box in einen anderen Videostream einklinken. Mit technischen Rafinessen, etwa durch das parallele Abgreifen mehrerer Streams, soll die Umschaltzeit verringert werden. Microsoft verweist auf ein eigenes Patent, das angeblich sofortiges Umschalten ermöglicht.

Zu den Tücken der IPTV-Technik gehört auch die nötige Pufferung der Videostreams, um bei kurzzeitigen Bandbreitenengpässen nicht gleich eine Sendeunterbrechung zu riskieren. Die Settop-Box wird das Programm zumindest um Sekundenbruchteile verzögert wiedergeben. Fällt bei einem live übertragen Fußballspiel ein Tor, dann wird man künftig wohl dreifach Jubel vernehmen: Erst schreien die Kabelkunden Tor, dann die Satellitenschüsselbesitzer - und möglicherweise als Letzte die IPTV-Kunden.



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